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| Inhaltsverzeichnis Vorwort 1. Die Belagerung von Mainz 1789-1806 Die Revolution verändert die Landkarte 1792-1806 Die französaische Besatzung von Mainz 1813 Als Rekrut war ich bereit und war meiem Herren unterthänig 1814 ...und gebt Eure Festung auf. Das Aufstellen des Regiments Oranien-Nassau. Die Übergabe von Mainz 2. Das Leben im 19.Jahrhundert In der Heimat 3. Der Feldzug gegen Napoleon 1814-1815 Der Wiener Kongreß und die Rückkehr Napoleons 1814-1815 In Brabant 15.06.-16.06.1815 Das Gefecht von Quatre-Bras 16.06.1815 Der Kampf von Ligny 17.06.1815 Rückzug auf Mont Saint Jean 4. Die Schlacht von Waterloo 18.06.1815 Vor dem Kampf - Wir wurden also geduldig zur Schlacht geführt 18.06.1815 Die große Schlacht 18.06.-19.06.1815 Der Schrecken nach der Schlacht 5.Die Kapitulation Frankreichs und die Zeit danach 19.06.-01.07.1815 Die Verfolgung der französischen Armee bis Paris 01.07.-01.12.1815 Nach der Kapitulation 01.12.1815-19.08.1820 Die Stationierung in den Niederlande und das Ende der Militärzeit |
Geschichte
ist erstarrte Politik. Der Satz von Sebastian Haffner
schwirrte mir während meiner Recherchen immer wieder im Kopf
herum. Mein
Interesse an der Geschichte war immer gross. Am Anfang stand für
mich zuerst
die Neugier auf die Geschichte in der Geschichte . Seit einigen Jahren
schlummerte die Kopie des Lebenslaufes von Johann Jost Holighaus in
einer
Mappe. Einen Waterlookämpfer unter seinen Vorfahren zu haben,
empfand ich als
eine Besonderheit die darauf wartete erforscht zu werden. Also machte
ich mich
auf die Suche.
Andererseits
war in
der
Geschichte der Krieg immer das große Ereignis, welches die
Heldenepen und
–tragödien hervorbrachte und somit immer wieder zum zentralen
Geschehen
unserer Kultur wurde. Der Anteil des einfachen Soldat daran ist, anonym
zu
kämpfen, zu leiden und zu sterben. Den Sieg zu erringen, blieb immer den
Herrschern und Generälen vor-behalten. Die Hoffnung des Soldaten,
sein Tod möge
einen Sinn haben, wurde und wird von Politikern und den
Militärführern immer
wieder missbraucht. All zu oft hat sich diese Hoffnung als
trügerisch erwiesen.
Der Begriff des Vaterlandes bleibt ein nebulöses Ideal. Heimat
oder Werte? Auf
jeden Fall nützt er den Mächtigen. Und doch klammert sich der
einzelne an diese
Hoffnung die ihm hilft nicht verrückt zu werden, in dem Wahnsinn
eines Krieges.
Nur die Führer und ihre Geschichte werden je nach politischer
Notwendigkeit,
glorifiziert oder verteufelt und gehen so in unser
Geschichtsverständnis ein (Ich wollte es wäre
Nacht oder die Preussen
kämen). Das nur die Geschichte der Gewinner in das kollektive
Gedächtnis
eingeht, sollte uns beim Betrachten immer klar sein. Waterloo war die
absolute
Niederlage eines Heroen seiner Zeit. So absolut, daß der Ortsname
(an dem die
Schlacht gar nicht stattfand, sondern nur das Hauptquartier
Wellingtons, also
des Siegers, war) zum Synonym für die totale Niederlage wurde. Das zu entscheiden bleibt allerdings dem geneigtem Leser überlassen. November 2004, Alexander Peter zurück zum Inhaltsverzeichnis Die
Belagerung von Mainz
1789
–
1806 Die Revolution verändert die Landkarte Um zu verstehen warum Johann Jost die Schlacht von Waterloo als Soldat eines holländischen Hilfsregiments erlebte, muß die Vorgeschichte des Konfliktes betrachtet werden. Bevor
1806
das Herzogtum
Nassau entstand, war das Gebiet des Herzogtums
ein Flickenteppich aus ein paar Dutzend geistlicher und weltlicher
Kleinstaaten
und klein-staatlicher Fragmente und Splitter. Seit der 2.
Hälfte das 18.
Jahrhunderts, beginnen sich, durch aufklärerische Ideen, die
Verhält-nisse in
den nassauischen Fürsten-tümern zu
verändern. Dies gilt auch für Nassau–Oranien. Die
Intelligenz–Nachrichten
verbreiten diese Ideen. Privilegien des Adels werden abgebaut, dem Wohl
des
Volkes wird mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Dies geschieht aber fast
aus-schließlich
auf einer philosoph-ischen Ebene. Die einfachen Menschen spüren
von alldem
nichts. Es gibt noch die Leibeigenschaft, körperliche
Züchtigung gehört zum
Strafmittel für Erwachsene und die ländliche Bevölkerung
ist bitterarm. Während
in den nordamerikanischen Kolonien Englands bereits der Gedanke vom
Staat als
Gesel-lschaftsvertrag zum Wohl der Bürger umgesetzt wird,
erscheint in Europa
am Himmel die blutrote Sonne der französischen Revolution. Sie ist
1789 der
Anlaß für Hoffnungen, gerade in den deutschen
Nachbarstaaten Frankreichs. Abb.1:
Das Heilige Römische Reich Deutscher Nationen gleicht einem
Flickenteppich mit ettlichen Grafschaften, Fürstten- und
Herzogtümern und Königreichen Die Parolen von Freiheit und Gleichheit wirken sich unmittelbar auf die Bevölkerung aus. Unruhen unter den Einwohnern von Nassau–Saar-brücken im September 1789 werden blutig niedergeschlagen. Die deutschen Regenten kennen kein Pardon. Der 1792 ausbrechende Reichskrieg ist der Auftakt zu einer Epoche kriegerischer Konflikte die mit den Befreiungskriegen 1813–1815 ihren Abschluß finden. Die französische Revolutionsarmee ist durchdrungen von ihren politischen Ideen und eine neue militärische Taktik beflügelt sie. Außerdem drängt es Frankreich an den Rhein, der als natürliche Grenze angesehen wird. Die beiden Groß-mächte Österreich und Preußen treten mit wechselnden Koalitionen Frankreich entgegen. Das Ziel ist nicht nur die französische Armee zu besiegen, sondern auch die Revo-lution niederzuwerfen. Allerdings handeln diese Mächte großmacht-politisch egoistisch, was auch die kleineren deutschen Staaten, teils als aktive Verbündete, teils als passive Objekte zu spüren bekom-men. Da das Mittelrheingebiet hart umkämpft ist, gilt dies auch für die nassauischen Staaten. Preußen und Österreich vertreten nur ihre eigenen Interessen. 1795 und 1797 handeln sie einen Frieden mit der französischen Revolutionsregierung aus, der einen umfangreichen Ländertausch, darunter das linke Rheinufer, beinhaltet. So bleibt dem Heiligen römischen Reich nichts anderes übrig als im Reichsfriedens-kongreß Ende 1797, ebenfalls den Verzicht auf das linke Rheinufer zu erklären. Aber noch während der Friedensverhandlungen in Raststatt bricht erneut ein europäischer Krieg zwischen Frankreich auf der einen und Österreich, England und Rußland auf der anderen Seite aus. Nach dem Frieden von Lunéville 1801, wird 1803 im Reichs-deputationshauptbeschluß, durch eine geheime Absprache zwischen dem siegreichen Napoleon und Zar Alexander I. von Russland, die französische Vorstellung über die Gestaltung der deutschen Staaten festgeschrieben. Die deutschen Mittelstaaten sollen vergrößert und zu einer von Paris abhängigen „dritten Kraft“ in Deutschland werden. Das Ziel, die Mittelstaaten zu stärken, verfolgt Napoleon in den nächsten Jahren konsequent weiter. In der dritten antifranzösischen Allianz, entscheiden sich schon Bayern, Baden und Würtemberg gegen Österreich und für Napoleon. Nach der Schlacht bei Austerlitz spricht im Dezember 1805 der Friedensvertrag von Pressburg, vom Reich nur noch als Deutschem Bund. Bayern, Baden und Würtemberg werden souverän. Als Folge daraus entsteht am 12.Juli 1806 der Rhein-bund. 16 deutsche Fürsten unter-zeichnen durch Ihre Vertreter den Vertrag. In Artikel I erklären sie ihre dauernde Trennung vom Gebiet des Deutschen Reiches (Abb. 2). Am 6. August verkünden die Reichsherolde in Wien dem Volk, dass Franz II. sich entschlossen habe, die Kaiserkrone niederzulegen und das Heilige Römische Reich für beendet zu erklären. Ein 900 Jahre altes Verfassungsgefüge hat zu bestehen aufgehört. Da der Rheinbund seine Existenz Napoleons Gedanken verdankt mili-tärisch leistungsfähige aber nicht gefahrdrohende Staaten zwischen Frankreich und Österreich, Preußen zu etablieren, beschäftigen sich zwei Drittel der Artikel der Rheinbundakte mit Gebietszuweisungen und Rang-erhöhungen. Aus den Grafschaften Nassau-Usingen und Nassau-Weilburg wird mit einem gehörigen Zuwachs, das Herzogtum Nassau. Napoleon schafft mit dem angren-zenden Großherzogtum Berg ein künstliches Staatsgebilde. Dies um-fasst auch das Amt Dillenburg, dass ehemalige Stammland der Linie Nassau-Oranien, die im Tausch dafür, mit einem Zuwachs in den Niederlanden entschädigt werden. So wird aus Johann Jost Holighaus im Alter von 13 Jahren, ein Bewohner des Groß-herzogtums Berg. 1792–1806
Die französische Besetzung von Mainz
Nachdem am 23. Juli 1793 die Mainzer Republik durch die Kapitulation der französischen Garnison ihr Ende gefunden hat, hört auch der erste deutsche Staat revolutionärer Prägung auf zu existieren. Der Ursprung dieser Entwicklung liegt im September 1792. In dieser Zeit, stoßen die französischen Revolutionstruppen unter General Custine über die Pfalz auf Mainz zu. Panikartig verläßt Kurfürst Erthal Mainz und flüchtet auf das rechte Mainufer. Nach drei Tagen wird die Stadt übergeben und Custine zieht mit seinen Truppen ein. Damit haben die Franzosen eine der größten Festungen Deutschlands, die – wie so oft - mit einer viel zu kleinen Besatzung gehalten wurde, in ihre Hände bekommen. Doch es ist keine normale Besetzung, sondern der Versuch die zweite radikalere Phase der französischen Revolution nach Deutschland zu verpflanzen. Schon zwei Tage nach der Übergabe wird die „Gesellschaft der Freunde der Freiheit und Gleichheit“ gegründet. Die „Klubisten“, wie die Mainzer Jakobiner genannt werden, rufen zur Veränderung aller Verhältnisse auf. Doch General Custine erklärt, daß die bestehende Rechtsordnung und Besitzverteilung beibehalten wird und die Behörden weiterarbeiten sollen. Die Franzosen sehen sich nicht als Besetzer, sondern als Befreier. Das Selbstbestimmungs-recht soll erhalten bleiben. Aus-drücklich erklärt Custine, er werde die Entscheidung der Mainzer res-pektieren, selbst wenn sie das Ancien Règime wiederherstellen wollen. Damit entspricht er der neuen französischen Außenpolitik die auch in Belgien und Savoyen umgesetzt wird. Natürlich wollen die Franzosen die Mainzer für eine Revolution gewinnen. Sie fördern die Klubisten die sich aus Intellektuellen aber auch kleinen Handwerkern zusammensetzen. Die Revolutionier-ungsbestrebungen werden gezielt auf die Dörfer der Umgebung aus-gedehnt und dort zunächst verhält-nismäßig gut aufgenommen. Republikanische Feste werden gefeiert bei denen man Freiheitsbäume errichtet. Viele sehen zudem diese Verän-derungen als Gelegenheit alte Konflikte mit ihren Grund-, Orts-, oder Landesherren zu lösen. Im Dezember beginnt eine neue Administration Unterschriften für die Annahme der fränkischen Kon-stitution, eine Art Revolution und die Reunion mit Frankreich, zu sam-meln. Obwohl 29 von 40 Gemeinden zustimmen, wird die Umfrage unter-brochen. Was ist passiert? In Belgien hat eine ähnliche Umfrage den konservativen Kräften Aufschwung gegeben. Ein als Ständestaat organisiertes unabhängiges Belgien aber will Frankreich als Nachbar auf keinen Fall dulden. Der Konvent in Paris beschließt am 15. Dezember, daß in allen besetzten Gebieten der Feudalismus zu zerstören sei und ausschließlich revolutionäre Re-gimes nach französischem Vorbild einzuführen seien. Enttäuscht von der Reaktion der Besetzten hebt Frankreich das von ihm selbst proklamierte Selbstbestimmungs-recht auf und ersetzt es durch den Despotismus der Freiheit. Der Befreier zwingt dem Befreiten seine eigene Freiheit auf. Widerstand regt sich in Mainz. Nicht von den gegenrevolutionären Kräften, die sich immer noch nicht von dem Schock des Falls von Mainz erholt haben, sondern die Gemäßigten machen den Jakobinern zu schaffen. Mainzer Kaufleute entwickeln ein Konzept zur Staatsform, das Grundzüge der französischen Ver-fassung von 1791 übernimmt. Man verweist auf die tolerante Atmo-sphäre unter dem Kurfürsten und auf die großen wirtschaftlichen Vorteile die Hof und Adel der Stadt gebracht haben. Außerdem mischen sich nationale Ressentiments in die Ablehnung der Franzosen. Es wird wieder vom „Erbfeind“ gesprochen. Mehr wiegen aber die Probleme, die die französische Besatzung mit sich bringt. Es erweist sich als Illusion, die Lasten der Besatzung allein den Privilegierten aufzubürden. Die Losung Friede den Hütten, Krieg den Palästen, ist längst nicht mehr praktikabel. Die Bürger und Bauern müssen die französischen Truppen ernähren, deren Disziplin stark nach-gelassen hat. Die Kontribution (Zahlungen an Frankreich) tut ihr übriges. Anfang 1793,
dem
Geburtsjahr
Johann Josts, gibt es einen Stim-mungsumschwung. Auf den 16. Februar
werden
Wahlen angesetzt. Vor der Stimmabgabe muß jeder auf
Volkssouveränität, Freiheit
und Gleichheit schwören. Wer diesen Eid nicht schwört, darf
nicht an der Wahl
teilnehmen, ja, er wird als Feind Frankreichs angesehen. Dies ist
keineswegs
eine willkürlich Mass-nahme, sondern die konsequente Umsetzung des
Dezemberdekrets des Konvents, das jedem Volk, wollte es sich der
Befreiung nach
französischem Muster entziehen, mit dem Kriegsrecht droht. Viele
Deutsche
empfinden dies als einen Akt der politischen Repression und ein Verrat
an dem
anfänglichem Versprechen der freien Selbst-bestimmung. So kommt es
zu breitem
Widerstand in der Bevöl-kerung, der von verbalen Protesten bis hin
zu offenem
Aufruhr, z.B. in der Grafschaft Falkenstein, reicht. Trotzdem nahmen an
der
Wahl schließlich mehr als 120 Orte teil, wenn auch nicht
freiwillig, sondern
aufgrund von massiven Drohungen oder Repressalien durch das
fran-zösische
Militär. Am 21.März wird die Mainzer Republik mit Frankreich
vereinigt. Doch
dies ist nur noch ein symbolischer Akt. Am 31.März findet die
letzte Sitzung
des Mainzer Konvent bereits unter Kriegs-bedingungen statt.
Preußen und
Österreicher haben in der Woche zuvor Rheinhessen und die Pfalz
zurückerobert.
Nur noch Mainz ist in französischer Hand. Für die Stadt
beginnen nun vier
Monate einer schrecklichen Belagerung. Am 23.Juli wird Mainz an die
Belagerer
übergeben. Die Franzosen erhalten einen „ehrenvollen Abzug“ und
verlassen unter
Waffen die Stadt. Für sie ist dies nur ein vorübergehendes
Abziehen, verbunden
mit der festen Absicht wiederzukommen. Den Mainzern Jakobinern ergeht
es nicht
so gut. Sie werden von dem Volk misshandelt und für zwei Jahre in
Haft
genommen. Bis Ende 1797 wird hart um die Vormachtstellung auf der
linken
Rheinseite gerungen. Doch durch den Friedensvertrag von Basel 1795,
erklärt
sich Preußen in einem Geheimpapier mit der Abtretung des linken
Rheinufers (den
eigenen Anteil natürlich ausgenommen) einverstanden. Mainz wird
von
österreichischen Truppen gehalten. Nach dem Frieden von Campo
Formio, zieht am
vorletzten Tag des Jahres 1797 die österreichische Besatzung aus
Mainz ab und
die französische Armee zieht wieder ein. Nun ist es endgültig
klar: Das ganze
linke Rheinufer wird französisch.
1813 Als Rekrut war ich bereit und war meinem Herren unterthänigMainz ist im
Jahre
1813 das
größte französische Depot am Rhein. Von hier aus werden
die Konskribtionen
(Aushebung wehrfähiger Männer) im großen Umland
gesteuert. Auch das
Großherzogtum Berg, zu dem das Amt Dillenburg gehört,
beteiligt sich daran.
Johann Jost wird Anfang 1813 zu einer solchen Musterung bestellt.
Wahrscheinlich findet sie in Herborn unter Leitung des
Rekrutierungshauptmanns
von Mumme (s.h. Dokumente) statt. Wie
die Stimmung zu
dieser Zeit ist, beschreibt Heinrich Döring (1793–1866), der
spätere
Bürgermeister von Herborn, der in Herborn gemustert wird: Im Sommer 1813 befand ich mich in der letzten
französischen
Konskribtion. Diese wurde wie gewöhnlich auf dem Rathaus gehalten.
Ich erhielt
dabei das Los Nr. 11[…] Da die Sache der Franzosen damals schon sehr
ungünstig
stand und dieserhalb eine allgemeine Aufregung bereits schon in Folge
zeigte,
so entstand kurz vor Beendigung dieser Konskribtion eine bedeutende
Revolte
unter den Rekruten, und steigerte sich außer-ordentlich, dass
sich Herr Präfekt
Schmitz mit seinem Personal unter den Schutz der Gendarmen
flüchten
mussten.[...] Sämtliche im Rathaussaale befindlichen kostbaren
Ölgemälde der
oranischen Fürsten wurden bei dieser Gelegenheit von den Bauern
gänzlich
zerstört. Mit den Rädelsführern dieser Revolte wird hart verfahren. Sie werden gefasst, so berichtet Döring, und zuerst nach Düsseldorf gebracht und von dort nach Cherbourg. Düsseldorf ist zu diesem Zeitpunkt die Haupt-stadt das Großfürstentum Berg. Die Bauernsöhne der Dörfer, die in-nerhalb des Amtes liegen, werden zur also Musterung in das Rathaus der Stadt bestellt. Johann Jost reist mit gemischten Gefühlen nach Herborn. Er wird konskribiert und erhält als Los die Nr. 42. Bereit Soldat zu werden und seinem Herren unterthänig, geht er im März nach Dillenburg um als Rekrut in die bergischen Transportbrigade einzutreten. Doch die Stimmung unter den Rekruten ist schlecht. Seit nahezu zwei Jahrzehnten tobt der Krieg zwischen den preußisch, kaiserlichen Truppen und der Armee Napoleons. Die wechselnden Einquartierungen, die Zwangsliefer-ungen von Lebensmitteln in die Armeemagazine, die Beschlag-nahme von Pferden belasten die Bauern schwer. Und die Ehemänner und Söhne der schwerarbeitenden Landfrauen werden in Napoleons Heeren durch halb Europa gehetzt. Vor allem die Landbevölkerung sieht die Franzosen schon lange nicht mehr als Befreier, sondern nur noch als Besatzer. Hinzu
kommen
die
kursierenden
Gerüchte, dass die französische Armee in Russland gescheitert
ist und sich auf
dem Rückzug befindet. Am 04.Oktober 1812 waren Napoleons Truppen
in Moskau einmarschiert.
Doch die Moskowiter zünden lieber ihre Stadt an, als sie dem
Eroberer zu
überlassen. So muß der Kaiser und seine Armee bereits am
20.Oktober die
brennende Stadt verlassen. Viele tausend Soldaten sind auf dem
Rückzug
verhungert, erfroren oder gefallen. Von den insgesamt 5.250 Mann der
drei
großherzoglich-hessischen Regimentern, die als Ver-bündete
mit den Franzosen
gezogen sind, melden sich am 16.Dezember beim letzten Apell der
einstmals
„Großen Armee“ nur noch 316 Soldaten zurück. Der
Rest ist gefangen, erfroren, verhungert, wie es im Tagebuch des
hessischen Generalkommandos heißt. Auch die nassauischen Nachbarn
sind, eben-so
wie die Soldaten des Großher-zogtums Berg, bereits seit 1806 ein
Bestandteil
Napoleons Armee. Sie haben unter anderem an der Belagerung Kolbergs und
Stralsunds teilgenommen und kämpfen nun schon seit fünf
Jahren einen
zer-mürbenden Kampf im gebirgigen Nordspanien. Die jungen Rekruten
aus dem
Arrondisement Dillenburg, sollen jetzt so schnell wie möglich als
Verstärkung zu
den Kriegsschau-plätzen Napoleons geschickt werden. Eine
schwierige Situation
für die jungen Männer. An Befehlsverweigerung ist nicht zu
denken, die
Militärstrukturen funktionieren. Dies hätte unweigerlich
Arrest und
wahrscheinlich die Anklage vor einem Militärgericht zur Folge. In
dieser Zeit
wagen es immer mehr Rekruten zu desertieren. Ungefährlich ist dies
nicht. Auf
Desertion steht die Todesstrafe und die französische Verwal-tung
in dem
napoleonischen Modellstaat hält, zu diesem Zeitpunkt die
Zügel noch fest in
der Hand. Aber die Alternative ist zu bedrückend. In einer
feindlichen Armee
gegen die teutschen Landsleute zu
kämpfen ist inzwischen für viele undenkbar. Also wagt es auch
Johann Jost mit
einigen Kameraden aus den Nachbardörfern in der Nacht des
09.März, kurz nach
seiner Einquartierung, zu entweichen.
Mehr als 20 Männer
desertieren in dieser Nacht. Unter ihnen sind auch einige die mit
Johann Jost
wahrscheinlich konskribiert wurden. Johann David Giersbach aus
Eibelshausen hat
die Losnummer 50 bei der Konskribtion gezogen, Johann Henrich Hecker
aus Haiger
die Nummer 43 und Johann Jost Henrich aus Wissenbach, der die Nummer
49
erhalten hat. Sicher kennt Johann Jost diese Kameraden und wenn er
schreibt wir mußten uns verborgen halten, meint
er
vermutlich diese Männer. Jetzt werden sie als Refraktierer
(Entwichene, Fahnenflüchtige) gesucht und die
Suchtrupps durchkämmen regelmäßig die Dörfer. Das
Schwarzbachtal und der
Schelderwald bieten genügend Verstecke die den Entflohenen als
Unterschlupf
dienen. Die jungen Männer kennen sicher die Umgebung Ihrer
Heimatdörfer
ausgesprochen gut. Die unwegsamen Wälder und kleinen Täler
geben ihnen Schutz
vor Entdeckung. Die entstandene Kameradschaft gibt der Gemeinschaft
Mut.
Versorgt werden sie von den Familien und den Dorfbewohner, die sich
deshalb
großen Gefahren aussetzen müssen. Es wird eine Zeit
ständiger Angst und
Wachsamkeit. Doch die Nachrichten die zu den Fahnenflüchtigen
dringen, geben
neue Hoffnung. Die französischen Besatzer werden immer
nervöser. Die Armee
Napoleons wird von der Koalition aus Russen, Österreicher,
Preußen und Schweden
immer weiter zurückgedrängt. Dann, Ende Oktober 1813
verbreitet sich die
Nachricht, dass Napoleon bei Leipzig eine entscheidende Niederlage
erlitten hat.
Tausende von zerlumpten, erschöpften und ver-letzten Soldaten
strömen durch die
nassauischen Lande. Endlos ist der Zug der sich durch die Dörfer
und Städte
schleppt. Zuerst zieht die französische Kavallerie durch. Gefolgt
von
Fußtruppen, bespannten Einheiten und Karren mit Verwun-deten und
Kranken.
Zumeist sind sie vom „Lazarettfieber“ befallen, eine Epidemie, die
zahlreiche
Opfer fordert und die Folge der vom Feldzug erzwungenen Unreinlichkeit
ist. Die
Soldaten sehen so erbarmungswürdig aus, dass die
Bevölkerung, Feind oder
nicht, mit einer Welle von Hilfsbereitschaft reagiert. Brot, Milch und
Wasser
wird gebracht, Linnen zum Erneuern der Verbände und Stroh zum
Auspolstern der
Karren.
1814 ...und gebt Eure Festung auf - Das Aufstellen des Regiments Oranien-Nassau - Die Übergabe von MainzBereits am 03.Januar 1814 schließt das dreißigtausend Mann starke Korps des russischen Generals Graf Langeron die Festung Mainz weitgehend ein. Die Hälfte der eingeschlossenen französischen Truppen liegt in den Spitälern der Stadt. So wird ein Teil der Bürger zur Unterstützung der Armee hinzu-gezogen. Die Angreifer allerdings, müssen mit einem schweren Mangel leben. Die Truppe besitzt keine schwere Artillerie, so dass sie sich mit der Belagerung begnügen muß. Für Mainz hat das einen unschätzbaren Vorteil, die Stadt bleibt von weiteren Zerstörungen verschont. Am 16. Februar löst das V. Deutsche Armeekorps die russischen Belagerer ab. Kommandiert wird Korps von dem russischen General der Kavallerie Ernst III. Herzog von Sachsen–Coburg-Saalfeld. Die Stärke des Korps beträgt letztendlich 24.000 Mann und 4.829 Pferde. Da auf die Konskribierten des Jahres 1813 zurückgegriffen wird, wird auch Johann Jost am 07.Februar gezogen. Am 27.Februar. muss er bei der 3ten Füssilierkompanie in Eisemroth antreten. Diese gehört zum I.Bataillon des neu aufgestellten Regiments Oranien-Nassau (s.h. Dokumente). Dieses Regiment ist von dem Prinzen von Oranien und Friedrich Willhelm, Fürst von Nassau–Dillenburg,von Den Haag aus aufgestellt worden. Im Dezember, schon vor der Rückgabe der oranischen Stammlande, wurden Vorbereitungen getroffenen, ein Truppenkontigent für die Verbün-deten aufzustellen. Nach der Wiedereinsetzung des Oraniers durch die „Zentralverwaltungs-Kommission der eroberten deutschen Länder“ unter Freiherr vom Stein, erhielt das Gebiet noch das Amt Diez dazu, dass das Herzogtum Nassau beisteuerte. Diese vereinigten Gebiete hätten nach dem Maßstab des ehemaligen Rheinbundes ein Kontigent von 738 Mann stellen müssen. Diesmal werden es letztendlich 39 Offiziere und 1.855 Unteroffiziere und Mannschaften sein. Am 19.01.1814 beantragt Staats-minister von Gagern als Vertreter des Landesherren von Dillenburg aus, bei Fürst Friedrich Wilhelm die Aufstellung zweier Linienbataillone mit einem Depotbataillon. Außerdem sollen zwei Kompanien „freiwillige Jäger“ gebildet werden. Ab Januar heißt der Regimentskommandeur Major von Rackenau. Die Aufstellung des I. Bataillon geht zügig voran. Der Bataillonskommandeur ist Major Dreßler. Den Kern der Truppe bilden einige hundert aus dem ehemaligen großherzoglichbergischen Militär stammenden Soldaten und eben die neu ausgehobenen Konskribierten, von denen einer Johann Jost ist. Seine Kameraden Wilhelm Arnold, Jost Baum und Heinrich Hecker, den er schon seit seiner Fahnenflucht von der bergischen Transportbrigade kennt, sind auch dabei. Arnold und Hecker kommen zur I. Kompanie, Baum wird zu den Grenadieren gesteckt Am 13. Februar
verzeichnet der
zehntägige Rapport 660 Ausgehobene.
192.000 Patronen soll das Regiment erhalten, von denen angeblich 32.000 vorhanden1.600 Ausgehobene,
zwei Pulverwagen, vier
Trainwagen, 1.900 Gewehre, 334 Säbel und 37 Zentner Pulver. Über
die
Munitionssituation wird nur vermerkt:
Zwei Wagen Patronen sind zugeführt worden seien. Jede Kompanie besteht normalerweise aus einem Hauptmann, einem Oberleutnant, einem Unterleutnant, einem Feldwebel, vier Ser-ganten, einen Fourier (Unteroffizier, der für das Quartierwesen zuständig ist), sieben Korporale, zwei Tamboure und 100 Gemeine. Für die dritte Kompanie besagt der Rapport vom 20. Februar eine Stärke von drei Offizieren, sechs Unteroffizieren acht Korporale, zwei Tambour und 100 Gemeine, insgesamt 119 Soldaten, das Soll beträgt 133 Soldaten. Das Regiment ist gegenüber den traditionellen Truppen schlecht ausgestattet. Johann Jost erhält bei seinem Eintritt laut der Einkleidungsliste: einen Rock, eine Tuch Hose, einen Mantel, einen Schako (Tschako, Helm), einen Tournister, ein Gewehr mit Bayonett, einen Gewehrriemen, eine Bayonettscheide, einen Schraubenzieher (um das Gewehr zu zerlegen), zwei Hemden, zwei Schuhe, zwei Socken, eine leinen Oberhosen, eine Paar schwarze Gamaschen, eine Zeltkappe, ein Halsband, eine Raumnadel (um das Zündschloß des Gewehres zu reinigen) (s.h. Dokumente). Die Soldaten
tragen
die holländischen Uniformen mit
einem kurzem, dunkelblauem einreihigen Rock, der mit
acht weißen Knöpfen geschlossen wird. Die Aufschläge
und die Schoßumschläge
sind orange, die Ärmelplatte dunkelblau, der Mantel grau, Hosen
und Gamaschen
hellgrau. Den Tschako französischen Modells ziert eine weiße
Plakette, die ein
gekröntes „W“ darstellt, weiße Behänge mit
orangefarbener Kokarde sowie ein ca.
zwölf Zentimeter hohes Pompon von gleicher Farbe, dessen Spitze
bei den
Füssilieren weiß ist. Am weißen Lederzeug hängt
die Patro-nentasche, am selben
Bandelier ist auch die Scheide für das Bajonett. Ihr Gewehr ist
das veraltete
französische Gewehr 1776 mit dem dazugehörigen Bajonett. Diese Uniform trägt Johann Jost während er dem Regiment Oranien-Nassau angehört. Sie weist ihnen als Angehörigen einer niederländischen Hilfstruppe. Dies wird vor allem durch die orangefarben abgesetzte Jacke deutlich. Da das Bataillon eine reine Hilfstruppe ist, besitzt es keine Fahne. Beim Ausmarsch trägt jeder Soldat 60 Schuß Munition bei sich. Weitere 20 Schuß werden im Munitionswagen mitgeführt. Viel Zeit zum Einexerzieren bleibt nicht, denn der Kern das Bataillons steht bereits seit Ende Februar vor Mainz und beteiligt sich an der Belagerung. Anfang April marschiert die 3te Kompanie mit anderen Truppenteilen über Wetzlar und durch die Wetterau auf Mainz zu. Nachdem die Truppe den Rhein überquert hat, werden sie im hinteren Aufmarschgebiet verteilt. Am Karfreitag, den 8.April 1814, kommt Johann Jost nach Niederhilbersheim. Alles ist neu für ihn. Die älteren Soldaten verspotten die „Frischlinge“ die völlig unerfahren sind und kaum die Befehls-kommandos kennen. Hier heißt es Kopf einziehen und nicht auffallen. Die Sitten sind rauh unter den Männern. Das V. Armeecorps ist, wie zu der Zeit üblich, ein bunt gemischter Haufen. Neben Sachsen und Thüringern sind bergische und russische Verbände eingebunden. Die „Nassauische Brigade“ setzt sich aus dem 3. Nassauischen Linien-Infantrieregiment, dem nassau-ischen Landwehrregiment, dem In-fantrieregiment Nassau–Oranien und dem Nassauischen Freiwilligen Jäger Bataillon zusammen. Der Kommandeur der Brigade ist Oberst v. Bismark. Die Feuertaufe erhält Johann Jost am 10. April, als er zum Festungswerk Hechtsheim kommt und an dem einzig nennenswerten Gefecht am ersten und zweiten Ostertag teilnehmen muß. Allerdings geht es glimpflich aus. Der Ausfall der Franzosen wird zurückgedrängt. Man feuert mit Freude auf den Feind, wie Johann Jost berichtet. Der glückliche Ausgang des ersten Gefechts und der erste Sieg, haben offenbar bei dem jungen Soldaten ein Hochgefühl ausgelöst. Das neue Lager ist nun Hechtsheim, daß an der „Kaiserstraße“ von Mainz nach Paris liegt. Die Bedingungen sind schlecht für die Soldaten. Ein ganzer Zug, also ca. 30 Mann, liegt in einem Haus. Hinzu kommt ein starker Vorpostendienst der durch immer wiederkehrende Ausfälle des Feindes erschwert wird. An den abendlichen Lagerfeuern wird das Lied gesungen, daß Johann Jost zitiert: O, Ihr treuen Kommandanten, jetzo singt mein Siegeslauf, denkt ich sei nicht mehr vorhanden und gebt eure Festung auf. Schlimmer ergeht es den Hechtsheimern Bürgern. Die Soldaten müssen versorgt werden. Ein nassauischer Soldat erhält innerhalb der nassauischen Landes-grenze zwei Pfund Brot pro Tag, aber außerhalb, wie jetzt bei der Belagerung von Mainz, muß er die benötigten Lebensmittel bei den mitreisenden Marketenderinnen kaufen oder aus dem Land leben, das heißt requirieren. So bleibt den Bewohnern der vom Krieg betroffenen Landstriche nichts anderes übrig, als die einquartierten Soldaten zu verköstigen. Plün-derungen sind an der Tagesordnung. Zwar soll eine Entschädigung an die Bürger und Bauern gezahlt werden, doch die deckt nicht mal einen Bruchteil der Kosten und bleibt häufig ganz aus. Bereits am
31.März 1814 haben die
Alliierten Paris besetzt. Am 06.April dankt Napoleon ab und am 23.April
wird
der Friedensvertrag geschlos-sen. Noch bis zum 04.Mai wird Mainz
gehalten, doch
dann ziehen die Franzosen ab. Zu diesem Zeitpunkt sind die
Zustände
kata-strophal in der belagerten Stadt. Die grassierende Typhusepidemie
konnte
aufgrund der Hygienemass-nahmen der hervorragenden Ärzte zwar
eingedämmt
werden, doch Tote, Kranke und Verletzte müssen wegen der
hoffnungslosen
Über-belegung der Lazarette, auf der Straße liegen. Die
Masse der Toten kann
nicht mehr beerdigt werden. Angeblich werden sie in Stroh gewickelt und
auf
Karren in den Rhein gefahren. Von den fürchterlichen Zuständen
während der Belagerung von
Mainz sind Soldaten und Zivilbevölkerung gleichermaßen betroffen Zur
Übergabe
läßt General Herzog
von Sachsen-Coburg eine große Revie
(Revue), wie Johann Jost schreibt, abhalten. Hierzu werden die Truppen
versammelt, der Sergant Döring berichtet:
Sämtliche Truppen des Belagerungscorps, Infantrie, Kavallerie,
Artillerie,
36.000 Mann stark (die Zahl ist weit übertrieben),
wurden eines Tages auf einer großen Plaine vor dem Gauthorn
zusammengezogen, und dann ging der Marsch in voller Grandeur, den
kommandierenden Generalissimus, Herzog von Sachsen–Coburg, an der
Spitze, über
die große Bleiche, an dem Schloßplatze, auf welchem die
ganze französische
Besatzung, zwar mit vollgepfropften Tornistern, aber ohne Waffen, zum
Abmarsch
auf-gestellt war, an einer unüber-sehbaren Zuschauermenge vorbei
zum Rheintor
wieder heraus auf das Mombacher Feld. Anschließend wird die Coburger Kriegsdenkmünze verteilt und die Truppen marschieren in ihre vorübergehende Rückzugsquartiere ab. Am 11.Mai wird die nassauische Brigade in den Raum Worms verlegt. Johann Jost kommt mit seiner Kompanie nach Metenheim (Mettenheim?). Dort bleiben sie bis nach Pfingsten (29.Mai) und marschieren mit dem I.Bataillon, insgesamt 1.700 Mann, ab dem 17. Juni über Idstein, Camberg, Weil-münster (18.Juni) und Wetzlar (19.Juni) nach Dillenburg, wie Major Dreßel in seiner Durchmarschankündigung vermerkt. Während des Marsches erhält das Bataillon die Nachricht, daß der Herborner Land-sturm bei der Stadt die Kämpfer empfangen will. Bei Edingen am Mühlberg wird halt gemacht. Sämtliche Mannschaften mußten im dortigen Wald alles Lederzeug anstreichen, die Uniformen etc. aufs properste putzen. Als dies im Verlauf einiger Stunden vorschriftsmäßig geschehen war, setzten wir unseren Marsch fort, wurden sodann von dem in Stadtnähe aufgestellten Landsturm herzlich begrüßt.... Am Nachmittag kommen die Soldaten nach Dillenburg. Das Leben im
19.Jahrhundert
Seine erste Bewährungsprobe hat Johann Jost bestanden. Die Kom-panien des I. Bataillon werden nach ihrer Heimkehr nach Dillenburg, Siegen, Weidenau, Hilgenbach und Freudenberg verteilt. Johann Jost hat das Soldatenleben kennen-gelernt und für einen jungen Mann von 21 Jahren ist es vielleicht zu dieser Zeit nicht das schlechteste seinem Herren unterthan zu sein. Aus der Gewerbestatistik in Nassau im Jahr 1818 geht hervor, daß von den insgesamt 62.737 Gewerbe-betrieben und Taglöhner, 26.038 sich in der Landwirtschaft befinden. Aber 24.102 davon sind der zweiten Steuerklasse zuzuordnen. Das heißt, sie wirtschaften mit nur einer einzigen Fuhre und verwenden als Zugtiere entweder ein Pferd oder einen Ochsen. Auch halbe Fuhren, worunter man zwei regelmäßig zur Arbeit eingesetzte Kühe oder einen Ochsen verstehen muß, wird damals noch wie ganze Fuhren behandelt. Ein Großteil der bäuerlichen Bevölkerung hat allerdings gar kein Fuhrwerk. Häufig müssen sich diese Kleinbauern zusätzlich als Taglöhner verdingen. Vielfach üben sie gleichzeitig ein Handwerk oder sonstiges Klein-gewerbe aus. In der Statisitik werden diese Bewirtschafter landwirtschaft-licher Kleinstbetriebe, zu den Tag-löhnern, Handwerkern und Klein-händlern gezählt. Bei den Tage-löhnern machen die Kleinstbauern einen großen Anteil der erfassten 18.319 Personen aus. Die Ausübung von mehrere Gewerben ist außer-ordentlich charakteristisch für die nassauische Volkswirtschaft und ein Beweis für die schwierige Lage weiter Bevölkerungskreise. Selbst ausgebildete Handwerker oder selbstständige Bauern mußten sich als Tagelöhner verdingen. Auch ihre Familienangehörigen sind gezwun-gen außerbetriebliche Lohnarbeiten oder betriebsfremde Heimarbeiten anzunehmen. Ein Ackerbauer ohne Fuhr wird mit einem Steuerkapital von jährlich 50 Gulden angesetzt. Ein Maurermeister mit vier Gesellen wird in die 6. Klasse eingeteilt, was einem Steuerkapital von 1.000 Gulden entspricht. Das tatsächliche Einkommen liegt durchweg etwa um das Zweifache höher. Ein Blick auf die Kosten des Alltages, gibt Auskunft über die Not der Menschen. 60 Kreuzer sind ein Gulden. 1815 kosten vier Pfund Mischbrot 14,5 Kreuzer, ein Pfund Ochsenfleisch 12,5 Kreuzer, 25 Eier kosten 25 Kreuzer. Bei den Lebensmitteln gibt es während den einzelnen Jahren extreme Preisschwankungen, bis zu 350%, die aus Mißernten resultieren. 1.000 Backsteine kosten 38 Gulden und ein Wassereimer 48 Kreuzer. Wenn man bedenkt das ein Tagelöhner für seinen gesamten Tagesverdienst von 30 Kreuzern entweder 30 Eier oder ein Pfund Butter oder 2,5 Pfund Ochsenfleisch oder eine Eisenbahn-fahrt 4. Klasse von Wiesbaden nach Hattersheim bekommt, so läßt sich leicht ermessen, in welch ärmlichen Verhältnissen große Teile der Bevölkerung leben muß. In Wirklichkeit kann er sich nämlich nichts von alledem leisten. Die relative Armut des 19.Jahr-hunderts ist das Resultat der Über-bevölkerung der Dörfer. Mit der Ver-größerung der Zahl der Bauern-familien in einem Dorf, wächst zwar auch die Zahl der Grundbesitzer, aber die Wirtschaftsfläche kann kaum mehr wie früher noch weiter ausgedehnt werden. Im Durchschnitt besitzt ein Bauer weniger als die 10 bis 15 Morgen Land, die in den landwirtschaftlichen Ämterbeschrei-bungen als notwendig für den Lebensunterhalt einer 6-köpfigen Familie angegeben werden. Dies ist das Ergebnis der Realerbteilung, die in Nassau üblich ist. Bei dieser Erbteilung erbt nicht ein Sohn den Hof allein, sondern jedem Kind steht ein Teil zu. Abwanderung ist, wenn keine indus-trielle Erwerbsmöglichkeit wie z.B. der Bergbau (man spricht in den Dörfern rund um den Schelderwald vom „Bergmansbauern“ als Quälberuf) möglich ist, die einzige Möglichkeit für viele nachgeborene Söhne eine Existenz zu gründen. Ein Platz in der Armee, die Verpflegung, Unterkunft und Sold gewährleistet, ist unter diesen Umständen nicht das schlechteste für Johann Jost. Natürlich kann es gefährlich werden, zumal in diesen Zeiten in denen Krieg zum alltäglichen Leben der Menschen in Europa gehört, doch die Armee ist auch ein großes Abenteuer. Die Kameradschaft unter den Soldaten, die Uniform die alle gleich macht, das Leben während der Belagerung unter freiem Himmel, mit exotisch und wild aussehenden Truppen und vielleicht auch das Scharmützel bei Hechtsheim. Dies alles übt sicherlich auf einen jungen Mann der aus der Enge eines kleinen Dorfes kommt, einen starken Reiz aus. Allerdings wird jetzt in der Heimat, die Hälfte der Mannschaft des Bataillons ohne Sold beurlaubt. Die andere Hälfte verbleibt in der Garnison, mit vermindertem Lohn. Zu welchem Teil Johann Jost gehört ist nicht zu ermitteln. Vielleicht gehört er zu der verbliebenen Garnisons-truppe. Zuhause wird man froh sein einen Esser weniger am Tisch zu haben. Wird seine Familie ihn eventuell in Dillenburg besucht haben? Der Fußweg von Eiers-hausen nach Dillenburg beansprucht etwa 2 Stunden. Allerdings berichtet Johann Jost nichts über ein Treffen.
Der Feldzug gegen
Napoleon
1814 - 1815 Der Wiener Kongreß und die Rückkehr NapoleonsAm 18.
September
1814 treten in
Wien die Vertreter von etwa zweihundert Staaten, freien Städten,
Herrschaften
und Körperschaften zu einem Kongreß zusammen, um die Fragen
zu klären, die die
Befreiung des mitteleuropäischen Raumes von der französischen
Herrschaft nach
sich gezogen hat. Das Geschacher um Europa beginnt. Napoleons Weg nach Paris war zwar anfänglich ein riskantes Unternehmen. Doch er setzte zurecht auf die immer noch vorhandene Treue der Offiziere und die Liebe der Soldaten zu ihrem ehemaligen Kaiser. Sämtliche ihm entgegengesandten Truppen liefen jubelnd zu ihm über. Wie hier bei La Mure, das 7. Linienregiment des Oberst La Bédoyère Sogar die in bourbonische
Dienste getretenen Generale wechseln die Seite, an ihrer Spitze der
Marschall
Ney. Der Zug nach Paris wird zu einem Triumph. Am 19.März flieht
der
bourbonische König nach Belgien, und schon am 20.März zieht
Napoleon in Paris
ein.
Fünf Armeen werden aufgestellt: 1.
eine
niederländisch – englische Armee mit ca. 107.000 Mann unter dem
Herzog von
Wellington 2.
eine
preußisch–sächsische Armee mit ca. 123.000 Mann unter
General von Blücher Gerhard Leberecht von Blücher,
Fürst von der Wahlstat, Sieger von Leipzig, war 1815 bereits 72
Jahre alt
3.
eine
österreichische Armee mit ca. 225.000 Mann unter Fürst von
Schwarzenberg 4.
eine
österreichisch – piemon-tesische Armee mit 122.000 Mann unter den
Generälen
Frimont und Bachmann 5.
eine
russische Armee mit ca. 180.000 Mann unter General Barclay de Tolly Insgesamt werden 757.000 Mann gegen die Bestie aufgeboten. Der Oberbefehlhaber der Koalitionsarmee ist der Fürst von Schwarzenberg. Chef des Generalstabs General von Blücher. Den Opera-tionsplans entwirft der geniale Militärstratege August Wilhelm Neithard von Gneisenau. Napoleon erkennt, daß trotz seiner umfangreichen Bemühungen um eine friedliche Regelung, die Alliierten ihn nicht als französischen Herrscher anerkennen. Am 08.April 1815 befiehlt er die Mobilmachung. Die Kriegsmühlen beginnen zu mahlen. Um der französischen Bevölkerung die Kriegsdrangsale zu ersparen, entscheidet er sich für einen Angriff auf die einzigen aufmarschierten Gegner, Wellington und Blücher. Auch hofft er durch einen raschen Sieg die Entschlossenheit der Alliierten zu erschüttern. Napoleon liefert ein geniales organisatorisches Meisterstück ab. Innerhalb kürzester Zeit, wirft er fast unbemerkt 230.000 Soldaten an die nördliche Landes-grenze. Er will zwischen den beiden Heeren Wellingtons und Blüchers einen Keil treiben um dann jeden für sich einzeln zu schlagen. Die französische Aufklärung hat ergeben, daß die alte Römerstraße von Maubeuge – Charleroi – Namur – Liège nach Maastricht etwa die Verbindungslinie zwischen den beiden verbündeten Armeen bilden soll. Gerade an dieser Stelle vernachlässigen aber die Generalsstäbe der aliierten Armee eine Ver-einigung der beiden Heeresteile, obgleich alle Anzeichen darauf hinweisen, daß der Kaiser gerade in der Trennungslinie anzugreifen versucht. Blüchers Heer steht östlich im Raum Fleurus – Namur – Huy – Liège. Wellington hingegen steht westlich im Raum Mons – Frasnes – Genappe – Leuze – Oudenaarde bis Brüssel.
In Nymwegen ist das I. Bataillon Oranien–Nassau in der Garnison gut versorgt. Die Soldaten treffen sich abends im Wirtshaus und spielen „Solo“. Der ein oder andere hat auch ein amouröses Abenteuer, wie Sergant Döring berichtet. Doch der Aufenthalt dauert nur ein halbes Jahr. Die Soldaten erreichen Gerüchte von der Rückkehr Nap-oleons auch in Nymwegen. Bald wird die Vermutung zur Gewißheit. Der französische Kaiser der nicht, wie die Gerüchte berichten, am Oberrhein die Feindseligkeiten eröffnet, droht sich nach Belgien und den Niederlanden zu wenden. Das Bataillon erhält, wie auch die anderen holländischen Truppen in Nymwegen, die Marschorder nach Brabant. Döring berichtet, daß der Ausmarsch am 26. März unter großer Beteiligung der Bevölkerung, besonders dem weiblichen Geschlecht, stattfindet. Der Marsch
führt das Bataillon
über Breda und Herzogenbusch, wo einige Tage Rast gemacht werden,
nach
Scheepdahl nahe Brüssel. Dort wird das oranisch-nassauische I.
Bataillon in das
neu gegründete Infantrieregiment „Oranien–Nassau“ Nr. 28
eingegliedert.
Anschliessend marschiert das Regiment nach Genappe ein kleines
Städtgen etwa 30 KM südlich von Brüssel.
Oberstleutnant
Dressel bleibt der Kommandeur des Regiments. Zu diesem Regiment
gehören
außerdem das II. Bataillon Oranien–Nassau, Die Freiwillige
oranische
Jägerkompanie und die Belgische Batterie zu Fuß mit Ihrem
Artillerie Train und
8 Geschützen. Dieses Infantrieregiment wird wiederum der 2.
niederländischen
Brigade zugeordnet, die seit einer schweren Beinverletzung des
bisherigen
Kommandeurs Oberst von Goedecke am 12. Juni, unter der Führung des
niederländischen Obersten Prinz Bernhard von Sachsen–Weimar ist.
Zu dieser
Brigade gehört außerdem das 2. Nassauische
Infantrie-regiment. Die Brigade
wiederum ist ein Teil der 2. niederländischen Division des General
Perponcher (s.h. Dokument).
Diese Division, sie gehört nun zum I.
Armeecorps unter dem Befehl des General Prinz Wilhelm von Oranien,
bildet den
äußersten linken Flügel der Armee Wellingtons und steht
seit Anfang Mai bei
Genappe, Frasnes und Nivelles.
Das Regiment
„Oranien–Nassau“ steht bei Genappe, Woys, Bousval und Thy-Glabais. Im
Falle
einer Alarmierung ist die Straßenkreuzung mit dem Namen
Quatre-Bras als
Sammelplatz der „Nassauischen Brigade“ bestimmt. 15.06 – 16.06.1815 Das Gefecht von Quatre – BrasWie der Name
„Quatre–Bras“
(Vier Arme) sagt, durchkreuzen die Straßen von Brüssel nach
Chareleroi und von
Nivelles über Sombreffe nach Namur in einem rechten Winkel den aus
drei Häusern
bestehenden Pachthof. Südlich von Quatre-Bras und nördlich
von Frasnes ist das
Terrain etwas erhöht, im übrigen eben und mit Getreidefeldern
bedeckt. Das
Getreide ist viel höher als unsere heutigen Züchtungen und da
die Menschen
damals kleiner waren (Johann Jost ist fünf Schuh und zwei
Fuß groß, also etwa
1,56 Meter), sind die Soldaten die in den Feldern stehen, kaum zu
sehen. Im
südwestlichen Winkel des Straßen-kreuzes liegt der Wald von
Bossu, aus dem ein
kleiner Bach entspringt der in westöstlicher Richtung
fließt. Das Gehölz von
Bossu, besteht aus dichten mit einzelnen Bäumen durchsetzten
Niederwald und
erstreckt sich bis zu dem westöstlich gelegenen Gehöften Le
Grand Pierre-Pont
und Le Petit Pierre-Pont. In östlicher Richtung hinter Gemioncourt
liegen einige
kleine Weiler an die der Wald von La Hutte anschließt. Diese Karte zeigt, daß die
Ausgangsstellung des Regiments Oranien-Nassau No.28 Auf diesem
Gelände wogt am
15.Juni das Gefecht von Quatre-Bras. An diesem Punkt versucht Napoleon
einen
Keil zwischen die Armeen Wellingtons und Blücher zu treiben.
Wellington hat
nicht von Anfang an diese Gefahr erkannt. Auf
der Höhe von Quatre Bras angekommen wurden wir, unerachtet des
überstehenden,
20 mal stärkeren Feindes unbegreif-licherweise nicht sehr
beschädigt, und
bezogen unser Biwak nicht in großer Entfernung von ihnen,
berichtet Döring, Für Proviant hatten wir hier
fast gar
nicht zu sorgen, indem wir von unseren Quartier-träger von Genappe
aus damit
reichlich versorgt wurden. Der 15. Juni ging wieder nur mit
gegenseitigen
Scharmutzieren (Scharmützel, Plänkelei, kleines Gefecht)
vorbei.... Johann Jost berichtet über
diesen Tag: So mußten
wir sogleich Angriffe machen. Es war
uns nicht einerlei, es dauerte oder hielt nicht lange an von 12 Uhr bis
in die
Nacht wo wir aber schon viele Tote und
Ver-wundete hatten. Für Döring ist das „gegenseitigen
Scharmutzieren“ am
15. Juni (im Rückblick) nur eine kleinere Auseinandersetzung, doch
für Johann
Jost ist es das erste wirklich gefährliche Gefecht. Die beiden
Bataillone des
Regiments Oranien–Nassau beziehen das Gehölz von Bossu und den
Pachthof Le
Grand Pierre-Pont. Der Prinz Wilhelm von Oranien, als Befehls-haber des
I.
Korps der englisch–niederländische Armee, ist am 16. Juni bereits
um sechs Uhr
früh bei Quatre–Bras eingetroffen und hat das Kommando von dem
Prinz von
Sachsen–Weimar übernommen Der Oberkommandeur von Johann Jost,
der Prinz von Sachsen-Weimar (rechts vorne), bei einer Lagebesprechung
mit Offizieren des Regiments Oranien-Nassau und dem 2.Infantrieregiment
Nassau, während des Gefechtes von Quatre-Bras. Sachsen-Weimar
trägt eine blaugraue holländische Offiziersuniform mit dem
orangefarben abgesetztem Kragen und einer gleichfarbigen Scherpe. Die
Farben finden sich auch in der einfachenUniform von Johann Jost wieder. Marschall Ney, wartet seit zehn Uhr in Frasnes auf die Divisionen Foy und Jèrôme Napoleon. Nach ihrem Eintreffen beginnt er um zwei Uhr nachmittags einen frontalen Angriff der von den Franzosen mit etwa 9.000 Fußsoldaten, 1.850 Mann Kavallerie und 22 Geschützen vor-getragen wird. Bis jetzt stehen ihnen nur 8.000 Mann der Alliierten gegenüber. Le Grand Pierre de Pont, der Pachthof wo ein Teil des Regiments Oranien–Nassau Nr. 28 steht, wird eingenommen. Dann dringen sie gegen das Gehölz von Bossu in dem sich auch das Bataillon von Johann Jost positioniert hat. Dieser Niederwald ist eine gute Verteidigungsstellung. Die fran-zösischen Soldaten werden mit einem Kugelhagel empfangen. Doch dann geschieht ein Mißgeschick, daß sicher den Soldaten den Schrecken in die Glieder fahren läßt. Die Taschenmunition ist verschossen. Doch die Nachschubwagen sind beim raschen Abmarsch der Division Perponcher, in Nivelles verblieben und treffen erst um sechzehn Uhr ein. Wie dramatisch die Lage ist schildert Sergant Döring: Ein Bataillon Holländer wurde sofort geworfen, und da dieses auf der Heerstraße im Mittelpunkt der Schlachtlinie postiert war, so entstand die größte Gefahr hierdurch für uns und alle anderen Corps, welche noch dadurch vergrößert wurde, daß die Holländer durch das wütende Kanonen- und Gewehrfeuer des Feindes außerordentlich litten und den Mut gänzlich verloren und ihre Position mit Wegwerfung ihrer Gewehre verließen. Um diese Gefahr möglichst zu beseitigen und die bereits mit voller Macht eindringenden wieder zurückzubringen, kommandierte unser Obrist, Prinz Bernhard von Weimar, unser an die Holländer anstoßendes Bataillon zum Sturm, um die Franzosen wieder aus der betreffenden Position zurückzutreiben. Der Obrist, welcher – beiläufig gesagt – einer der größten Leute, die ich je gesehen habe, ritt damals einen großen schwarzen arabischen Hengst, welchen er von Kaiser Alexander von Rußland zum Präsent erhalten hat, rief nun zuerst Freiwillige auf. Allein das ganze Bataillon marschierte statt dessen, sämtliche Tamboure voraus, ohne einen weiteren Schuß zu tun mit gefälltem Bajonette stracks auf die von den Holländern verlassenen und von den Franzosen besetzte höchst wichtige Position los. Die Franzosen wurden geworfen und das Zentrum hierdurch sofort wieder hergestellt Bei dieser Affäre ereignete sich, daß dem Feldwebel Geiß aus Dillenburg von der 7. Kompanie das Gefäß von seinem Säbel durch eine Kanonenkugel von dem Leibe gerissen wurde, so daß er – wahrscheinlich durch den Luftdruck veranlaßt – besinnungslos zur Erde fiel, jedoch weiter keinen Schaden erlitten hatte und mit dem bloßen Schrecken davon kam. Sodann fand ich auch beim Vorgehen durch den Wald, welchen der Feind wieder verlassen hatte, einen braun-schweiger Jäger an einer Flugtanne stehend, welchem eine Flintenkugel in den hohlen Leib geschoßen war und fest in der Haut steckte. Derselbe sah leichenblaß aus und klagte über fürchterliche Schmerzen und fragte nach einem Doktor. Bataillonschirurg Neuendorf, gebürtig von hier, welcher zufällig hinter mir kam, hat diesem Jäger, wie ich später von ihm erfahren habe, die Kugel ausgeschnitten und demselben dadurch wahrscheinlich das Leben gerettet, was ihm dieser Mann erst in späteren Jahren mit Begleitung eines wertvollen Geschenks schriftlich auf das Dankbarste anerkannt hat. Wahrscheinlich sind es Dörings glorifizierte Erinnerungen die ihn das Bataillon so heldenhaft darstellen lassen. Doch gilt es zu bedenken, daß die Soldaten im Gehölz stehen und unter einem fürchterlichen Kanonenbeschuß leiden. Ein Soldat Leonhard berichtet von einem ganz entsetzlichen Kanonenfeuer, bei dem mehr Leute durch indirekte Ein-wirkung verwundet und getötet werden, als von den Kugeln selbst. Gemeint sind wohl die herab-stürzenden Äste und splitterndes Holz, welche gefährliche Verletzung hervorrufen können. Deshalb ist das Bataillon vielleicht mit einer fatalis-tischen Todesverachtung von einer Hölle in die andere vorgegangen, ob-wohl es ihnen auch nicht einerlei ist, wie Johann Jost berichtet. Indessen
rückt
die französische
Übermacht zunehmend vor. Die Division Perponcher ist stark
ange-schlagen und
befindet sich am Rande einer völligen Niederlage angesichts der
wütenden
Angriffe der Franzosen. Das Gros der nassauischen Brigade wehrt sich am
Westrand des Gehölzes von Bossu gegen drei oder vier Bataillone
der Division
Jeromè Napoleon. Einige Kompanien des Regiments Oranien-Nassau
gehen mit nur
noch teilweise kampffähigen niederländischen Truppen auf
Quatre-Bras zurück. Zu
diesem Zeitpunkt ist die Lage des einzelnen Soldaten verzweifelt. Ohne
einen
wirklichen Überblick über seine eigene Lage, durch extremen
Pulver-dampf, der
die Gesichter schwärzt, in der Sicht behindert, darauf bedacht
nicht den
Kontakt zum Nebenmann zu verlieren, wehrt er, in beständiger Angst
verwundet
oder getötet zu werden, im Rückwärtschritt die
ständigen Angriffe ab. Die
Waffen-technik der Zeit bedingt, daß die sich beschießende
häufig weniger als
bis auf zehn Meter herankommt. Die Musketen schiessen nur ungenau. Da
es sich
um Vorderlader mit einem Steinschloß Zündsystem handelt,
kann selbst ein
routinierter Schütze nur etwa zwei Schüsse pro Minute
abgeben. Die erste Reihe
der Phalangen (Soldatenreihen) tritt hervor, feuert, kniet nieder, dann
feuert
die nächste Reihe stehend über ihre Köpfe hinweg, die
dann ihrerseits
niederkniet um der dritten freies Schußfeld zu bieten. Dies ist
aufgrund der
schlechten Treffsicherheit notwendig und bringt dem Gegner durch die
enge
Kampfweise massenhafte Verluste. Schon das Weiße in den Augen der
Gegner sehend,
wird die letzte Salve abgefeuert, dann wird mit gefälltem Bajonett
in stoischem
Marsch zum Nahkampf übergegangen. Die langen Klingen der
Winkelbajonette und
Faschiermesser werden in den Körper des Gegners, möglichst in
Hals und
Unterleib gestoßen. Das Bajonett, hier der
preußische Typ, ist eine brutale Waffe, die fürchterliche
Verletzungen hervorruft.
In dieser Zeit gehört der Nahkampf zum üblichen taktischen Vorgehen der Armeen. Der
Soldat Leonhard denkt: Wir sind alle
verloren – meine Kameraden stürzten
von den feindlichen Kugeln getroffen
links und rechts. Das Geschrei und Gejammer der Blessierten ging mir
durch Mark
und Bein. Da endlich gegen halb vier kommt wirksame Hilfe. General
Picton
mit der 5. englischen Division rückt heran. Hannoveraner,
Engländer, die
nach-rückenden Braunschweiger unter dem Befehl des Herzog
Friedrich Wilhelm und
die niederländische 2. leichte Kavalleriebrigade reihen sich in
die Linien ein
und entlasten die verzweifelt kämpfenden. Das
Gefecht, so berichtet der Sergant Döring der in unmittelbarer
Nähe zu
Johann Josts 3ter Füssilierkompanie kämpft, wurde
nun auf diesen Punkt zusehend heftiger und erbitterter, und Marschall
Ney,
fortwährend durch neue Regimenter verstärkt, wollte den
Durchbruch der
Schlacht-linie mit aller Gewalt erzwingen, was ihm jedoch nicht
gelingen
wollte, da sämtliche Truppen, aber ganz besonders die Schotten und
die
Braunschweiger, trotz des fürchterlichen Kanonenfeuers wie
Löwen fochten.
Letztere waren umso wütender als sie sahen, daß ihr Herzog
an der Spitze ihres
Regiments von einem französischen Dragoner tödlich plattiert
worden war und vom
Schlachtfeld entfernt werden mußte. 16.06.1815
Der Kampf bei Ligny Am 16.06.1815 kämpfen die Alliierte
Armee und die Preußen an zwei Orten gleichzeitig gegen die
französischen Truppen
Während
Johann
Jost bei
Quatre-Bras kämpft, kämpfen die Preußen in und um Ligny
gegen Napoléon.
Blücher hat sich dafür entschieden die
französischen Kräfte so lange wie möglich in einer
defensiv Schlacht zu binden.
91.000 Preußen stoßen auf 65.000 Franzosen. Eine
fürchterlich, grausame
Schlacht entbrennt. In Ligny wird um jedes Haus und jedes Zimmer, mit
wechselnden Erfolgen, verbissen gerungen. Ein fran-zösischer
Infanterist
berichtet: Aus jedem Fenster, jeder
Dachluke, aus jedem Loch in den Häusern und Ruinen wurde auf uns
geschossen.
Gewaltige schwarze Rauchschwa-den ziehen über die Ruinen der
Dörfer, und Funken
fliegen durch die Luft, die angefüllt ist mit dem tobenden
Lärm der Schlacht.
Wie von Sinnen schießen, stechen und schlagen die Soldaten
aufeinander ein. 17.06.1815
Rückzug auf Mont Saint Jean Dieser
16.Juni ist
begleitet
von schweren Gewitterregen, dem am 17. Ein grauer drückender
Himmel folgt.
Nachdem Wellington morgens gegen neun Uhr die Stellungen bei
Quatre-Bras
eingesehen hat, wie Johann Jost berichtet, erfährt er durch seinen
Adjudanten
Sir Alexander Gordon von der Nieder-lage Blüchers und dessen
Rückzug nach
Wavre. Sofort gibt er den Befehl sich zurückzuziehen, da nun seine
linke Flanke
entblößt ist und die Gefahr besteht, von Napoléon
angegriffen zu werden.
Wellington informiert Blücher über seinen Rückzug auf
einen Höhenzug südlich
des Fleckens Mont Saint-Jean, der in der Nähe des Ortes Waterloo
liegt, und
teilt ihm mit, daß er dort am 18. Juni den Kampf annehmen werde,
sofern Blücher
ihn unterstützen wolle, notfalls mit nur einem einzigen Korps.
Darauf erklärt
der preußische Generalfeldmarschall, dessen Armee sich zu diesem
Zeitpunkt
immer noch in einem chaotischen Zustand befindet und gruppiert werden
muß: Ich werde kommen, mit meiner ganze Armee! Eigentlich
erwartet
die
Division Perponcher einen Angriff der Fran-zosen, als der Befehl des
Rückzugs
sie um neun Uhr erreicht. Eilig wird die Ausrüstung verpackt. So mußten wir gleich retterieren
(zurückziehen), das ging über Hals und
Kopf bis wir bei Waterloo desselbigen Tages kamen, beschreibt Johann Jost mit kurzen Worten den
Rückzug.
Was aber „über Hals und Kopf“ heisst, beschreibt einmal mehr sehr
ein-dringlich
der Sergant Döring Wir glaubten alle, daß
des künftigen Tages auf dem bisherigen Terrain fortgesetzt werden
würde, allein
schon nach Mitternacht verbreitete sich die Nachricht im Lager,
daß Blücher 5
Stunden von uns bei Liége von Napoleon geschlagen worden sei und
daß daher, um
nicht um-gangen zu werden, unsere ganze Armee unverzüglich
aufbrechen und den
Rückmarsch über Genappe nach Waterloo nehmen
müßten. Bei unserem Aufbruch,
welchen wir mit bedeutender Eile und leeren Magen antraten, hatten wir
noch den
traurigen Anblick, daß die Franzosen eine Menge von Toten und
Plattierten,
worunter sich auch u.a. ein Offizier namens Engel aus dem Siegenschen
befand,
auf dem Schlachtfeld total bis aufs Hemd aus-gezogen und
geplündert hatten.Wir
retirierten nun unter beständigem Platzregen, unaufhörlicher
Verfol-gung und stetem Kanonenfeuer der französischen Avantgarde
den ganzen 17.
Juni bis nach Waterloo. Am 17.Juni ziehen sich die aliierten
Truppen von Quatre-Bras zurück.
Durch ständige Nachhutgefechte geplagt, gleicht der Rückzug in weiten Teilen einer Flucht Die ganze
Heerstraße von Quatre-bras
bis
nach Waterloo war mit größtenteils umgefallenen
Munitionswagen, welche Patronen
enthalten hatten, Verwundeten, feindlichen Apotheken, zerbrochenen und
ineinander gefahrenen Geschützen, Ambulanzen, mit Plattierten und
einem
unüberseh-baren langen Troß mit den Weibern der Schotten
(nach deren damaliger
Gewohnheit) so überfüllt und oft so verrammelt, daß die
Kavallerie und
Infantrie nicht mehr einhalten konnten und quer über die daran
grenzenden
Felder und Wiesen, die in einem fürchterlichen Kote, marschieren
und sich
durchschaffen mußten. Zu der Eile kommt noch ein gewaltiges
Gewitter, welches sich an diesem Tag über das Land ergiesst und
aus der Straße einen bodenlosen Sumpf macht.
Eine Ahnung vermittelt das Bild der Preußischen Infantristen Hierbei kam
es einmal vor, daß, als wir
einen bedeutenden Bach zu passieren hatten, worüber nur ein
schmaler Weg
führte, nur das eine Glied über denselben konnte, aber das
zweite bis an die
Hüften durch den Bach marschieren mußte. Unter diesen
Verhältnissen und der
allgemeinen Meinung, es sei alles egal, erreichten wir unter
unaufhörlichem
Regen und den Franzosen auf der Ferse des Abends noch die wenige
Häuser
enthaltenen Meierei Waterloo. Anstatt indessen den weiteren Marsch
durch den
vor uns liegenden Wald von Sangin (Soignes), durch
welchen die Straße nach Brüssel führte, fortzusetzen,
wurde
„Halt“ kommandiert und die ganze Armee auf beiden Seiten von Waterloo
unter
unausgesetzten Hin- und Hermar-schieren in Schlachtordnung gestellt.
Auch
der Soldat Leonhard berichtet in seinen Erinnerungen von den Strapazen
der
Männer: Ungefähr vier Stunden [waren
wir] retirirt und es überfiel uns ein
schweres Donner-wetter, der Regen fiel so stark, daß in Zeit von
einigen
Minuten Chaussee und Felder auf beiden Seiten der Straße alles
auf einen Zoll (2,5
cm) vom Wasser über-schwemmt war. Wir
kamen hier an einen Bach, die Genappe (richtig: Dyle) genannt.
Durch das starke Regenwetter war dieser Bach hoch
angeschwollen. Die Chaussee war viel zu eng oder nicht breit genug,
daß die
ganze Armee Platz genug hatte, um die Retirade fortsetzen zu
können. Wir mußten
daher links und rechts der Chaussee über das Feld und so fort
durch den
ange-schwollenen Bach schwimmen. Es fanden mehrere in diesem Wasser
ihren Tod. Durch
dieses schwere Unwetter ziehen die Soldaten verzweifelt Richtung
Norden. Doch
andererseits können dadurch die Franzosen ihre Attacken nicht
fortsetzen, so
daß das Gewitter für die hart bedrängten Alliierten
Truppen auch eine gute
Seite hat. Die den
Soldaten
zugewiesenen
Plätze zum biwakieren, sind tiefer Morast und eignen sich wenig
zum
Kräftesammeln und Regenerieren. Ein weitereTeilnehmer,
Unterleutnant von
Gagern, dieses strapaziösen Gewaltmarsches, schildert seine
Erlebnisse: Dieser 17. und der darauffolgende 18. waren
die Tage, an denen ich die meisten Strapazen ausstehen mußte.
Erstens war der
17. der erste Tag, an dem ich einen ganzen Marsch zu Fuß machen,
denn mein
Räppchen, das immer sonst bei mir hatte, mußte ich beim
Regiment lassen, als
wir zum Tiraillieren vorgingen. Diesen Marsch machte ich also ganz zu
Fuße,
nach-dem ich schon zwei Tage nichts gegessen hatte als trockenes Brot,
und wo
ich zweitens am nämlichen Morgen erst Üblichkeiten hatte;
drit-tens war bis ohngefähr um 3 Uhr die
fürchterlichste
Hitze, daß ich durch und durch naß war. Um 3 Uhr bekamen
wir dann einen
fürchter-lichen Platzregen. Alles, was vorher von der Hitze
naß war, wurde nun
durch den Regen ganz erweicht. Erst hatte ich zwar meinen Mantel
um-gehängt;
der wurde mir aber zuletzt so schwer, daß ich ihn garnicht mehr
tragen konnte;
den gab ich also einem Soldaten und patschte im Drecke fort. Der Regen
hatte
zwar nachgelassen, aber lange noch nicht aufgehört und hörte
auch nicht auf bis
wir ankamen. Unterwegs hatte ich mir noch geschwind ein Stückchen
von einem
Schweine heruntergeschnitten, welches die Soldaten geschlachtet hatten
und
freute mich schon auf die köstliche Mahlzeit. Kaum waren wir aber
eine Stunden
an Ort und Stelle, so kam das Geknalle als näher, und endlich
tollten sich die
Franzosen gar so ungeschickt, daß uns schon die Kugeln um die
Köpfe flogen. Wie
leicht hätte jetzt eine treffen können! Sie hätten doch
wenigstens so gefällig
sein können und warten, bis mein Schweinefleisch gekocht
hätte, aber nein, ich
mußte es aus dem Kessel heraustun und an einem Stocke braten, um
geschwinder
fertig zu sein; aber nicht einmal ausbraten ließen sie mich`s,
denn am Ende mußte
ich doch ein Stückchen Brot nehmen und das Fleisch noch halb roh
dazu essen. Die Brigade
Sachsen
– Weimar,
die Einheit von Johann Jost, postiert sich auf dem äußersten
linken Flügel der
Alliierten Armee, vor sich das Gehöft Papelotte
und etwas östlich von ihnen der kleine Weiler Smohain.
Südlich von Gehöft und
Weiler liegt das Schloß Frichermont. Seit dem 15. Juni haben die
Männer nur
etwas mehr als eine Zweitageration Brot (etwa 3 ½ Pfund) und
eine
Zweitageration Fleisch (ein knappes Pfund) erhalten. Alle sind
erschöpft,
durchnässt, hungrig und demoralisiert. Diese hellsichtige Erklärung des Serganten trifft wohl den Kern und ist überaus bezeichnend in welcher Stimmung sich die Truppen befinden. Zumal eine große Zahl von ihnen junge, schlecht ausgebildete und ausgerüstete Männer sind, die zum erstenmal an einem Feldzug teilnehmen. In diese aussichtslose Lage gestoßen zu werden, haben sicher nicht alle verkraftet. Vielleicht sprechen ihnen die älteren und erfahrenen Unteroffiziere Mut zu. Denn sie wissen, daß sie am nächsten Tag Seite an Seite mit diesen unerfahrenen Soldaten fechten müssen. Am Morgen durchbricht die Sonne schüchtern den Morgendunst. Nach vier Uhr, läßt der Regen nach und hört dann ganz auf, aber die Nässe ist immer noch allgegenwärtig. Nur langsam trocknet der Boden. Durch die anhaltende Feuchtigkeit, haben die durchnäßten Steinschloßge-wehre schon Rost angesetzt. Das Ausziehen und reinigen wird be-fohlen. Das Geschehen beschreibt Sergant Döring wieder mit beeindruckender Intensität: Als nun der Tag kaum graute, mußten wir – ungeachtet der Regen noch fort-während in Strömen herabfloß – Gewehre und besonders die Schlös-ser mit Sacktüchern und anderen Gegenständen, soweit möglich reinigen und zum Gebrauche tau-glich zu machen suchen. Durch die nunmehrige Anordnung der Schlachtlinien nahm das fort-währende „Hinten-quer-Marschieren“ der Corps fast kein Ende. Ein Teil das I. Bataillon des Regiments Oranien–Nassau und die „Freiwillige Jäger Kompanie“ Oranien, besetzen den Weiler Smohain und das Schloß Frichermont, daß etwa dreihundert Meter von Smohain entfernt liegt. Der andere Teil des I.Bataillons und das II. Bataillon Oranien–Nassau steht am Feldweg Brain l´Alleud–Ohain nördlich von Papelotte, dort werden auch drei Geschütze der niederländischen Batterie Stievenart in Stellung gebracht. Über
einhunderttausend Soldaten
ballen sich zu diesem Zeitpunkt auf einer Fläche von 30 – 40
Quadrat-kilometer.
Irgendwoher müssen sich diese Truppen versorgen. Durch das
schnelle hin und her
marschieren während der letzten zwei Tage ist die Versorgung
beider Armeen,
fast gänzlich zusammengebrochen. Außerdem wird zu dieser
Zeit ein Teil der Truppenversorgung aus dem Land
requiriert. Welche
Leiden dabei die ansässige Bevölkerung zu erleiden hat ist
kaum vorstellbar.
Döring berichtet über diese Art von Versorgung: Da
indessen jetzt der Magen immer leerer wurde und sein Recht behaupten
wollte und der Hunger stets zunahm, wurden das in den zwischen den
beiden
Armeen gelegenen Höfen, Mühlen etc., welche
größtenteils dabei abbrannten, sowohl von unseren Truppen
als auch der
Franzosen durchge-hendes vorhandene Vieh, Schweine, Gänse, Enten,
Hühner, Kartoffeln
und sonstige eßbaren Gegenstände geplündert; alles
wegen des Zeitverlusts nur
halb gesotten und gebraten jedoch mit der größten Begierde
verschlungen, was
durch das mehrtägige Fasten und erlittene Strapazen eben nicht zu
verwundern
war. Ich habe sogar gesehen, das die Soldaten ein ziemlich fettes
Schwein
brachten, dem sie mit ihrem Säbel, ohne es erst zu schlachten,
ganze Stücke aus
dem Hinterteil schnitten, sie ins Feuer steckten und halbgebraten mit
Begierde
verzehrten. Fast unglaublich aber wahr: während dieser
Plünderungen waren
Freund und Feind die besten Leute, und dachte keiner daran, daß
sie sich nach
einigen Stunden auf Tod und Leben schlagen würden. Was empfindet ein Mensch der sich in einer solchen Situation befindet? Wie in vielen Schlachten vorher und nachher, gibt es hier zumeist keinen persönlichen Hass zwischen den Soldaten der beteiligten Nationen, sondern nur den Willen zu über-leben. Man begegnet sich als Schicksalsbrüder, wenn auch unter verschiedenen Fahnen. Eine innere Überzeugung haben die meisten Soldaten der Hilfstruppen, da sie erzwungenermaßen an diesem Feldzug teilnehmen müssen, nicht. Rund 10.000 Vermißte und Deserteure verzeichnet die alliierte und preußische Armee in den vier Tagen vom 16. bis 19 Juni. Und doch braucht der einzelne eine Fahne, wenn es auch nur für die Hoffnung ist, daß sein mögliches Opfer in dieser für ihn ausweglosen Situation nicht ganz umsonst sei, der er folgen kann, während er geduldig zur Schlacht geführt wird. Die aber fehlt dem Regiment Oranien-Nassau, weil es eine Hilfstruppe ist, die für diesen Feldzug speziell aufgestellt worden ist. Meist bleibt den Soldaten nur der Alkohol. Mehrfach wird in Berichten beschrieben, dass die Soldaten während der Schlacht betrunken waren. Die Kanoniere der belgischen Batterie Bylandt, welche zur nassauischen Brigade gehört, beschießen während des Kampfes sturzbetrunken eine preußische Artilleriestellung, die allerdings vorher versehentlich ebenfalls die eigenen Verbündeten unter Beschuss genommen hatten.
Die Schlacht von Waterloo18.06.1815
Vor dem Kampf – Wir wurden also geduldig zur Schlacht
hingeführt Napoléons Plan für diesen Tag ist am besten mit der Anweisung zu erklären die der Organisator der Revolutionsarmee Lazare Carnot, den Generäle der Revolutionszeit erteilte: Die großen Schläge im Norden führen! In Massen offensiv vorgehen! Sich bei jeder Gele-genheit in Bajonettkämpfe einlassen! Große Schlachten liefern und den Feind bis zur Vernichtung verfolgen! Genau das hat Napoléon am 18. Juni vor. Sein Generalsstabchef Mar-schall Soult äußert seine Bedenken gegen diese Strategie. Der Kaiser reagiert erbost und aufbrausend: Sie glauben, daß Wellington ein großer Soldat ist, nur weil er sie in Spanien geschlagen hat. Ich aber sage ihnen, Soult, daß Wellington ein schlechter Soldat ist, und das die Engländer schlechte Soldaten sind, und daß das alles hier die Sache eines Frühstücks ist. Aufgrund des
völlig
durchweichten Bodens, der erst einigermaßen abtrocknen
muß, ist Napoléon dazu
verdammt mit seinem Angriff zu warten. Seine Truppen marschieren,
behindert
durch bodenlosen Schlamm, seit dem frühen Morgen zu ihren
Gefechtsordnungen. Wir reihten uns zwischen mehrere
Regimenter
im Getreide ein, schreibt ein französischer Infantrist, Man sah diese Regimenter nicht, denn sie hatten keine Feuer
brennen.
Der Feind sollte nicht wissen, daß wir uns ihm in Formation
gegenüber befanden.
Man stelle sich vor, wie wir da bei strömendem Regen und vor
Kälte zitternd im
Getreide lagen. Glücklich schätzte sich wer eine Möhre
oder eine Rübe hatte,
womit er seine Kräfte ein wenig auffrischen konnte. Ach, zu
welchem Leben waren
wir verurteilt! Hatte Gott uns deshalb in die Welt gesetzt? Ist es
nicht eine
wahre Schande, wenn ein König, ein Kaiser, anstatt sein Land
friedlich zu verwalten,
den Handel, die Bildung, die Freiheit, und die guten Beispiele zu
fördern, uns
zu Hundertausenden in dieses Elend versetzt? [...] Ich
weiß sehr wohl, daß man so etwas als ruhmvoll bezeichnet.
Aber die
Völker sind doch recht dumm solche Leute zu verherrlichen [...]
Dazu muß man allen gesunden
Menschenverstand, jegliches Gefühl und jegliche Religion verloren
haben [...] Die Regimenter vereinigten
sich zu Brigaden, die Brigaden
mit ihren Divisionen, die Divisionen mit ihren Korps. Die Ordonanzen
überbrachten
Befehle. Alles war in Bewegung. Die Bestürzung über
diese fürchterlichen
Stunden die aus diesen Zeilen spricht, erschreckt noch heute mit ihrer
Anklage.
Napoléon schätzt die Position der Armee Wellingtons falsch ein. Er meint, daß es ein Fehler sei, daß Wellington seine Armee mit dem Rücken zum Soignes-Wald aufzustellen. Bei eventuellen Rück-wärtsbewegungen könnte der Wald wie eine Wand das Manöver ver-hindern. Er weiß nicht, daß Wellington das Gelände ausge-zeichnet kennt, ein geniales stra-tegisches Konzept hat und der Wald fast kein Unterholz besitzt. Wellington unterschätzt im Gegen-satz zu Napoléon nicht die Feldherrenkunst seines Gegners und den Mut dessen Soldaten. Er hat in der Nacht die drei zwischen den Armeen gelegenen Gehöfte zu Stützpunkten ausbauen lassen, so das sie während der Schlacht eine „Wellenbrecher“ Funktion einnehmen sollen und durch seitliches Sperrfeuer die angreifenden französischen Formationen zur Auflösung bringen können. Außerdem ist das Tal am nördlichen Rand durch den tiefen Hohlweg von Braine l‘ Alleud nach Ohain begrenzt, der teilweise vier Meter tief und durch Hecken und Büsche geschützt ist. Dieser Weg bildet die vordere Grenze seiner Armee. Der Weg und das 20 Metern tief, sanft senkende, nach Süden abfallende Tal, hat Wellington als eine nahezu ideale Verteidigungs-stellung erkannt. Wellington weiß sehr wohl, daß er Napoléon nicht alleine widerstehn kann. Er hat etwa 67.000 Mann und 184 Kanonen zur Verfügung. Doch wenn die Preußen rechtzeitig eintreffen, erscheint ein Sieg über den Kaiser wahrscheinlich. Die Aufgabe der Alliierten Armee besteht also darin, solange auszuhalten bis die, nach dem Gefecht von Ligny, nach Norden ausgewichenen Preußen, das Schlachtfeld erreichen. Napoléon wiederum ist sich im klaren, daß er bei einer Vereinigung der Armeen Blüchers und Welling-tons kaum gewinnen kann. Sein Armee zählt etwa 77.000 Mann und 276 Kanonen. An Kavallerie, aber vor allem an Artillerie ist er dem Gegner weit überlegen. Als schweres Handikap für seine Armee, wird sich der fette völlig aufge-weichte Boden erweisen. In tiefem glitschigen Gelände müssen die Soldaten einen Gegner angreifen, der ihre Attacken in vorteilhafter Stellung erwarten kann. Die
Aufstellung der
weit
ausein-andergezogene französischen Armee, läßt den
berühmten preußischen
Militärstrategen und Generalstabsoffizier Carl von Clausewitz
rätseln: Anstatt seine Kräfte dem Feinde so viel
als
möglich zu verbergen wie jeder thut und unvermerkt zu nähern,
läßt er [Napoléon] sich so breit
und systematisch wie
möglich entwickeln, als käme es nur darauf an, ein
Schaugericht zu geben. Man
kann sich nur drei Veranlassungen denken. Entweder wollte er seinen
eigenen
Leuten damit den Muth steigern oder er wollte dem Gegener imponieren
oder es
war ausschwei-fende Spielerei eines nicht mehr im Gleichgewicht
stehenden
Geistes. Dem Regiment Johann Josts steht direkt die 4.
Infantriedivision
des Generals Durutte und die I. Kavalleriedivision Generals Jac-quinot,
die
beide zum I.Korps unter dem Befehl des Generals Drouet d`Erlon
gehören,
gegenüber. Weniger als tausend Meter sind zwischen den Soldaten.
Recht genau
ist zu sehen, was auf der anderen Seite vor sich geht. Der hanno-versche Artillerie-Leutnant Georg Wilhelm Müller
erlebt mit welcher Begeisterung die Franzosen ihrem Kaiser folgen Vor der Schlacht reitet
Napoleon die Front seiner Truppe ab. Die Wirkung ist phänomenal. Ein nicht zu unterschätzender Faktor für den Kampf. Er sieht die feindlichen Infantrie- und Kavalleriemassen marschierten ebenfalls auf, und Napoléon Bonaparte durchritt jetzt die feindlichen Linien. Ein tausend-mal-tausendfaches „Vive l‘ empereur!“ durchlief die gegner-ischen Reihen. Kurz darauf passierte auch Wellington unsere Front, und obgleich er es winkend zurückhalten wollte, brach ein jubelndes Hurra die feierliche Stille.... Der schon vorher angeführte französische Infantrist, erlebt das Ereignis auf der anderen Seite mit innerer Erregung: Nach einer Stunde hörten wir plötzlich zur Linken den Ruf „Vive l‘ Empereur!“ wie ein Gewitter erschallen. Dieser Ruf kam immer näher und wurde immer lauter. Wir stellten uns auf die Zehenspitzen und reckten die Hälse. Das ging durch alle Reihen, und selbst die Pferde wieherten, als wollten sie mitrufen. Da wirbelte auf einmal ein Schwarm Generäle und hoher Offiziere an uns vorbei. Napoleon war unter ihnen. Ich glaube, ihn gesehen zu haben, aber ich bin nicht ganz sicher. Er ritt so schnell, und so viele hoben ihren Tschako mit den Bajonettspitzen, daß man kaum Zeit hatte, seinen runden Rücken und seinen grauen Mantel inmitten der galonierten Uniformen zu erkennen. Als der Hauptmann gerufen hatte: „Gewehre über! Präsentiert das Gewehr!“ war schon alles vorüber. So bekam man ihn fast nie zu Gesicht, außer man gehörte der Garde an. Auch bei dem
I.
Bataillon des
Regiments Oranien–Nassau werden Vorbereitungen für die Schlacht
ge-troffen. Die
Gewehre werden notdürftig mit Sackleinen trocken-gerieben. Die
jungen Soldaten
haben eine schreckliche Nacht hinter sich. Doch die Furcht vor dem was
vor
ihnen liegt ist groß. Johann Jost ist einer von ihnen und das
Schicksal nimmt
für ihn einen dramatischen Verlauf. Er berichtet: Des
morgens kam der Prinz SagsWeimar zu uns, wir mußten sogleich das
Garrehe (Karree) oder Greis
vormachen.
Auf dem Schlachtfeld kämpfen
beide Seiten mit unerbittlicher Härte. Für die Soldaten ist
während des Kampfes die Siuation völlig chaotisch Das Karree ist eine effektive Verteidigungsordnung der Infantrie gegen Kavallerieangriffe. Es wird ein Viereck gebildet, in dem die vordere Soldatenreihe niederkniet und den Schaft ihrer Gewehre fest gegen den Boden stemmen. Die zweite Reihe steht, schießend und die Gewehre vor sich haltend. So ragen die aufgepflanzten Bajonette wie die Stachel eines Igels hervor. Dieser Wall ist fast unmöglich zu durchbrechen. Nur eine Kombination aus Artillerie, Infantrie und Kavallerie kann diesen Verteidigungswall auf-brechen. Im Inneren des Vierecks geben die Offiziere an die Soldaten die Befehle. Aber auch die Verletzten werden dort versorgt. Doch dann geschieht etwas, was ihn zu tiefst bestürzt: Es wurde also Befehl erteilt wie wir streiten sollten, es betraf auch uns wieder. Es wurde gefragt nach der Awang-Gard (Avandgard), es hieß die 3te Kompanie. Es wurden Freiwillige gefordert, da meldete sich kein Mann. Da wurden 10 Rotten vom rechten Flügel genommen, welches auch mich betraf. Die Erschütterungen bestürtzen mich; ich dachte, mein Gott, was will das werden? Wir wurden also geduldig zur Schlacht hingeführt. Hier wird deutlich, dass die jungen Männer des Regimentes keine enthusiastischen Freiwilligen sind, sondern Zwangsverpflichtete. Diese zeigen, anders als ihre Offiziere, keinen Drang als besonders mutig zu gelten. Mut ist Anfang des 19. Jahrhundert in den Armeen die entscheidende Tugend. Wenn ein Offizier nicht als feige gelten will, muss er einen Befehl, mag dieser auch noch so selbstmörderisch sein, ausführen. Aber auch die Mannschaften haben ihren Verhaltenskodex. So gilt es als feige sich zu ducken wenn man eine Kanonenkugel auf sich zu fliegen sieht. Gleiches gilt für eine gegnerische Gewehrsalve die es „standhaft“ zu überstehen gilt. Außerdem sagt Johann Josts Darstellung viel über die damals neueste Kampfweise aus. Die Kampftaktik hat sich seit Ende des 18. Jahrhunderts zunehmend geändert. Zu der geschlossenen Fechtweise (Linie und Kolonne) kommt die „geöffnete“ Formation, die Avandgard, hinzu. Bei dieser kämpfen einzelne Soldaten losgelöst von ihrem Verband und individuell unter Ausnutzung des Geländes. Diese taktische Änderung wird zuerst in der französischen Armee möglich. Die Soldaten der Revoulutionsheere, kämpfen mit innerer Begeisterung für ihre Ideale. Bei den herkömmlichen Armeen müssen die Soldaten mit Gewalt von ihren Vorgesetzten „bei der Stange“ – der Fahne – gehalten werden. Bis heute ist der friedrizianische Begriff des „Spieß“ erhalten geblieben. Damit ist der Feldwebel gemeint der hinter der kämpfenden Truppe stand und mit einem Spieß nicht den Feind attackierte, sondern die vor ihm postierten „Kerls“ am Zurückgehen hinderte. Die Franzosen
nennen ihre
Einzelkämpfer „Tirailleure“ (Schützen). Ihre taktische
Aufgabe ist es, ein
Gefecht vor den eigenen Linien einzuleiten, die Reihen des Gegeners
durch
einzelne Schüsse zu verunsichern,
eigene
Absichten zu verschleiern, den Gegner bei diesem Angriff hinzuhalten
oder zum
Rückzug zu veranlassen. Mit der wenigen Erfahrung die Johann Jost
besitzt, muß
er nun eine schwierige und gefährliche Aufgabe bewältigen. Er
betet: Herr Gott, stärke mich von oben her und hilf
mir kämpfen und hilf mir ringen, damit ich einst die Krone
erlangen werde... Um 11.35 Uhr wird der erste Kanonenschuß von der Division des General Foy abgefeuert, und donnernd eröffnet die Grande Batterie des Artillerie-Generals Drouot die größte Entscheidungs-schlacht des 19.Jahrhunderts. Das Inferno beginnt. Zu Beginn der Schlacht eröffnet die französische Batterie des I.Korps das Feuer auf den rechten Flügel der englisch- alliierten Armee. Das Ziel ist das Gut Hougomont. Zu dieser Zeit ist es auf dem linken Flügel bei dem Gehöft Pappelotte noch relativ ruhig. Der folgende Infantrieangriff auf das Gut Hougomont, der von Napoléon als Ablenkungsangriff gedacht ist, wächst sich zu einer eigenen Schlacht aus. Das Gut ist von Engländern in der vorherigen Nacht in aller Eile zu einer Festung ausgebaut worden. In dem vorgelagerten Wald sind Hannover-aner und Nassauer postiert. Um jeden Meter werden schreckliche Nahkämpfe geführt. Schließlich gelingt es den Franzosen die deutschen Truppen zu vertreiben und dann Hougomont direkt anzugreifen. Innerhalb kürzester Zeit türmen sich vor dem Südtor die Leichen der angreifenden Franzosen über die immer mehr ihrer Kameraden hinweg steigen. Die Hälfte des linken Flügels der französischen Truppen ist schlies-slich in diese Angriffe verwickelt. Ein zähes Ringen um den Gutshof, ein grausamer Kampf der mit äußerster Verbissenheit geführt wird, spielt sich während der gesamten Schlacht dort ab. Gegen 12.00 Uhr schickt Napoléon die Kavallerie Division des Generals Baron de Domon gegen den auf dem linken Flügel der alliierten Front gelegenen Gutshof Frichermont, der bald die Lanzenreiter und Jäger zu Pferde des Generals Baron de Subervie folgen. Der Graf de Lobau, General Mouton, der Kommandeur des VI. Armeekorps, erhält den Befehl die Attacken der beiden Kavalleriedivisionen zu unterstützen und die Verantwortung für die Sicherheit des gesamten rechten Flügels der französischen Armee gegen die gefährliche Bedrohung durch die Preußen zu tragen. Diese sind nur noch weniger als 15 Kilometer entfernt. Dem 72-jährigen Blücher ist es gelungen seine völlig verstreuten Truppen innerhalb kür-zester Zeit zu sammeln und die völlig übermüdeten Soldaten zu einer übermenschlichen Marschleistung anzutreiben. Der nach seinem Sturz vom Pferd erheblich verletzte Generalfeldmarschall schont sich selbst dabei nicht. Die Preußen quälen sich in der wieder ein-setzenden sommerlichen Wärme, auf total verschlammten Wegen dem Schlachtfeld zu. Die schweren Regenschauer vom Vortag haben ihren Marsch fast unmöglich gemacht. Schwere Lehmklumpen die jeden Schritt zu einer Qual machen, hängen an ihren Stiefeln. Überall hängt Schlamm an der Uniform. Bei jeder Wegunebenheit müssen die Geschütze und Munitionswagen zusätzlich mit den Schultern gescho-ben werden, weil die Pferde auf dem rutschigen Boden keinen Halt mehr finden und die Wagen bis zur Radnabe im Schlamm versinken sind. Während dessen tobt die Schlacht weiter. Der Gewitterdonner der Artillerie, das Heulen der Kanonenkugeln, die Schrei der Sterbenden und Verwundeten, das entsetzte Aufschreien der Pferde, das Sirren der Gewehrkugeln, die geschrieenen Befehle, das Kampf-getümmel, dazwischen das Trommeln der Tamboure und die Hörner und Pfeifen der Bläser, dies alles ergibt einen infernalischen Lärm, gemischt mit einem dichten weißen undurchdringlichen Pulver-nebel über dem Schlachtfeld. Gegen 13.00 Uhr wird der Hauptangriff der Franzosen durch einen halbstündigen Orkan aus neunzig Kanonen eröffnet. Das Tal zwischen La Belle Alliance und Mont –Saint–Jean verwandelt sich in eine Hölle. Doch viele Kugeln schlagen zu früh ein und rollen immer langsamer werdend den Hang hinauf. Der einige Meter steil abfallende Hinterhang des Mont–Saint–Jean und der tiefe Hohlweg, bieten den alliierten Soldaten einen wirksamen Schutz. Inzwischen
warten
vier
Infantriedivisionen des I. französischen Korps unter General
Drouet d`Erlon,
die Division der Generäle Durutte, dem unter anderem auch das 1.
Bataillon
Oranien–Nassau gegenübersteht, Marcognet, Donzelot und Allix
Gewehr bei
Fuß auf ihren Angriffs-befehl. Um
etwa
13.40 Uhr setzen sich 18.000 Mann in drei Kolonnen jeweils 150 Mann
breit und
25 Reihen tief, über die fast mannshoch wogenden Roggenfeldern in
Bewe-gung.
Die Militärkapelle spielt den Marsch aus Lesueurs Triomphe de
Trajan und die
Soldaten singen dazu. Selbst auf günstigem Terrain wäre diese
Gefechtsform
gefährlich, bei den gegebenen Verhältnissen wirkt sie sich
verheerend aus. Der
französischer Infantrist beschreibt die bedrohlichen Auswirkungen:
In eben jenem Augenblick erhielt das 1.
Bataillon der 2. Brigade den Befehl, rechts der Straße
vorzumarschieren,
gefolgt vom 2., 3. und 4. Bataillon, wie auf der Parade. Wir hatten
keine Zeit,
uns in Angriffskolonnen zu formieren, sondern gingen einer hinter dem
anderen.
Die Folge war, daß die Kugeln anstatt zwei gleich acht wegfegten.
Und die
hinteren Reihen konnten nicht schießen, weil die vorderen im Weg
waren. Auch
zeigte sich bald, daß wir keine Karres bilden konnten. Daran
hätte man im
voraus denken sollen. Aber der Eifer, die englischen Linien zu
durchstoßen und
mit einem Schlag zu siegen, war zu groß. Die ganze Division
marschierte in
dieser Ordnung. Das 2. Bataillon folgte unmittelbar auf das erste usw.
da wir
links begannen, stellte ich zu meiner Freude fest, daß wir in der
25. Reihe
waren. Es mußten also viele hinweggerafft werden, ehe wir vorne
waren. Die zwei
Divisionen rechts von uns hatten sich genauso formiert Die einzelnen
Kolonnen
hatten hatten je dreihundert Schritte Abstand voneinander. So stiegen
wir in
die Mulde hinab, trotz des Feuers der Engländer. Der Lehm, indem
wir versanken,
verlangsamte unsere Schritte. Der schwere
zähe Lehm zieht vielen Infantristen
die Schuhe von den
Füßen. Zudem wird ein rasches und geordnetes Vorgehen durch
das
hochaufgwachsene Getreide er-schwert. Es kommt, was kommen muß.
Die drei
Kolonnen geraten in das Querfeuer der befestigten Höfe. Die
mittlere Kolonne
läßt sich durch das Kartätschenfeuer nicht auf-halten,
dann wird sie von der
Kavallerieunionsbrigade Ponsonby, die den günstigen Augenblick
nutzt, von der linken Seite angegriffen
und
zusammengeschlagen. Der dritte Kolonne ergeht es nicht anders. Sie wird
aus
nächster Nähe beschossen und vom 3. Regiment der
Kavallerie-unionsbrigade
Ponsonby überritten. Insgesamt werden 2.000 Franzosen
gefangengenommen und etwa
3.000 Mann des Korps d`Erlon sind gefallen oder verwundet Das Karree ist eine äußerst
effektive Verteidigungsstellung, die nur durch eine Kombination von
Artillerie und Kavallerie zu durchbrechen
Die Brigade
des
Prinzen
Sachsen–Weimar stand bekanntlich seit dem Abend des 17.06. auf dem
äußersten
linken Flügel der englisch–alliierten Schlachtlinie vor den
Höfen
Pappelotte und La Haye und dem Dorf
Smohain. Ein französisches Bataillon geht bei dem
oben-beschriebenen Angriff
gegen den Hof Papelotte vor, wo es vor seiner Front eine Tiralleurlinie
entwickelt. Die Franzosen drücken die nassauischen Plänkler,
die bei den
Arbeiterhäuschen, die dem Hof vorgelagert sind, bis in den Garten
des Anwesen
zurück.
Hauptmann Rettberg vom 2.
Regiment Nassau, dessen Kompanie die Plänkler stellt, berichtet
von diesen
Ereignissen: Zwischen 12 und 1 Uhr rückte
eine feindliche Tirailleurlinie gegen Papelotte vor, der Prinz von
Weimar
schickte mich mit meiner Kompanie ihm entgegen, bald darauf besetzte
eine
Abteilung des Regiments Nassau–Oranien (das I. Bataillon mit
Johann Jost) das Dorf Smohain und La Haye und ich setzte
mich mit derselben in Verbindung. Papelotte ist zu einer
nachdrücklichen
Verteidigung sehr geeignet, und es gelang mir, die feindlichen
Tirailleurs bis
zur äußersten Hecke, an den Rand des Wiesentals, welches
unsere Position von
der feindlichen trennte, zurückzutreiben und einige Häuser
daselbst zu
besetzen. Zwischen 3 und 4 Uhr rückte die feindliche
Tirailleurlinie neuerdings
vor und ihr folgte als Soutien eine bedeutende Infantriekolonne; ich
wurde
genötigt meine Position zu verlassen und auf Papelotte, welches
ich in der
Zwischenzeit so viel als möglich zu einem Reduit eingerichtet
hatte,
zurückzugehen. Auf mein Gesuch um Verstärkung stellte
Hauptmann Frensdorf die
10. und 11. Kompanie, welchen sich die Flanquerkompaniedes 2. Bataillons
anschloß, unter mein Kommando. Die feindliche Kolonne, durch das
Feuer aus
Papelotte und den kleinen Häusern aufgehalten, wurde nun durch
einen neuen
raschen Bajonettangriff geworfen und bis zu der schon genannten
äußeren
Hecke verfolgt; hier empfing uns eine
feindliche Batterie, kaum 500 Schritt entfernt, mit Kartätschen.
Obgleich unser
Verlust bedeutend war (die Kompanie verlor 2 Offiziere und schmolz
bis zum
Ende der Schlacht auf die Hälfte der Mannschaft zusammen), versuchte der Feind doch keinen ernstlichen Angriff,
sondern
beschränkte sich auf ein lebhaftes Feuergefecht. Gegen 6 Uhr
erschien der Feind
in meiner linken Flanke, das 1. Bataillon von Nassau– Oranien stand
nicht mehr
mit mir in Verbindung, der Feind hatte Smohain und La Haye besetzt und
rückte
in Tirailleurlinien auf Papelotte vor; dieser obschon sehr lebhafte
Ansturm war
durch keinerlei Kolon-nen unterstützt und es bedurfte daher in
meiner
vorteilhaften Stel-lung keiner besonderen Anstreng-ung, den Feind
aufzuhalten.
Nach 7 Uhr zog sich derselbe plötzlich zurück, ohne durch
mich genötigt zu
sein, oder daß ich mir dieses Ereignis zunächst
erklären konnte, wenn schon von
Smohain und Plancenoit her ein heftiges Artillerie- und Infantriefeuer
herübertönte. Meine bis la Haye vorgeschobene Tirailleurlinie
wurde, durch
zahl-reiche, von Kolonnen gefolgte Schützenschwärme
angegriffen und aus den
Hecken sogar beschossen. Indem ich mich gegen diesselben wandte,
erkannte ich,
daß es Preußen seien, welche sich gleich-zeitig von ihrem
Irrtum überzeugten. Hauptmann
Louis Wirths, ebenfalls vom 2.
Regiment Nassau, schildert seine über Rettbergs Einheit: Ich traf den Rest dieser Compagnie, welche sehr gelitten,
theils an der
Ferme La Haye, theils in den an dieselbe anstoßenden Gärten
mit feindlichen
Tirailleurs engagiert. Durch das Feuer seiner Kompanie seien die
Franzosen
zum Zurückzuweichen gezwungen worden, schreibt Wirths weiter und
fährt fort: Ich ging mit meiner Compagnie durch das,
an
genannter Ferme vorbei, nach Smohain sich Hinziehende tiefe aber
schmale
Wiesenthal und jenseits auf das Freie Feld [...] Hier operiert ich nun
abwechselnd bald avancierend bald wieder zurückgedrängt , bis
in einem hinter
meiner Fronte parallel durchlaufenden Hohlweg wo ich mich hineinwarf
und in
demselben gut gedeckt, den Feind stets durch ein heftiges Feuer wieder
zum
Rückzug zwang, und diese Position bis zum Ende behauptet. Von
Clausewitz
beschreibt die
Situation der Schlacht: Zu diesem
Zeitpunkt fechten etwa 68.000 Mann auf der Seite der Alliierten und
45.000 Mann
für Napoleon. Die französischen Soldaten waren schon sehr
erschöpft, die
Kavallerie in gänze im Kampf, Wellington hingegen hatte noch
frische Truppen in
Reserve. Der Kampf in der Mitte der Schlacht tobt so heftig, der Grad
der
Erschöpfung war nun so groß, daß bei einem
entscheidende Stoß, der
Niederstürzende nicht in der Lage wäre wieder aufzustehen.
Dieser entscheidende
Stoß war der Angriff der Preussen. Zwischen 5 und 6 Uhr trifft das I. Korps Zieten ein, das von Ohain her anrückt. Daraufhin rückt die alliierten Kavalleriebrigaden Vandeleur und Vivien, die dort hinter der nassauischen Brigade steht um deren evntuell flüchtende Infantrie einzusammeln, zum Zentrum ab. Die französische Division Durutte greift mit sechs Bataillon die alliierten Stellungen Smohain, La Haye und Pappelotte zum dritten Mal an. Smohain wird genommen. In Smohain kann die I. Füssilier-kompanie des Regiments Oranien-Nassau unter Hauptmann Hartmann dem Feind nicht mehr widerstehen. Deshalb müssen zur Unterstützung nach und nach die I. Grenadier-kompanie und Teile der II. Grenadierkompanie abgestellt werden. Die Franzosen stoßen in die linke Flanke der in Papelotte stehen-den nassauischen Abteilung v. Rettberg und rücken nun gegen dessen Stellung mit einer Tirailleur-linie vor, der jedoch keine massiven Infantriekolonnen folgten. Inzwischen
haben
die
preussischen Truppen das Schloß Frichermont besetzt. Von dieser
Brigade geht
ein Bataillon im Ohaintal auf Smohain vor. Die aus Smohain und La Haye
vertriebene Abteilungen des 2. Nassauischen Infantrieregiments und des
Regiments Oranien–Nassau erhalten eine Atempause und können den
Nordrand von
Smohain halten. Die etwa um sieben Uhr bei Smohain eingreifenden
Preussen
stoßen auf Kompanien des II. Bataillon vom Regiment
Oranien–Nassau, halten
diese für Franzosen und beschießen sie. Das
Mißverständnis wird nach 10 Minuten
aufgeklärt. Die Verwechslung kostet jedoch einige Tote und
Verwundete auf
beiden Seiten. Das Eintreffen der Preussen läßt die
französische Armee
zusammenbrechen. Wie die Soldaten diese dramatischen Stunden erleben
beschreibt der Sergant Döring: Als nun in
diesem kritischen Moment die Avantgarde des Bülowschen Corps
hinter unserem
Rücken herunter-stieg, so wurde in der Meinung, es seien dies
Franzosen, kehrt
gemacht und dieselben gefeuert, bis uns von Offizieren der Preussen mit
weißen
Tüchern zugewunken wurde. So freudig auch diese Erscheinung jetzt
war, so
erfolgte jedoch jetzt der hitzigste Zeitpunkt des ganzen Tages. Von dem
Getümmel und Durcheinander, dem Hurra-Ruf, dem rollenden Donner
der Kanonen und
Gewehre, was jetzt entstand, davon kann sich nur derjenige, wer diesem
fürchterlichen Schauspiele bei-gewohnt hat, einen Begriff machen.
Von
menschlichem Gefühle war gar keine Rede, Verwundete und Ster-bende
wurden ohne
Rücksicht überfahren und ohne Schonung über sie
hinwegmarschiert, waren es
Freunde oder Feinde – alles gleich! Jeder dachte nur an sich selbst.
Aus diesem
Getümmel erinnere ich mich noch eines preußischen Landwehr
Unteroffiziers,
welcher an mir vorbei-irrend sich äußerste: „Wir wollen
ihnen schon preußischen
Tabak zu rauchen geben“, welcher aber kurz darauf getroffen zur Erde
fiel – ob
tot oder verwundet, das habe ich nicht gesehen. 18.06-19.06.1815
Der Schrecken nach der Schlacht Nach
14 Stunden Kampf,
flieht Napolèon durch seine Offiziere gedrängt vom
Schlachtfeld in die Nacht.
Dicht auf den Fersen folgen ihm und seiner geschlagenen Armee die
Preussen. Die
völlig erschöpfte und ausgeblutete alliierte Armee bleibt auf
dem Schlachtfeld
zurück. Trotz der extrem gefährlichen Situation die Johann
Jost in der vorderen
Reihe der Schützenlinie erlebt hat, ist er wie durch ein Wunder
und mit Gottes
Hilfe ohne Verletzung aus der Schlacht heraus-gekommen. ...und
als diese Schlacht geendigt war und wir den Sieg von Gott
erhalten, das war um vier Uhr (Gemeint ist wohl das Eintreffen der
Preußen.
Die Zeitangaben der Soldaten sind häufig ungenau oder falsch), wo wir die niederländische Musik Gottes
Loblied erschallen hörten, berichtet Johann Jost erleichtert Die in den Smohain eintreffenden
Preussen Smohain werden Johann Jost und seine Kameraden des I.
Bataillon Oranien-Nassau stürmisch begrüßt. Allerdings hat er auch Glück gehabt, denn an der linke Flanke Wellingtons, wo Johann Jost eingesetzt war, wurde wesentlich weniger gekämpft als im mittleren Bereich oder auf der rechten Flanke. Außerdem war der Vorstoß der Preussen auf der linken Seite entscheidend für den Ausgang der Schlacht. Dies heißt allerdings nicht, daß es ein leichtes Spiel war die Angriffe der Franzosen abzuwehren. Auf dem 1865 in Wiesbaden errichteten Waterloodenkmal stehen unter anderem die Namen von drei Offizieren und zehn Unteroffizieren und Gemeinen des Regiments Oranien–Nassau. Insgesamt sind in der Zeit vom 15.–18.06.1815 85 Offiziere und 4.773 Unteroffiziere und Gemeine der holländisch, bel-gisch, nassauischen Truppenteile gefallen oder verwundet worden. Insgesamt sterben in der Zeit vom 15.-19.06. auf Seite der Franzosen 64.602 Mann, davon bei Waterloo und auf dem Rückzug 43.656 Mann, die Preussen verlieren 40.237 Soldaten, davon 6.998 bei Waterloo und die Alliierten 22.851 Soldaten. Insgesamt verlieren in den vier Tagen etwa 128.000 Menschen ihr Leben. Das
Schlachtfeld
bietet ein
unvor-stellbar grausames Bild. Es ist mit Toten und Sterbenden bedeckt.
Auf
einer Fläche von etwa sieben Quadratkilometern liegen nahezu
45.000 Tote und
Verwundete. Der Kampfplatz bietet nach der
Schlacht ein Bild des Grauens. Noch Tage nach der Schlacht liegen
Verwundete unversorgt auf dem Feld Zum Vergleich: Das Herzogtum Nassau hat zu diesem Zeit knapp 300.000 Einwohner. Die Stadt Wiesbaden mit ihren rund 4.000 Personen wäre mehr als zehnmal ausgelöscht worden. Sergant Döring schildert in bewegenden Worten das Ende dieses fürchterlichen Tages: Als die Schlacht beendigt und gewonnen war, welches wir doch lediglich der Hilfe der Preußen zu verdanken hatten, da es unsere Armee schwerlich mehr lange hätte aus-halten können, übernahm General Gneisenau mit den Preußen die Ver-folgung der Franzosen, und wir kampierten des Nachts neben dem Schlachtfelde, und zufällig unser Bataillon auf dem Zentrum der Schlachtlinie unter Toten und Verwundeten, welche auf diesem Gelände stellenweise drei bis vier Schuh hoch über- und untereinander lagen. An Essen und Trinken, obgleich auch kein Vorrat vorhanden war, wurde nicht gedacht. Ein jeder warf sich mit Sack und Pack, sein Gewehr im Arme, durcheinander auf die Erde. Die Zentren der Kampfhandlungen sind durch die Anhäufung der Opfer markiert. Um den Gutshof Hougomont, wo rund 4.500 Tote und Ver-wundete die Gräben füllen, bietet sich ein grausiger Anblick. Nicht weniger schrecklich sieht es an den Stellen aus, an denen Karrees durch Artilleriebeschuß oder durch Kaval-lerieattacken zerschmettert wurden. Das 27th Regiment der englischen Truppen liegt buchstäblich tot im Karree. Die wohl
erschütterndste
Schilder-ung der Qualen, die in der Nacht vom 18. zum 19. Juni auf dem
Schlachtfeld erlitten wurden, hat der englische Artilleriehauptmann
Mercer
gegeben, der mit dem Rest seiner Batterie an der Stelle, an der er am
Tage
gekämpft hatte, erschöpft und übermüdet nachts zu
ruhen versuchte. Mercer, der
keinen Schlaf finden konnte, wanderte über das von einem bleichen
Mondlicht beschiene
Feld des Grauens und faßte seine Empfindungen in diese Worte: Hier und dort saß ein armseliger Bursche
aufrecht inmitten der zahlosen Toten, selber angestrengt damit
beschäftigt,
den Blutstrom zu stillen, mit dem sein Leben schon fast weggenommen
war.
Manche, die ich in der Nacht so gesehen habe, waren beim Morgengrauen
so steif
und still, wie die schon vor ihnen davongegangen. Von Zeit zu Zeit
erhob sich
eine Figur halb vom Boden, um dann wieder mit einem verzweifelten
Stöhnen
wieder zurückzufallen. Andere wiederum versuchten langsam
aufzustehen, um
hilfesuchend über das Schlachtfeld zu wandern. Besonders
schrecklich war der
Anblick der zahlreichen getöteten und verwundeten Pferde, die
unser Mitleid
hervorriefen, sanft, geduldig, duldend. Einige lagen am Boden mit
heraushängenden Eingeweiden und doch lebten sie noch. Diese Tiere
wollten
gelegentlich versuchen aufzustehen, aber wie ihre menschlichen
Bettgenossen,
fielen sie rasch zurück, wollten ihre armen Köpfe hochheben
und - während sie
einen sehnsüchtigen Blick zur Seite warfen - lagen sie wieder
still da, um das
gleiche so lange zu wiederholen, bis die Kraft nicht mehr vorhanden war
und
dann, ihre Augen sanft geschlossen, nach einem kurzen krampfartigen
Zucken,
ihre Leiden beendeten. Ein armes Tier erregte mein schmerzliches
Interesse- es
hatte, wie ich annahm beide Hinterbeine verloren und so saß es
die lange Nacht
hindurch auf seinem Hinterteil, Ausschau haltend, als sei es in
Erwartung
kommender Hilfe. Von Zeit zu Zeit stieß es ein langes und
hingezogenes Wiehern
aus. Obwohl ich wußte, daß ein sofortiges Töten etwas
Dankenswertes sei, konnte
ich doch nicht gleich den Mut aufbringen, dazu den Befehl geben.
Blutvergießen
hatte ich in den letzten 36 Stunden genug gesehen und war krank bei dem
Gedanken,
noch mehr davon zu vergießen. Dieses Pferd saß noch dort,
als wir unseren Platz
nach verbrachter Nacht räumten – es sah aus, als ob es uns
Vorwürfe machte,
weil wir es in der Stunde der Not verließ. Mehr als 11.000
Pferde liegen
tot auf dem Schlachtfeld. Leutnant Georg Wilhelm Müller berichtet: Unter den Toten und Sterbenden brachten
wir die Nacht auf dem Schlachtfeld zu, und der Anblick am folgenden
Morgen war
der schrecklichste, den man wohl je in dieser Art gesehen hat oder
sehen kann.
In der ganzen Ausdehnung, wo wir und wo die Feinde gestanden haben,
konnte man
keinen Schritt tun, ohne verstümmelte Leichen und abgerissenen
Armen und
Beinen, Sterbenden und schwer Verwun-deten aus dem Wege gehen zu
müssen. Das
Schlachtfeld am Mittag vorher mit reichen Kornfeldern bedeckt, bot
jetzt den
umher-schweifenden Augen nichts als eine weite augedehnte Kotmasse, wo
alles,
was eine Armee an Ausrüst-ung an lebendigen und toten Dingen
bedarf, in
gräßlichster Zerstörung übereinander lag – und
dies Stunden weit! Ich mag diese
Beschreibung nicht fortsetzen; mich hat dieser Anblick mit dem
entsetzlichsten
Abscheu gegen alle Menschen erfüllt, die ohne begründete
Ursache solches
Unglück verursachen können. Die erschütternden Berichte haben die grausamen Qualen, den Schrecken und die unvorstellbaren Strapazen in einer unmenschlichen Schlacht, bis in unsere Zeit konserviert. Das Beerdigen der tausenden von Toten ist neben der schrecklichen Arbeit, ein logistisches Problem. Massengräber werden ausgehoben in die Mensch und Tier hineingeworfen wurden. Der ungelöschte Kalk, der über die Leichen gestreut wird, dient zur schnelleren Zer-setzung. Bis zu viertausend Mann und ebensoviele Pferde liegen in den Gräbern. Unzählige kleinere Grabhügel, in denen ein oder zwei Männer beerdigt werden, liegen verstreut über das gesamte Schlachtfeld. Der Gestank ist unerträglich. Es ist allerdings unmöglich alle Soldaten zu beerdigen. Die Gefahr von Seuchen und einer Grundwasserverschmutzung wird einfach zu groß. Deshalb schichtet man an der Brüsseler Chaussee zwischen Belle Alliance und Le Caillou, einen riesigen Scheiterhaufen aus Menschen und Pferdeleichen auf. Mit dem Einverständnis der katholischen Kirche wird zwei Wochen nach der Schlacht mit der Verbrennung begonnen. Acht Tage lang brennt das Feuer und das durch die große Hitze ausgetretene Fett fließt in einem breiten, zähen Strom über die Brüsseler Chaussee und macht sie unpassierbar. Das Chaos während und nach der Schlacht war zu groß, so das viele Familien nie erfuhren wo der Sohn oder Mann geblieben war. Analpha-betismus und die Probleme der Soldaten die Ereignisse und Orte richtig wiederzugeben trugen das Ihrige dazu bei. Die Leiden der Überlebenden sind aber noch nicht vorbei. Das französische Heer ist geschlagen, jetzt muß Napoleon endgültig vernichtet werden. Die Kapitulation Frankreichs und die Zeit danach19.06.
– 01.07.1815 Die
Verfolgung der französischen Armee bis Paris Nach dieser unheimlichen Nacht, sind die Soldaten des I. Bataillon noch immer zutiefst erschöpft. Doch die Befehle sind eindeutig. Die Verfolgung der Reste das französischen Heeres muß schnell erfolgen. Die Preussen sind schon vorausgeeilt und den Franzosen auf den Fersen. Am frühen Morgen muß Napolèon seine Kutsche in Genappe zurücklassen. Die Straße ist mit einer zurückflutenden Masse aus Soldaten, Pferden, Wagen mit Verletzten, Marketender, völlig verstopft. Schnell muß Napolèon auf ein Pferd springen, denn nur wenige Minuten nachdem er seine Kutsche verlassen hat, fallen preußische Soldaten darüber her. Bei der Plünderung fällt ihnen die napol-eonische Kriegskasse, der Degen und sein Hut in die Hände. Die Preußen sind in einem Blutrausch. Jeder Franzose, der vor ihnen nicht fliehen kann, wird erbarmunglos niedergemacht. Die Nacht hat Johann Jost und seine Kameraden also auf oder direkt neben dem Schlachtfeld verbracht. Der nächste Morgen zeigt ihnen das ganze erschütternde Ausmaß der Schlacht. Und Johann Jost berichtet in den bewegendsten Zeilen seines Berichtes: Wir begaben uns des Abends ins Lager bis den 19.Juni 1815 und als wir dann über das blutige Schlachtfeld hin eilten nach dem Feind zu und wir die gemein-sten Leiden sahen, da hieß es: Dem fehlt ein Arm, dem fehlt ein Bein, dem ist der Kopf zerspalten, der liegt zerstümmelt auf der Erde, er wird getreten von den Pferden, möchte von der Welt gern scheiden und muß noch viel leiden. Es ist zu spüren wie sich das Grausen tief in seine Erinnerung eingegraben hat. Doch es bleibt keine Zeit um weiter darüber nachzudenken, ganz ausge-schlossen ist es den Verletzten und Sterbenden zu helfen. In großer Eile wird über das Schlachtfeld marschiert, auf der Straße nach Charleroi zu. Hier werden
die
Truppen
gesammelt. Auf den Straßen herrscht immer noch Chaos. Die
erschöpften Soldaten
der alliierten Armee behindern sich gegenseitig. Die Nerven liegen
blank. Ein
britischer Hauptmann der Troop Royal Horse Artillery
berichtet von Auseinan-dersetzungen mit
nassauischen Sol-daten, bei denen diese sogar Bajonette gegen die
Pferde der
Engländer einsetzen. Nur den nassau-ischen und englischen
Offizieren ist es zu
verdanken, daß nicht mehr passiert. Auch der Sergant Döring
berichtet von den
Strapazen des Marsches auf Paris zu: Schon
frühzeitig wurde es sehr heiß, und die Straße war
durch frühere sehr starke
Regenwetter schroff und holprig geworden. Ich habe an diesen Tagen
gesehen, daß
viele der Soldaten aus Mattigkeit hinsanken und starben. Es durfte
indessen nur
wenig gerastet werden und keiner zurückbleiben, zumal den
Brabandern viel
weniger als den Franzosen getraut wurde. Was das Marschieren noch sehr
erschwerte,
war der Umstand, daß die Kavallerie, Artillerie, Munitionswagen,
Ambulanzen usw. die Mitte der Straße einnahmen
und
die Infantrie auf beiden Seiten derselben mar-schieren mußten.
19 Stunden
ohne Pause muß marschiert werden, berichtet er weiter. Ab da wo
beide
Heerstraßen vor Paris zusam-menstoßen und die Preußen
vor dem alliierten Heer
sind, sind die Dörfer wie ausgestorben. Anfang Juli kommt Johann
Jost mit
seinen Kameraden bei Monte Matre an Mont Martre lag zur Zeit Johann Josts
vor den Toren der Stadt Paris. Montmorency ist ein Vorort nördlich
von Paris Dort
beziehen sie Ihr Lager. Am 01. Juli 1815 kapituliert Paris. Die
Versorgung ist
schlecht und die Soldaten müssen noch viel Not erleiden. Hunger,
Enkräftung und
Typhus fordern immer wieder ihre Opfer. Die Soldaten übernachten
im freien.
Nachdem die Situation sich entspannt hat, werden
die Soldaten auf die Ortschaften verteilt und die Zustände bessern
sich. Bis
Ende November liegen die Truppen bei Paris. Das Biwak vor Paris
sind einfach Strohütten, wie sie hier auf einen Stich Ende des 18.
Jahhunderts abgebildet sind. 01.07.
– 01.12.1815 Nach
der Kapitualtion Die siegreichen Mächte erhalten aus dem Friedenstvertrag, der am 25.11.1815 geschlossen wird, eine Kontributionszahlung. Davon erhält der gemeine nassauische Soldat 61 Franc und 60 Centimes. Ein General erhält 30.589 Franc, ein Unteroffizier 461 Franc und 60 Centimes. Kurz vor dem Friedensschluß steht die Räumung der besetzten Gebiete bevor. Das 2. Infantrieregiment Nassau erhält am 09. November den Befehl in die 2. Division der niederländischen Armee einzu-rücken. Ersetzt werden soll das 2. Infantrieregiment wiederum durch das Regiment Oranien–Nassau, das als 2. Brigade in die nassauische Division eintritt. Es findet also ein Truppentausch statt. Nun wirkt
sich der
am 31.Mai
1815 geschlossene Staatsvertrag zwisch-en Oranien–Nassau und
Preußen aus. Die
Oranier hatten die Königswürde der Niederlande erlangt und im
Tausch für ihre
deutschen Erblande Luxemburg als Großherzogtum erhalten. Es
wurde ein
Zusatzabkommen zwischen Nassau und Preußen über den
Austausch von Gebieten
abgeschlossen, der auf Betreiben Nassaus in die Wienerkongreßakte
kam. Zwischen
Preußen und Nassau werden Gebiete mit insgesamt 186.000 Menschen
getauscht.
Für Preußen ein Glücksfall. Erhält man doch die
begehrte Festung
Ehrenbreitstein bei Koblenz, die in späteren Jahren zur
stärksten Festung
Europas ausgebaut werden soll. Doch auch Nassau erhält am
17.11.1816, nach
Abtretungsverhandlungen Preußens mit Hessen-Kassel, die seit
Jahrhunderten
umstrittene Niedergrafschaft Katzenelnbogen.
01.12.1815
– 19.08.1820 Die Stationierung in den Niederlande und das
Ende der Militärzeit Am
01.Dezember 1815
geht es
dann endlich für das 2. Infantrieregiment Nassau nach Bergen op
Zoom los. Dort
erhält Johann Jost mit seinen Kameraden am 23.12.1815 die Waterloo
Medaille Er hat mit
genauem
Datum
festgehalten wo das Regiment wann und wie lange in den nächsten
Jahren liegt.
Unter anderem kehrt er zwischen November 1816 und Oktober 1818 für
fast zwei
Jahre noch einmal in die Nähe des Schlachtfeldes von 1815
zurück, nämlich nach
Namur. Der Soldaten-alltag, mit Diensten, Übungen, Märschen
und exerzieren ist
längst wieder eingekehrt. Jeder einzelne ist froh heil
davongekommen zu sein.
Wie zu dieser Zeit der einfache Soldat seine Erlebnisse verarbeitet ist
schwer
einzuschätzen. Sicher werden die schrecklichen Erlebnisse aus der
Schlacht zu
Geschichten und Anekdoten, in denen die Ge-fahren und die Heldentaten
des
Erzählenden immer größer werden. Wenn
Gott uns schickt
Gebrechen Es
ist
nicht bös gemeint Es
kann
die Seel nicht schwächen Die
oft
gesünder scheint Und
leuchtet in kranken Tagen Als
wär nichts Mühe zu klagen Ich
rühme meines Zustands nicht Ich
merke wohl was mir gebricht Ich
klag mich selbst voll Wehmut an Ich
weint und ruf so laut ich kann: Ach,
lieber Herr, ich glaube gern Ach
sei
mir Schwachen so fern. |