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Geschichte JJHs

 

Inhaltsverzeichnis


Vorwort

 

1. Die Belagerung von Mainz

1789-1806 Die Revolution verändert die Landkarte

1792-1806 Die französaische Besatzung von Mainz

1813 Als Rekrut war ich bereit und war meiem Herren unterthänig

1814 …und gebt Eure Festung auf. Das Aufstellen des Regiments Oranien-Nassau. Die Übergabe von Mainz

 
2. Das Leben im 19.Jahrhundert

In der Heimat

3. Der Feldzug gegen Napoleon

1814-1815 Der Wiener Kongreß und die Rückkehr Napoleons

1814-1815 In Brabant

15.06.-16.06.1815 Das Gefecht von Quatre-Bras

16.06.1815 Der Kampf von Ligny

17.06.1815 Rückzug auf Mont Saint Jean
4. Die Schlacht von Waterloo

18.06.1815 Vor dem Kampf – Wir wurden also geduldig zur Schlacht geführt

18.06.1815 Die große Schlacht

18.06.-19.06.1815 Der Schrecken nach der Schlacht
5.Die Kapitulation Frankreichs und die Zeit danach

19.06.-01.07.1815 Die Verfolgung der französischen Armee bis Paris

01.07.-01.12.1815 Nach der Kapitulation

01.12.1815-19.08.1820 Die Stationierung in den Niederlande und das Ende der Militärzeit

Vorwort

 

Geschichte ist erstarrte Politik. Der Satz von Sebastian Haffner schwirrte mir während meiner Recherchen immer wieder im Kopf herum. Mein Interesse an der Geschichte war immer gross. Am Anfang stand für mich zuerst die Neugier auf die Geschichte in der Geschichte . Seit einigen Jahren schlummerte die Kopie des Lebenslaufes von Johann Jost Holighaus in einer Mappe. Einen Waterlookämpfer unter seinen Vorfahren zu haben, empfand ich als eine Besonderheit die darauf wartete erforscht zu werden. Also machte ich mich auf die Suche. Stützend auf die wenigen Informationen die Johann Jost hinterlassen hatte, fing ich an im Internet zu stöbern. Bei der Stichworteingabe „Waterloo“ in die Suchmaschine erhielt ich tausende von Treffern. Viel zu viele um auch nur annähernd eine verwertbare Information zu erhalten. Doch mit der Zeit und jedem Stückchen Information, kam ich einen Schritt weiter. Bücher kamen hinzu die den Ablauf der Schlacht beschreiben. Hier war mir vor allem das Buch von Peter Wacker „Das herzoglich–nassauische Militär 1813 – 1866“, sehr hilfreich. Aber auch der Bericht von Heinrich Döring, der in dem selben Bataillon wie Johann Jost Holighaus diente, waren erhellend und fesselnd. Einige Besuche im Hessische Hauptstaatsarchiv in Wiesbaden, klärten Irrtümer auf denen ich aufgesessen war und brachten neben interessanten Infor-mationen auch die Dokumente die die Geschichte Johann Josts beweisen und sie unmittelbar werden lassen. Es hat mich fasziniert, wieviele detaillierte Informationen bei einer dauerhaften Recherche herauszubekommen waren. Meiner Umgebung bin ich sicher öfter mit der begeisterten Detailverliebtheit auf die Nerven gegangen. Je tiefer ich in dieses vergangene Universum taucht, desto deutlicher wurde mir, daß Geschichte, Politik der Vergangenheit ist. Mit realen und unmittelbaren Auswirkungen für unsere Vorfahren. Der damalige politische Verlauf des Weltgeschehens, der auch heute noch häufig genug Krieg heißt, beeinflusst bis in die heutige Zeit die Gesellschaft und jeden einzelnen von uns. Meine Nachforschungen führten mir vor Augen, dass der Rückblick auf das Vergangene auch immer ein Blick auf die eigene Herkunft ist. Johann Jost Holighaus wandelte sich von dem abstrakten Urahn zu einem jungen Mann, den die Geschehnisse seiner Zeit weit weg aus dem kleinen engen Schwarzbachtal in eine gänzlich andere Welt führte. Er nahm an einer Schlacht teil die für Europas Geschichte entscheidend war. Nach dieser Schlacht erstarkte die Restauration und widersetzte sich dem Zeitgeist, in dessen Ferne schon die Revolution von 1848 zu sehen war. Auf dem Schlachtfeld von Waterloo manifestierte sich die „Erbfeinschaft“ zwischen Deutschen und Franzosen, die über Bismarcks Krieg 1870/71 gegen Napoleon III., zur Urkatastrophe des zwanzigsten Jahrhundert führte, dem 1. Weltkrieg.

Welches Abenteuer ihm bevorstand, war Johann Jost Holighaus  als er 1813 gezogen wurde, sicher nicht klar. Er hat diese Zeit mit seinem Vertrauen auf Gott und einer gewissen demütigen Ergebenheit in sein Schicksal überstanden. Sein Leben, und damit auch das Überleben unserer Familie (Es würde sie (so) nicht geben, wenn Johann Jost die Schlacht nicht überlebt hätte!!), wies ihm einen anderen Weg . Doch jeder gefallene Soldat, der jämmerlich während oder nach der Schlacht starb, war immer ein Vater, immer ein Sohn, immer ein Bruder, immer ein Schicksal an dem viele Menschen teil hatten, mit Auswirkung bis in die heutige Zeit. So wurde für mich durch meinen Urahn, die Absurdität des Krieges mit all seinen schrecklichen Stra-pazen und Qualen der Soldaten unmittelbar.

Andererseits war in der Geschichte der Krieg immer das große Ereignis, welches die Heldenepen und –tragödien hervorbrachte und somit immer wieder zum zentralen Geschehen unserer Kultur wurde. Der Anteil des einfachen Soldat daran ist, anonym zu kämpfen, zu leiden und zu sterben. Den Sieg zu erringen, blieb immer den Herrschern und Generälen vor-behalten. Die Hoffnung des Soldaten, sein Tod möge einen Sinn haben, wurde und wird von Politikern und den Militärführern immer wieder missbraucht. All zu oft hat sich diese Hoffnung als trügerisch erwiesen. Der Begriff des Vaterlandes bleibt ein nebulöses Ideal. Heimat oder Werte? Auf jeden Fall nützt er den Mächtigen. Und doch klammert sich der einzelne an diese Hoffnung die ihm hilft nicht verrückt zu werden, in dem Wahnsinn eines Krieges. Nur die Führer und ihre Geschichte werden je nach politischer Notwendigkeit, glorifiziert oder verteufelt und gehen so in unser Geschichtsverständnis ein (Ich wollte es wäre Nacht oder die Preussen kämen). Das nur die Geschichte der Gewinner in das kollektive Gedächtnis eingeht, sollte uns beim Betrachten immer klar sein. Waterloo war die absolute Niederlage eines Heroen seiner Zeit. So absolut, daß der Ortsname (an dem die Schlacht gar nicht stattfand, sondern nur das Hauptquartier Wellingtons, also des Siegers, war) zum Synonym für die totale Niederlage wurde. Die Propaganda funktioniert immer und bestimmt unser Geschichtsbild. Da stellt sich die Frage, was passiert wäre wenn Napoleon diese entscheidende Schlacht gewonnen hätte? Welche Geschichte würden wir heute erzählt bekommen? Man kann das Gegenwärtige nicht ohne das Vergangene erkennen, und die Vergleichung von beiden erfordert mehr Zeit und Ruhe, schreibt Goethe in seiner italienischen Reise. Beim Betrachten des damaligen Geschehens von verschiedenen Standpunkten aus, wird die Wahrheit zunehmend relativ. Daraus entsteht die Erkenntnis, dass erst der Rückblick, mit einem gewissen Abstand zu den Ereignissen und einem Studium von gegensätzlichen Quellen, ein gewisses Mass an Objektivität erlaubt. Dies gilt heute, im Zeitalter unbegrenzter Manipu-lationsmöglichkeiten der Bilder, umso mehr. Es ist eben nicht mehr so, dass man nur noch das glauben kann was man sieht. Die subjektive Erfahrung der Dankbarkeit ist allerdings für denjenigen der ein solches Grauen überlebt hat, sehr real. So war die Niederschrift vielleicht ein spätes Bedürfnis des Johann Jost Holighaus, dieser Dankbarkeit Ausdruck zu verleihen. Seine Geschichte, ein Stück Zeit- und Familiengeschichte, erlebbar zu machen war mein Anspruch und ich hoffe dies ist mir gelungen.

Das zu entscheiden bleibt allerdings dem geneigtem Leser überlassen.

November 2004, Alexander Peter

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Die Belagerung von Mainz

 

1789 – 1806 Die Revolution verändert die Landkarte

 

Um zu verstehen warum Johann Jost die Schlacht von Waterloo als Soldat eines holländischen Hilfsregiments erlebte, muß die Vorgeschichte des Konfliktes betrachtet werden.

Bevor 1806 das Herzogtum Nassau entstand, war das Gebiet des Herzogtums ein Flickenteppich aus ein paar Dutzend geistlicher und weltlicher Kleinstaaten und klein-staatlicher Fragmente und Splitter.

Seit der 2. Hälfte das 18. Jahrhunderts, beginnen sich, durch aufklärerische Ideen, die Verhält-nisse in den nassauischen Fürsten-tümern  zu verändern. Dies gilt auch für Nassau–Oranien. Die Intelligenz–Nachrichten verbreiten diese Ideen. Privilegien des Adels werden abgebaut, dem Wohl des Volkes wird mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Dies geschieht aber fast aus-schließlich auf einer philosoph-ischen Ebene. Die einfachen Menschen spüren von alldem nichts. Es gibt noch die Leibeigenschaft, körperliche Züchtigung gehört zum Strafmittel für Erwachsene und die ländliche Bevölkerung ist bitterarm. Während in den nordamerikanischen Kolonien Englands bereits der Gedanke vom Staat als Gesel-lschaftsvertrag zum Wohl der Bürger umgesetzt wird, erscheint in Europa am Himmel die blutrote Sonne der französischen Revolution. Sie ist 1789 der Anlaß für Hoffnungen, gerade in den deutschen Nachbarstaaten Frankreichs.

Abb.1: Das Heilige Römische Reich Deutscher Nationen gleicht einem Flickenteppich mit ettlichen Grafschaften, Fürstten- und Herzogtümern und Königreichen

Die Parolen von Freiheit und Gleichheit wirken sich unmittelbar auf die Bevölkerung aus. Unruhen unter den Einwohnern von Nassau–Saar-brücken im September 1789 werden blutig niedergeschlagen. Die deutschen Regenten kennen kein Pardon.

Der 1792 ausbrechende Reichskrieg ist der Auftakt zu einer Epoche kriegerischer  Konflikte die mit den Befreiungskriegen 1813–1815 ihren Abschluß finden. Die französische Revolutionsarmee ist durchdrungen von ihren politischen Ideen und eine neue militärische Taktik beflügelt sie. Außerdem drängt es Frankreich an den Rhein, der als natürliche Grenze angesehen wird. Die beiden Groß-mächte Österreich und Preußen treten mit wechselnden Koalitionen Frankreich entgegen. Das Ziel ist nicht nur die französische Armee zu besiegen, sondern auch die Revo-lution niederzuwerfen. Allerdings handeln diese Mächte großmacht-politisch egoistisch, was auch die kleineren deutschen Staaten, teils als aktive Verbündete, teils als passive Objekte zu spüren bekom-men. Da das Mittelrheingebiet hart umkämpft ist, gilt dies auch für die nassauischen Staaten. Preußen und Österreich vertreten nur ihre eigenen Interessen. 1795 und 1797 handeln sie einen Frieden mit der französischen Revolutionsregierung aus, der einen umfangreichen Ländertausch, darunter das linke Rheinufer, beinhaltet. So bleibt dem Heiligen römischen Reich nichts anderes übrig als im Reichsfriedens-kongreß Ende 1797, ebenfalls den Verzicht auf das linke Rheinufer zu erklären. Aber noch während der Friedensverhandlungen in Raststatt bricht erneut ein europäischer Krieg zwischen Frankreich auf der einen und Österreich, England und Rußland auf der anderen Seite aus. Nach dem Frieden von Lunéville 1801, wird 1803 im Reichs-deputationshauptbeschluß, durch eine geheime Absprache zwischen dem siegreichen Napoleon und Zar Alexander I. von Russland, die französische Vorstellung über die Gestaltung der deutschen Staaten festgeschrieben. Die deutschen Mittelstaaten sollen vergrößert und zu einer von Paris abhängigen „dritten Kraft“ in Deutschland werden.

Das Ziel, die Mittelstaaten zu stärken, verfolgt Napoleon in den nächsten Jahren konsequent weiter. In der dritten antifranzösischen Allianz, entscheiden sich schon Bayern, Baden und Würtemberg gegen Österreich und für Napoleon. Nach der Schlacht bei Austerlitz spricht im Dezember 1805 der Friedensvertrag von Pressburg, vom Reich nur noch als Deutschem Bund. Bayern, Baden und Würtemberg werden souverän. Als Folge daraus entsteht am 12.Juli 1806 der Rhein-bund. 16 deutsche Fürsten unter-zeichnen durch Ihre Vertreter den Vertrag. In Artikel I erklären sie  ihre dauernde Trennung vom Gebiet des Deutschen Reiches (Abb. 2). Am 6. August verkünden die Reichsherolde in Wien dem Volk, dass Franz II. sich entschlossen habe, die Kaiserkrone niederzulegen und das Heilige Römische Reich für beendet zu erklären. Ein 900 Jahre altes Verfassungsgefüge hat zu bestehen aufgehört.

Da der Rheinbund seine Existenz Napoleons Gedanken verdankt mili-tärisch leistungsfähige aber nicht gefahrdrohende Staaten zwischen Frankreich und Österreich, Preußen zu etablieren, beschäftigen sich zwei Drittel der Artikel der Rheinbundakte mit Gebietszuweisungen und Rang-erhöhungen. Aus den Grafschaften Nassau-Usingen und Nassau-Weilburg wird mit einem gehörigen Zuwachs, das Herzogtum Nassau. Napoleon schafft mit dem angren-zenden Großherzogtum Berg ein künstliches Staatsgebilde. Dies um-fasst auch das Amt Dillenburg, dass ehemalige Stammland der Linie Nassau-Oranien, die im Tausch dafür, mit einem Zuwachs in den Niederlanden entschädigt werden. So wird aus Johann Jost Holighaus im Alter von 13 Jahren, ein Bewohner des Groß-herzogtums Berg.

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1792–1806 Die französische Besetzung von Mainz

 

Nachdem am 23. Juli 1793 die Mainzer Republik durch die Kapitulation der französischen Garnison ihr Ende gefunden hat, hört auch der erste deutsche Staat revolutionärer Prägung auf zu existieren.

Der Ursprung dieser Entwicklung liegt im September 1792. In dieser Zeit, stoßen die französischen Revolutionstruppen unter General Custine über die Pfalz auf Mainz zu. Panikartig verläßt Kurfürst Erthal Mainz und flüchtet auf das rechte Mainufer. Nach drei Tagen wird die Stadt übergeben und Custine zieht mit seinen Truppen ein. Damit haben die Franzosen eine der größten Festungen Deutschlands, die – wie so oft – mit einer viel zu kleinen Besatzung gehalten wurde, in ihre Hände bekommen. Doch es ist keine normale Besetzung, sondern der Versuch die zweite radikalere Phase der französischen Revolution nach Deutschland zu verpflanzen. Schon zwei Tage nach der Übergabe wird die  „Gesellschaft der Freunde der Freiheit und Gleichheit“ gegründet. Die „Klubisten“, wie die Mainzer Jakobiner genannt werden, rufen zur Veränderung aller Verhältnisse auf. Doch General Custine erklärt, daß die bestehende Rechtsordnung und Besitzverteilung  beibehalten wird und die Behörden weiterarbeiten sollen. Die Franzosen sehen sich nicht als Besetzer, sondern als Befreier. Das Selbstbestimmungs-recht soll erhalten bleiben. Aus-drücklich erklärt Custine, er werde die Entscheidung der Mainzer res-pektieren, selbst wenn sie das Ancien Règime wiederherstellen wollen. Damit entspricht er der neuen französischen Außenpolitik die auch in Belgien und Savoyen umgesetzt wird. Natürlich wollen die Franzosen die Mainzer für eine Revolution gewinnen. Sie fördern die Klubisten die sich aus Intellektuellen aber auch kleinen Handwerkern zusammensetzen. Die Revolutionier-ungsbestrebungen werden gezielt auf die Dörfer der Umgebung aus-gedehnt und dort zunächst verhält-nismäßig gut aufgenommen. Republikanische Feste werden gefeiert bei denen man Freiheitsbäume errichtet. Viele sehen zudem diese Verän-derungen als Gelegenheit alte Konflikte mit ihren Grund-, Orts-, oder Landesherren zu lösen.

Im Dezember beginnt eine neue Administration Unterschriften für die Annahme der fränkischen Kon-stitution, eine Art Revolution und die Reunion mit Frankreich, zu sam-meln. Obwohl 29 von 40 Gemeinden zustimmen, wird die Umfrage unter-brochen. Was ist passiert? In Belgien hat eine ähnliche Umfrage den konservativen Kräften Aufschwung gegeben. Ein als Ständestaat organisiertes unabhängiges Belgien aber will Frankreich als Nachbar auf keinen Fall dulden. Der Konvent in Paris beschließt am 15. Dezember, daß in allen besetzten Gebieten der Feudalismus zu zerstören sei und ausschließlich revolutionäre Re-gimes nach französischem Vorbild einzuführen seien. Enttäuscht von der Reaktion der Besetzten hebt Frankreich das von ihm selbst proklamierte Selbstbestimmungs-recht auf und ersetzt es durch den Despotismus der Freiheit. Der Befreier zwingt dem Befreiten seine eigene Freiheit auf. Widerstand regt sich in Mainz. Nicht von den gegenrevolutionären Kräften, die sich immer noch nicht von dem Schock des Falls von Mainz erholt haben, sondern die Gemäßigten machen den Jakobinern zu schaffen. Mainzer Kaufleute entwickeln ein Konzept zur Staatsform, das Grundzüge der französischen Ver-fassung von 1791 übernimmt. Man verweist auf die tolerante Atmo-sphäre unter dem Kurfürsten und auf die großen wirtschaftlichen Vorteile die Hof und Adel der Stadt gebracht haben. Außerdem mischen sich nationale Ressentiments in die Ablehnung der Franzosen. Es wird wieder vom „Erbfeind“ gesprochen. Mehr wiegen aber die Probleme, die die französische Besatzung mit sich bringt. Es erweist sich als Illusion, die Lasten der Besatzung allein den Privilegierten aufzubürden. Die Losung Friede den Hütten, Krieg den Palästen, ist längst nicht mehr praktikabel. Die Bürger und Bauern müssen die französischen Truppen ernähren, deren Disziplin stark nach-gelassen hat. Die Kontribution (Zahlungen an Frankreich) tut ihr übriges.

Anfang 1793, dem Geburtsjahr Johann Josts, gibt es einen Stim-mungsumschwung. Auf den 16. Februar werden Wahlen angesetzt. Vor der Stimmabgabe muß jeder auf Volkssouveränität, Freiheit und Gleichheit schwören. Wer diesen Eid nicht schwört, darf nicht an der Wahl teilnehmen, ja, er wird als Feind Frankreichs angesehen. Dies ist keineswegs eine willkürlich Mass-nahme, sondern die konsequente Umsetzung des Dezemberdekrets des Konvents, das jedem Volk, wollte es sich der Befreiung nach französischem Muster entziehen, mit dem Kriegsrecht droht. Viele Deutsche empfinden dies als einen Akt der politischen Repression und ein Verrat an dem anfänglichem Versprechen der freien Selbst-bestimmung. So kommt es zu breitem Widerstand in der Bevöl-kerung, der von verbalen Protesten bis hin zu offenem Aufruhr, z.B. in der Grafschaft Falkenstein, reicht. Trotzdem nahmen an der Wahl schließlich mehr als 120 Orte teil, wenn auch nicht freiwillig, sondern aufgrund von massiven Drohungen oder Repressalien durch das fran-zösische Militär. Am 21.März wird die Mainzer Republik mit Frankreich vereinigt. Doch dies ist nur noch ein symbolischer Akt. Am 31.März findet die letzte Sitzung des Mainzer Konvent bereits unter Kriegs-bedingungen statt. Preußen und Österreicher haben in der Woche zuvor Rheinhessen und die Pfalz zurückerobert. Nur noch Mainz ist in französischer Hand. Für die Stadt beginnen nun vier Monate einer schrecklichen Belagerung. Am 23.Juli wird Mainz an die Belagerer übergeben. Die Franzosen erhalten einen „ehrenvollen Abzug“ und verlassen unter Waffen die Stadt. Für sie ist dies nur ein vorübergehendes Abziehen, verbunden mit der festen Absicht wiederzukommen. Den Mainzern Jakobinern ergeht es nicht so gut. Sie werden von dem Volk misshandelt und für zwei Jahre in Haft genommen. Bis Ende 1797 wird hart um die Vormachtstellung auf der linken Rheinseite gerungen. Doch durch den Friedensvertrag von Basel 1795, erklärt sich Preußen in einem Geheimpapier mit der Abtretung des linken Rheinufers (den eigenen Anteil natürlich ausgenommen) einverstanden. Mainz wird von österreichischen Truppen gehalten. Nach dem Frieden von Campo Formio, zieht am vorletzten Tag des Jahres 1797 die österreichische Besatzung aus Mainz ab und die französische Armee zieht wieder ein. Nun ist es endgültig klar: Das ganze linke Rheinufer wird französisch.

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1813 Als Rekrut war ich bereit und war meinem Herren unterthänig

 

Mainz ist im Jahre 1813 das größte französische Depot am Rhein. Von hier aus werden die Konskribtionen (Aushebung wehrfähiger Männer) im großen Umland gesteuert. Auch das Großherzogtum Berg, zu dem das Amt Dillenburg gehört, beteiligt sich daran. Johann Jost wird Anfang 1813 zu einer solchen Musterung bestellt. Wahrscheinlich findet sie in Herborn unter Leitung des Rekrutierungshauptmanns von Mumme (s.h. Dokumente) statt. Wie die Stimmung zu dieser Zeit ist, beschreibt Heinrich Döring (1793–1866), der spätere Bürgermeister von Herborn, der in Herborn gemustert wird: Im Sommer 1813 befand ich mich in der letzten französischen Konskribtion. Diese wurde wie gewöhnlich auf dem Rathaus gehalten. Ich erhielt dabei das Los Nr. 11[…] Da die Sache der Franzosen damals schon sehr ungünstig stand und dieserhalb eine allgemeine Aufregung bereits schon in Folge zeigte, so entstand kurz vor Beendigung dieser Konskribtion eine bedeutende Revolte unter den Rekruten, und steigerte sich außer-ordentlich, dass sich Herr Präfekt Schmitz mit seinem Personal unter den Schutz der Gendarmen flüchten mussten.[…] Sämtliche im Rathaussaale befindlichen kostbaren Ölgemälde der oranischen Fürsten wurden bei dieser Gelegenheit von den Bauern gänzlich zerstört.

Mit den Rädelsführern dieser Revolte wird hart verfahren. Sie werden gefasst, so berichtet Döring, und zuerst nach Düsseldorf gebracht und von dort nach Cherbourg. Düsseldorf ist zu diesem Zeitpunkt die Haupt-stadt das Großfürstentum Berg. Die Bauernsöhne der Dörfer, die in-nerhalb des Amtes liegen, werden zur also Musterung in das Rathaus der Stadt bestellt. Johann Jost reist mit gemischten Gefühlen nach Herborn. Er wird konskribiert und erhält als Los die Nr. 42. Bereit Soldat zu werden und seinem Herren unterthänig, geht er im März nach Dillenburg um als Rekrut in die bergischen Transportbrigade einzutreten. Doch die Stimmung unter den Rekruten ist schlecht. Seit nahezu zwei Jahrzehnten tobt der Krieg zwischen den preußisch, kaiserlichen Truppen und der Armee Napoleons. Die wechselnden Einquartierungen, die Zwangsliefer-ungen von Lebensmitteln in die Armeemagazine, die Beschlag-nahme von Pferden belasten die Bauern schwer. Und die Ehemänner und Söhne der schwerarbeitenden Landfrauen werden in Napoleons Heeren durch halb Europa gehetzt. Vor allem die Landbevölkerung sieht die Franzosen schon lange nicht mehr als Befreier, sondern nur noch als Besatzer.

Hinzu kommen die kursierenden Gerüchte, dass die französische Armee in Russland gescheitert ist und sich auf dem Rückzug befindet. Am 04.Oktober 1812 waren Napoleons Truppen in Moskau einmarschiert. Doch die Moskowiter zünden lieber ihre Stadt an, als sie dem Eroberer zu überlassen. So muß der Kaiser und seine Armee bereits am 20.Oktober die brennende Stadt verlassen. Viele tausend Soldaten sind auf dem Rückzug verhungert, erfroren oder gefallen. Von den insgesamt 5.250 Mann der drei großherzoglich-hessischen Regimentern, die als Ver-bündete mit den Franzosen gezogen sind, melden sich am 16.Dezember beim letzten Apell der einstmals „Großen Armee“ nur noch 316 Soldaten zurück. Der Rest ist gefangen, erfroren, verhungert, wie es im Tagebuch des hessischen Generalkommandos heißt. Auch die nassauischen Nachbarn sind, eben-so wie die Soldaten des Großher-zogtums Berg, bereits seit 1806 ein Bestandteil Napoleons Armee. Sie haben unter anderem an der Belagerung Kolbergs und Stralsunds teilgenommen und kämpfen nun schon seit fünf Jahren einen zer-mürbenden Kampf im gebirgigen Nordspanien. Die jungen Rekruten aus dem Arrondisement Dillenburg, sollen jetzt so schnell wie möglich als Verstärkung zu den Kriegsschau-plätzen Napoleons geschickt werden. Eine schwierige Situation für die jungen Männer. An Befehlsverweigerung ist nicht zu denken, die Militärstrukturen funktionieren. Dies hätte unweigerlich Arrest und wahrscheinlich die Anklage vor einem Militärgericht zur Folge. In dieser Zeit wagen es immer mehr Rekruten zu desertieren. Ungefährlich ist dies nicht. Auf Desertion steht die Todesstrafe und die französische Verwal-tung in dem napoleonischen Modellstaat hält, zu diesem Zeitpunkt die Zügel noch fest in der Hand. Aber die Alternative ist zu bedrückend. In einer feindlichen Armee gegen die teutschen Landsleute zu kämpfen ist inzwischen für viele undenkbar. Also wagt es auch Johann Jost mit einigen Kameraden aus den Nachbardörfern in der Nacht des 09.März, kurz nach seiner Einquartierung, zu entweichen. Mehr als 20 Männer desertieren in dieser Nacht. Unter ihnen sind auch einige die mit Johann Jost wahrscheinlich konskribiert wurden. Johann David Giersbach aus Eibelshausen hat die Losnummer 50 bei der Konskribtion gezogen, Johann Henrich Hecker aus Haiger die Nummer 43 und Johann Jost Henrich aus Wissenbach, der die Nummer 49 erhalten hat. Sicher kennt Johann Jost diese Kameraden und wenn er schreibt wir mußten uns verborgen halten, meint er vermutlich diese Männer. Jetzt werden sie als Refraktierer (Entwichene, Fahnenflüchtige) gesucht und die Suchtrupps durchkämmen regelmäßig die Dörfer. Das Schwarzbachtal und der Schelderwald bieten genügend Verstecke die den Entflohenen als Unterschlupf dienen. Die jungen Männer kennen sicher die Umgebung Ihrer Heimatdörfer ausgesprochen gut. Die unwegsamen Wälder und kleinen Täler geben ihnen Schutz vor Entdeckung. Die entstandene Kameradschaft gibt der Gemeinschaft Mut. Versorgt werden sie von den Familien und den Dorfbewohner, die sich deshalb großen Gefahren aussetzen müssen. Es wird eine Zeit ständiger Angst und Wachsamkeit. Doch die Nachrichten die zu den Fahnenflüchtigen dringen, geben neue Hoffnung. Die französischen Besatzer werden immer nervöser. Die Armee Napoleons wird von der Koalition aus Russen, Österreicher, Preußen und Schweden immer weiter zurückgedrängt. Dann, Ende Oktober 1813 verbreitet sich die Nachricht, dass Napoleon bei Leipzig eine entscheidende Niederlage erlitten hat. Tausende von zerlumpten, erschöpften und ver-letzten Soldaten strömen durch die nassauischen Lande. Endlos ist der Zug der sich durch die Dörfer und Städte schleppt. Zuerst zieht die französische Kavallerie durch. Gefolgt von Fußtruppen, bespannten Einheiten und Karren mit Verwun-deten und Kranken. Zumeist sind sie vom „Lazarettfieber“ befallen, eine Epidemie, die zahlreiche Opfer fordert und die Folge der vom Feldzug erzwungenen Unreinlichkeit ist. Die Soldaten sehen so erbarmungswürdig aus, dass die Bevölkerung, Feind oder nicht, mit einer Welle von Hilfsbereitschaft reagiert. Brot, Milch und Wasser wird gebracht, Linnen zum Erneuern der Verbände und Stroh zum Auspolstern der Karren. In Mainz halten sich zeitweise 100.000 Soldaten auf. 15.000 Verwundete und Kranke liegen in den völlig überfüllten Lazaretten. Eine schreckliche Typhusepidemie wütet. Napoleon organisiert persönlich die Rheinverteidigung. Die Festung Mainz verfügt über 27.000 Mann und 400 Geschütze die auch in den umliegenden Ortschaften stationiert sind. Den Franzosen folgen auf dem Fuß die vordrängenden Russen und Preußen. Kaum ist die französische Nachhut, ständig in Rückzugs-gefechte und Scharmützel verwickelt, abgezogen, tauchen die Kosaken auf. Die Jubelrufe auf die Befreier verstummen schnell. Auch die Erleichterung von Johann Jost und seinen Kameraden währt nicht lange. Er schreibt: Da kamen die Kosaken. Wir glaubten wir würden frei sein. Das war doch nicht der Fall. Die Freude über die vermeintlich zurückgewonnen Freiheit, weicht schnell dem Schrecken vor den fremdartigen Soldaten. Solch seltsame Gestalten hat man in dem kleinen engen Tal noch nicht gesehen. Furchterregende, struppige Gestalten auf ebenso struppigen Pferden kommen durch die Orte. Wild schwingen sie ihre Säbel, Lanzen und Flinten und stoßen unverständliche Schreie aus, denen man außer dem Wort „Franzuskii“ nichts entnehmen kann. Die Kosaken gehören zu den Truppen des russischen Generals Yuseowitsch, der die oranischen Lande für den Prinz von Oranien wieder in Besitz nimmt. Für die Reiterarmee, die aus Livländer, Kalmücken, den mit spitzen chinesischen Hüten gekleideten Baschkiren, und vielen anderen russischen Völkern besteht, ist Dillenburg und die Umgebung Feindesland das es zu besetzen gilt. Dementsprechend verhalten sie sich auch. Es werden ganze Herden geraubt, Hab und Gut wird geplün-dert. Die Truppen lagern in den Gassen wo sie auf offener Straße das Vieh schlachten und kochen oder braten. Ein nassauischer Schultheiß klagt: Alles, was nicht gefressen werden kann, wird verdorben. Von meinen zwölf Bauern haben bereits vier für ihr Vieh nichts mehr zum Leben. Die übrigen acht höchstens noch für 14 Tage. Die Bauern kommen vor lauter Fahren und Botengehen nicht mehr heim. Die Weibsleute werden mit Stumpen und Stoßen und Todesdrohungen angehalten, unsere Frucht zu dreschen. Der Ort stinkt wie eine Schindkaut, da in allen Gassen tote Gäule, Ochsen und Kühe herum-liegen. Die Kirche ist ein Stall…“. Wieder ist es nichts mit der Freiheit. Hinzu kommt, daß offensichtlich auf die Konskribtionslisten der Fran-zosen zurückgeriffen wird. Das bedeutet, auch die neuen Herren brauchen frische Soldaten. Diesmal gegen Napoleon. Am 31.12.1813 werden die Fürstentümer Dillenburg, Hadamar und Siegen offiziell wieder an das Haus Oranien zurück-gegeben (Abb. 3).

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1814 …und gebt Eure Festung aufDas Aufstellen des Regiments Oranien-Nassau Die Übergabe von Mainz

 

Bereits am 03.Januar 1814 schließt das dreißigtausend Mann starke Korps des russischen Generals Graf Langeron die Festung Mainz weitgehend ein. Die Hälfte der eingeschlossenen französischen Truppen liegt in den Spitälern der Stadt. So wird ein Teil der Bürger zur Unterstützung der Armee hinzu-gezogen. Die Angreifer allerdings, müssen mit einem schweren Mangel leben. Die Truppe besitzt keine schwere Artillerie, so dass sie sich mit der Belagerung begnügen muß. Für Mainz hat das einen unschätzbaren Vorteil, die Stadt bleibt von weiteren Zerstörungen verschont. Am 16. Februar löst das V. Deutsche Armeekorps die russischen Belagerer ab. Kommandiert wird Korps von dem russischen General der Kavallerie Ernst III. Herzog von Sachsen–Coburg-Saalfeld. Die Stärke des Korps beträgt letztendlich 24.000 Mann und 4.829 Pferde.

Da auf die Konskribierten des Jahres 1813 zurückgegriffen wird, wird auch  Johann Jost am 07.Februar gezogen. Am 27.Februar. muss er bei der 3ten Füssilierkompanie in Eisemroth antreten. Diese gehört zum I.Bataillon des neu aufgestellten Regiments Oranien-Nassau (s.h. Dokumente).

Dieses Regiment ist von dem Prinzen von Oranien und Friedrich Willhelm, Fürst von Nassau–Dillenburg,von Den Haag aus aufgestellt worden. Im Dezember, schon vor der Rückgabe der oranischen Stammlande, wurden Vorbereitungen getroffenen, ein Truppenkontigent für die Verbün-deten aufzustellen. Nach der Wiedereinsetzung des Oraniers durch die „Zentralverwaltungs-Kommission der eroberten deutschen Länder“ unter Freiherr vom Stein, erhielt das Gebiet noch das Amt Diez dazu, dass das Herzogtum Nassau beisteuerte. Diese vereinigten Gebiete hätten nach dem Maßstab des ehemaligen Rheinbundes ein Kontigent von 738 Mann stellen müssen. Diesmal werden es letztendlich 39 Offiziere und 1.855 Unteroffiziere und Mannschaften sein.

Am 19.01.1814 beantragt Staats-minister von Gagern als Vertreter des Landesherren von Dillenburg aus, bei Fürst Friedrich Wilhelm die Aufstellung zweier Linienbataillone mit einem Depotbataillon. Außerdem sollen zwei Kompanien „freiwillige Jäger“ gebildet werden. Ab Januar heißt der Regimentskommandeur Major von Rackenau. Die Aufstellung des I. Bataillon geht zügig voran. Der Bataillonskommandeur ist Major Dreßler. Den Kern der Truppe bilden einige hundert aus dem ehemaligen großherzoglichbergischen Militär stammenden Soldaten und eben die neu ausgehobenen Konskribierten, von denen einer Johann Jost ist. Seine Kameraden Wilhelm Arnold, Jost Baum und Heinrich Hecker, den er schon seit seiner Fahnenflucht von der bergischen Transportbrigade kennt, sind auch dabei. Arnold und Hecker kommen zur I. Kompanie, Baum wird zu den Grenadieren gesteckt

Am 13. Februar verzeichnet der zehntägige Rapport 660 Ausgehobene. 192.000 Patronen soll das Regiment erhalten, von denen angeblich 32.000 vorhanden1.600 Ausgehobene, zwei Pulverwagen, vier Trainwagen, 1.900 Gewehre, 334 Säbel und 37 Zentner Pulver. Über die Munitionssituation wird nur vermerkt: Zwei Wagen Patronen sind zugeführt worden seien.

Jede Kompanie besteht normalerweise aus einem Hauptmann, einem Oberleutnant, einem Unterleutnant, einem Feldwebel, vier Ser-ganten, einen Fourier (Unteroffizier, der für das Quartierwesen zuständig ist), sieben Korporale, zwei Tamboure und 100 Gemeine. Für die dritte Kompanie besagt der Rapport vom 20. Februar eine Stärke von drei Offizieren, sechs Unteroffizieren acht Korporale, zwei Tambour und 100 Gemeine, insgesamt 119 Soldaten, das Soll beträgt 133 Soldaten. Das Regiment ist gegenüber den traditionellen Truppen schlecht ausgestattet.

Johann Jost erhält bei seinem Eintritt laut der Einkleidungsliste: einen Rock, eine Tuch Hose, einen Mantel, einen Schako (Tschako, Helm), einen Tournister, ein Gewehr mit Bayonett, einen Gewehrriemen, eine Bayonettscheide, einen Schraubenzieher (um das Gewehr zu zerlegen), zwei Hemden, zwei Schuhe, zwei Socken, eine leinen Oberhosen, eine Paar schwarze Gamaschen, eine Zeltkappe, ein Halsband, eine Raumnadel (um das Zündschloß des Gewehres zu reinigen) (s.h. Dokumente).

Die Soldaten tragen die holländischen Uniformen mit einem kurzem, dunkelblauem einreihigen Rock, der mit acht weißen Knöpfen geschlossen wird. Die Aufschläge und die Schoßumschläge sind orange, die Ärmelplatte dunkelblau, der Mantel grau, Hosen und Gamaschen hellgrau. Den Tschako französischen Modells ziert eine weiße Plakette, die ein gekröntes „W“ darstellt, weiße Behänge mit orangefarbener Kokarde sowie ein ca. zwölf Zentimeter hohes Pompon von gleicher Farbe, dessen Spitze bei den Füssilieren weiß ist. Am weißen Lederzeug hängt die Patro-nentasche, am selben Bandelier ist auch die Scheide für das Bajonett. Ihr Gewehr ist das veraltete französische Gewehr 1776 mit dem dazugehörigen Bajonett.

Diese Uniform trägt Johann Jost während er dem Regiment Oranien-Nassau angehört. Sie weist ihnen als Angehörigen einer niederländischen Hilfstruppe. Dies wird vor allem durch die orangefarben abgesetzte Jacke deutlich.

Da das Bataillon eine reine Hilfstruppe ist, besitzt es keine Fahne. Beim Ausmarsch trägt jeder Soldat 60 Schuß Munition bei sich. Weitere 20 Schuß werden im Munitionswagen mitgeführt.

Viel Zeit zum Einexerzieren bleibt nicht, denn der Kern das Bataillons steht bereits seit Ende Februar vor Mainz und beteiligt sich an der Belagerung. Anfang April marschiert die 3te Kompanie mit anderen Truppenteilen über Wetzlar und durch die Wetterau auf Mainz zu. Nachdem die Truppe den Rhein überquert hat, werden sie im hinteren Aufmarschgebiet verteilt.

Am Karfreitag, den 8.April 1814, kommt Johann Jost nach Niederhilbersheim. Alles ist neu für ihn. Die älteren Soldaten verspotten die „Frischlinge“ die völlig unerfahren sind und kaum die Befehls-kommandos kennen. Hier heißt es Kopf einziehen und nicht auffallen. Die Sitten sind rauh unter den Männern. Das V. Armeecorps ist, wie zu der Zeit üblich, ein bunt gemischter Haufen. Neben Sachsen und Thüringern sind bergische und russische Verbände eingebunden. Die „Nassauische Brigade“ setzt sich aus dem 3. Nassauischen Linien-Infantrieregiment, dem nassau-ischen Landwehrregiment, dem In-fantrieregiment Nassau–Oranien und dem Nassauischen Freiwilligen Jäger Bataillon zusammen. Der Kommandeur der Brigade ist Oberst v. Bismark. Die Feuertaufe erhält Johann Jost am 10. April, als er zum Festungswerk Hechtsheim kommt und an dem einzig nennenswerten Gefecht am ersten und zweiten Ostertag teilnehmen muß. Allerdings geht es glimpflich aus. Der Ausfall der Franzosen wird zurückgedrängt. Man feuert mit Freude auf den Feind, wie Johann Jost berichtet. Der glückliche Ausgang des ersten Gefechts und der erste Sieg, haben offenbar bei dem jungen Soldaten ein Hochgefühl ausgelöst. Das neue Lager ist nun Hechtsheim, daß an der „Kaiserstraße“ von Mainz nach Paris liegt. Die Bedingungen sind schlecht für die Soldaten. Ein ganzer Zug, also ca. 30 Mann, liegt in einem Haus. Hinzu kommt ein starker Vorpostendienst der durch immer wiederkehrende Ausfälle des Feindes erschwert wird. An den abendlichen Lagerfeuern wird das Lied gesungen, daß Johann Jost zitiert: O, Ihr treuen Kommandanten, jetzo singt mein Siegeslauf, denkt ich sei nicht mehr vorhanden und gebt eure Festung auf. Schlimmer ergeht es den Hechtsheimern Bürgern. Die Soldaten müssen versorgt werden. Ein nassauischer Soldat erhält innerhalb der nassauischen Landes-grenze zwei Pfund Brot pro Tag, aber außerhalb, wie jetzt bei der Belagerung von Mainz, muß er die benötigten Lebensmittel bei den mitreisenden Marketenderinnen kaufen oder aus dem Land leben, das heißt requirieren. So bleibt den Bewohnern der vom Krieg betroffenen Landstriche nichts anderes übrig, als die einquartierten Soldaten zu verköstigen. Plün-derungen sind an der Tagesordnung. Zwar soll eine Entschädigung an die Bürger und Bauern gezahlt werden, doch die deckt nicht mal einen Bruchteil der Kosten und bleibt häufig ganz aus.

Bereits am 31.März 1814 haben die Alliierten Paris besetzt. Am 06.April dankt Napoleon ab und am 23.April wird der Friedensvertrag geschlos-sen. Noch bis zum 04.Mai wird Mainz gehalten, doch dann ziehen die Franzosen ab. Zu diesem Zeitpunkt sind die Zustände kata-strophal in der belagerten Stadt. Die grassierende Typhusepidemie konnte aufgrund der Hygienemass-nahmen der hervorragenden Ärzte zwar eingedämmt werden, doch Tote, Kranke und Verletzte müssen wegen der hoffnungslosen Über-belegung der Lazarette, auf der Straße liegen. Die Masse der Toten kann nicht mehr beerdigt werden. Angeblich werden sie in Stroh gewickelt und auf Karren in den Rhein gefahren.

Von den fürchterlichen Zuständen während der Belagerung von Mainz sind Soldaten und Zivilbevölkerung gleichermaßen betroffen

Zur Übergabe läßt General Herzog von Sachsen-Coburg eine große Revie (Revue), wie Johann Jost schreibt, abhalten. Hierzu werden die Truppen versammelt, der Sergant Döring berichtet: Sämtliche Truppen des Belagerungscorps, Infantrie, Kavallerie, Artillerie, 36.000 Mann stark (die Zahl ist weit übertrieben), wurden eines Tages auf einer großen Plaine vor dem Gauthorn zusammengezogen, und dann ging der Marsch in voller Grandeur, den kommandierenden Generalissimus, Herzog von Sachsen–Coburg, an der Spitze, über die große Bleiche, an dem Schloßplatze, auf welchem die ganze französische Besatzung, zwar mit vollgepfropften Tornistern, aber ohne Waffen, zum Abmarsch auf-gestellt war, an einer unüber-sehbaren Zuschauermenge vorbei zum Rheintor wieder heraus auf das Mombacher Feld.

Anschließend wird die Coburger Kriegsdenkmünze verteilt und die Truppen marschieren in ihre vorübergehende Rückzugsquartiere ab. Am 11.Mai wird die nassauische Brigade in den Raum Worms verlegt. Johann Jost kommt mit seiner Kompanie nach Metenheim (Mettenheim?). Dort bleiben sie bis nach Pfingsten (29.Mai) und marschieren mit dem I.Bataillon, insgesamt 1.700 Mann, ab dem 17. Juni über Idstein, Camberg, Weil-münster (18.Juni) und Wetzlar (19.Juni) nach Dillenburg, wie Major Dreßel in seiner Durchmarschankündigung vermerkt. Während des Marsches erhält das Bataillon die Nachricht, daß der Herborner Land-sturm bei der Stadt die Kämpfer empfangen will. Bei Edingen am Mühlberg wird halt gemacht. Sämtliche Mannschaften mußten im dortigen Wald alles Lederzeug anstreichen, die Uniformen etc. aufs properste putzen. Als dies im Verlauf einiger Stunden vorschriftsmäßig geschehen war, setzten wir unseren Marsch fort, wurden sodann von dem in Stadtnähe aufgestellten Landsturm herzlich begrüßt…. Am Nachmittag kommen die Soldaten nach Dillenburg.

 

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Das Leben im 19.Jahrhundert

 

In der Heimat

 

Seine erste Bewährungsprobe hat Johann Jost bestanden. Die Kom-panien des I. Bataillon werden nach ihrer Heimkehr nach Dillenburg, Siegen, Weidenau, Hilgenbach und Freudenberg verteilt. Johann Jost hat das Soldatenleben kennen-gelernt und für einen jungen Mann von 21 Jahren ist es vielleicht zu dieser Zeit nicht das schlechteste seinem Herren unterthan zu sein.

Aus der Gewerbestatistik in Nassau im Jahr 1818 geht hervor, daß von den insgesamt 62.737 Gewerbe-betrieben und Taglöhner, 26.038 sich in der Landwirtschaft befinden. Aber 24.102 davon sind der zweiten Steuerklasse zuzuordnen. Das heißt, sie wirtschaften mit nur einer einzigen Fuhre und verwenden als Zugtiere entweder ein Pferd oder einen Ochsen. Auch halbe Fuhren, worunter man zwei regelmäßig zur Arbeit eingesetzte Kühe oder einen Ochsen verstehen muß, wird damals noch wie ganze Fuhren behandelt. Ein Großteil der bäuerlichen Bevölkerung hat allerdings gar kein Fuhrwerk. Häufig müssen sich diese Kleinbauern zusätzlich als Taglöhner verdingen.

Vielfach üben sie gleichzeitig ein Handwerk oder sonstiges Klein-gewerbe aus. In der Statisitik werden diese Bewirtschafter landwirtschaft-licher Kleinstbetriebe, zu den Tag-löhnern, Handwerkern und Klein-händlern gezählt. Bei den Tage-löhnern machen die Kleinstbauern einen großen Anteil der erfassten 18.319 Personen aus. Die Ausübung von mehrere Gewerben ist außer-ordentlich charakteristisch für die nassauische Volkswirtschaft und ein Beweis für die schwierige Lage weiter Bevölkerungskreise. Selbst ausgebildete Handwerker oder selbstständige Bauern mußten sich als Tagelöhner verdingen. Auch ihre Familienangehörigen sind gezwun-gen außerbetriebliche Lohnarbeiten oder betriebsfremde Heimarbeiten anzunehmen. Ein Ackerbauer ohne Fuhr wird mit einem Steuerkapital von jährlich 50 Gulden angesetzt. Ein Maurermeister mit vier Gesellen wird in die 6. Klasse eingeteilt, was einem Steuerkapital von 1.000 Gulden entspricht. Das tatsächliche Einkommen liegt durchweg etwa um das Zweifache höher.

Ein Blick auf die Kosten des Alltages, gibt Auskunft über die Not der Menschen. 60 Kreuzer sind ein Gulden. 1815 kosten vier Pfund Mischbrot 14,5 Kreuzer, ein Pfund Ochsenfleisch 12,5 Kreuzer, 25 Eier kosten 25 Kreuzer. Bei den Lebensmitteln gibt es während den einzelnen Jahren extreme Preisschwankungen, bis zu 350%, die aus Mißernten resultieren. 1.000 Backsteine kosten 38 Gulden und ein Wassereimer 48 Kreuzer. Wenn man bedenkt das ein Tagelöhner  für seinen gesamten Tagesverdienst von 30 Kreuzern entweder 30 Eier oder ein Pfund Butter oder 2,5 Pfund Ochsenfleisch oder eine Eisenbahn-fahrt 4. Klasse von Wiesbaden nach Hattersheim bekommt, so läßt sich leicht ermessen, in welch ärmlichen Verhältnissen große Teile der Bevölkerung leben muß. In Wirklichkeit kann er sich nämlich nichts von alledem leisten.

Die relative Armut des 19.Jahr-hunderts ist das Resultat der Über-bevölkerung der Dörfer. Mit der Ver-größerung der Zahl der Bauern-familien in einem Dorf, wächst zwar auch die Zahl der Grundbesitzer, aber die Wirtschaftsfläche kann kaum mehr wie früher noch weiter ausgedehnt werden. Im Durchschnitt besitzt ein Bauer weniger als die 10 bis 15 Morgen Land, die in den landwirtschaftlichen Ämterbeschrei-bungen als notwendig für den Lebensunterhalt einer 6-köpfigen Familie angegeben werden. Dies ist das Ergebnis der Realerbteilung, die in Nassau üblich ist. Bei dieser Erbteilung erbt nicht ein Sohn den Hof allein, sondern jedem Kind steht ein Teil zu.

Abwanderung ist, wenn keine indus-trielle Erwerbsmöglichkeit wie z.B. der Bergbau (man spricht in den Dörfern rund um den Schelderwald vom „Bergmansbauern“ als Quälberuf) möglich ist, die einzige Möglichkeit für viele nachgeborene Söhne eine Existenz zu gründen. Ein Platz in der Armee, die Verpflegung, Unterkunft und Sold gewährleistet, ist unter diesen Umständen nicht das schlechteste für Johann Jost. Natürlich kann es gefährlich werden, zumal in diesen Zeiten in denen Krieg zum alltäglichen Leben der Menschen in Europa gehört, doch die Armee ist auch ein großes Abenteuer. Die Kameradschaft unter den Soldaten, die Uniform die alle gleich macht, das Leben während der Belagerung unter freiem Himmel, mit exotisch und wild aussehenden Truppen und vielleicht auch das Scharmützel bei Hechtsheim. Dies alles übt sicherlich auf einen jungen Mann der aus der Enge eines kleinen Dorfes kommt, einen starken Reiz aus. Allerdings wird jetzt in der Heimat, die Hälfte der Mannschaft des Bataillons ohne Sold beurlaubt. Die andere Hälfte verbleibt in der Garnison, mit vermindertem Lohn. Zu welchem Teil Johann Jost gehört ist nicht zu ermitteln. Vielleicht gehört er zu der verbliebenen Garnisons-truppe. Zuhause wird man froh sein einen Esser weniger am Tisch zu haben. Wird seine Familie ihn eventuell in Dillenburg besucht haben? Der Fußweg von Eiers-hausen nach Dillenburg beansprucht etwa 2 Stunden. Allerdings berichtet Johann Jost nichts über ein Treffen.

Der Aufenthalt in der Heimat dauert nur kurz. Im Juli wird in Den Haag ein Vertrag geschlossen, nach dem die beiden oranisch–nassauischen Bataillone in den Sold der „Vereinigten Niederlande“ treten und dort in Garnison stationiert werden sollen. Bereits am 28.August 1814 marschiert Johann Jost mit dem I.Bataillon in Richtung Nymwegen ab. Das Bataillon wird in unmittelbare holländische Dienste genommen. Vor dem Abmarsch verstirbt der bei den Soldaten beliebte Obrist Schaffner, welcher der greise Kommandeur des Regiments war. An seine Stelle tritt der, wesentlich unbeliebtere, Major Dressel aus Dillenburg. Unter dessen Führung marschiert das Bataillon  von Dillenburg aus über Hachenburg, Uckerath, Siegburg, Mühlheim wo über den Rhein gesetzt wird, Xanten, Moers, Kleeve nach Nymwegen, wo es am 12.September 1814 ankommt.

 

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Der Feldzug gegen Napoleon

 

 

1814 – 1815 Der Wiener Kongreß und die Rückkehr Napoleons

 

Am 18. September 1814 treten in Wien die Vertreter von etwa zweihundert Staaten, freien Städten, Herrschaften und Körperschaften zu einem Kongreß zusammen, um die Fragen zu klären, die die Befreiung des mitteleuropäischen Raumes von der französischen Herrschaft nach sich gezogen hat. Das Geschacher um Europa beginnt. Große Persönlichkeiten des 19. Jahrhunderts nehmen daran teil. Zar Alexander I., Graf Metternich, Graf Hardenberg, Wilhelm von Humboldt, Lord Castlereagh und natürlich der legendäre Graf Talleyrand.  Der Wiener Kongress dauert bis zum Sommer 1815. Der Vetreter Nassaus, Marschall v. Bieberstein, führt von Herbst 1814 bis Sommer 1815 die verwickelten Verhand-lungen und politischen Ereignisse in den Depeschen in die Heimat aus. Am 09. März 1815 schreibt er: Die Entweichung Napoleons von der Insel Elba hat hier die größte Sensation erregt. Man besorgt, er könne Intelligenzen [Einvernehmen, Einverständnis] in Frankreich haben. Was ist geschehen? Was bringt den Wiener Kongress, der so mit sich selbst beschäftigt ist, in eine solche Aufregung? Napoleon der nach der Kapitulation von Paris nach Elba verbannt wurde, ist am 01.März mit eintausend Mann und sechs Kanonen bei Cannes gelandet um Frankreich dem Bourbonenkönig zu entreißen und es zu altem Glanz zu führen. Über Grenoble und Lyon eilt er nach Paris. Ludwig XVIII. ent-sendet Truppen um Napoleon aufzuhalten, doch sie alle gehen zu ihrem ehemaligen Oberbefehlshaber über.

Napoleons Weg nach Paris war zwar anfänglich ein riskantes Unternehmen. Doch er setzte zurecht auf die immer noch vorhandene Treue der Offiziere und die Liebe der Soldaten zu ihrem ehemaligen Kaiser.
Sämtliche ihm entgegengesandten Truppen liefen jubelnd zu ihm über. Wie hier bei La Mure, das 7. Linienregiment des Oberst La Bédoyère

Sogar die in bourbonische Dienste getretenen Generale wechseln die Seite, an ihrer Spitze der Marschall Ney. Der Zug nach Paris wird zu einem Triumph. Am 19.März flieht der bourbonische König nach Belgien, und schon am 20.März zieht Napoleon in Paris ein. Während dessen bleiben Österreich, Rußland, England und Preußen nicht untätig. Schon am 13. März haben sie Napoleon als Feind und Zerstörer der Ruhe der Welt bezeichnet. Am 15. März erneuern die vier Großmächte die Verabredung von Chaumont vom 1. März 1814, indem sie sich in einem Allianzvertrag verpflichteten, je einhundertfünfzig-tausend Mann gegen Frankreich aufzubieten. Großbritannien be-kommt, da es nicht in der Lage ist diese Truppengröße aufzubringen, die Möglichkeit einen Ausgleich in Geld zu zahlen. Den Briten ist natürlich bewußt, daß der politische Einfluß vor allem von der Zahl der tatsächlich befehligten Truppen abhängig ist. So versucht man die niederländischen Truppen und die der deutschen Mittel- und Kleinstaaten, die in den Nieder-landen stehen, unter den Befehl des Herzogs von Wellington zu ziehen. Die Angst, daß Preußen nicht nur die Truppen sondern gleich das ganze Land haben will, treibt die kleineren Staaten unter den Befehl des Briten.

 

Arthur Wesseley von Wellington. Als Leiter des britischen Expeditionskorps stand er bereits 1808-1813 in Spanien und Portugal Napoleon gegenüber

Fünf Armeen werden aufgestellt:

 

1.     eine niederländisch – englische Armee mit ca. 107.000 Mann unter dem Herzog von Wellington

2.      eine preußisch–sächsische Armee mit ca. 123.000 Mann unter General von Blücher

Gerhard Leberecht von Blücher, Fürst von der Wahlstat, Sieger von Leipzig, war 1815 bereits 72 Jahre alt

 

3.      eine österreichische Armee mit ca. 225.000 Mann unter Fürst von Schwarzenberg

4.      eine österreichisch – piemon-tesische Armee mit 122.000 Mann unter den Generälen Frimont und Bachmann

5.       eine russische Armee mit ca. 180.000 Mann unter General Barclay de Tolly

 

Insgesamt werden 757.000 Mann gegen die Bestie aufgeboten. Der Oberbefehlhaber der Koalitionsarmee ist der Fürst von Schwarzenberg. Chef des Generalstabs General von Blücher. Den Opera-tionsplans entwirft der geniale Militärstratege August Wilhelm Neithard von Gneisenau.

Napoleon erkennt, daß trotz seiner umfangreichen Bemühungen um eine friedliche Regelung, die Alliierten ihn nicht als französischen Herrscher anerkennen. Am 08.April 1815 befiehlt er die Mobilmachung. Die Kriegsmühlen beginnen zu mahlen. Um der französischen Bevölkerung die Kriegsdrangsale zu ersparen, entscheidet er sich für einen Angriff auf die einzigen aufmarschierten Gegner, Wellington und Blücher.

Auch hofft er durch einen raschen Sieg die Entschlossenheit der Alliierten zu erschüttern. Napoleon liefert ein geniales organisatorisches Meisterstück ab. Innerhalb kürzester Zeit, wirft er fast unbemerkt 230.000 Soldaten an die nördliche Landes-grenze. Er will zwischen den beiden Heeren Wellingtons und Blüchers einen Keil treiben um dann jeden für sich einzeln zu schlagen. Die französische Aufklärung hat ergeben, daß die alte Römerstraße von Maubeuge – Charleroi – Namur – Liège nach Maastricht etwa die Verbindungslinie zwischen den beiden verbündeten Armeen bilden soll. Gerade an dieser Stelle vernachlässigen aber die Generalsstäbe der aliierten Armee eine Ver-einigung der beiden Heeresteile, obgleich alle Anzeichen darauf hinweisen, daß der Kaiser gerade in der Trennungslinie anzugreifen versucht. Blüchers Heer steht östlich im Raum  Fleurus – Namur – Huy – Liège.

Wellington hingegen steht westlich im Raum Mons – Frasnes – Genappe – Leuze – Oudenaarde bis Brüssel.

 

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1814 – 1815 In Brabant

 

In Nymwegen ist das I. Bataillon Oranien–Nassau in der Garnison gut versorgt. Die Soldaten treffen sich abends im Wirtshaus und spielen „Solo“. Der ein oder andere hat auch ein amouröses Abenteuer, wie Sergant Döring berichtet. Doch der Aufenthalt dauert nur ein halbes Jahr. Die Soldaten erreichen Gerüchte von der Rückkehr Nap-oleons auch in Nymwegen. Bald wird die Vermutung zur Gewißheit. Der französische Kaiser der nicht, wie die Gerüchte berichten, am Oberrhein die Feindseligkeiten eröffnet, droht sich nach Belgien und den Niederlanden zu wenden. Das Bataillon erhält, wie auch die anderen holländischen Truppen in Nymwegen, die Marschorder nach Brabant. Döring berichtet, daß der Ausmarsch am 26. März unter großer Beteiligung der Bevölkerung, besonders dem weiblichen Geschlecht, stattfindet.

Der Marsch führt das Bataillon über Breda und Herzogenbusch, wo einige Tage Rast gemacht werden, nach Scheepdahl nahe Brüssel. Dort wird das oranisch-nassauische I. Bataillon in das neu gegründete Infantrieregiment „Oranien–Nassau“ Nr. 28 eingegliedert. Anschliessend marschiert das Regiment nach Genappe ein kleines Städtgen etwa 30 KM südlich von Brüssel. Oberstleutnant Dressel bleibt der Kommandeur des Regiments. Zu diesem Regiment gehören außerdem das II. Bataillon Oranien–Nassau, Die Freiwillige oranische Jägerkompanie und die Belgische Batterie zu Fuß mit Ihrem Artillerie Train und 8 Geschützen. Dieses Infantrieregiment wird wiederum der 2. niederländischen Brigade zugeordnet, die seit einer schweren Beinverletzung des bisherigen Kommandeurs Oberst von Goedecke am 12. Juni, unter der Führung des niederländischen Obersten Prinz Bernhard von Sachsen–Weimar ist. Zu dieser Brigade gehört außerdem das 2. Nassauische Infantrie-regiment. Die Brigade wiederum ist ein Teil der 2. niederländischen Division des General Perponcher (s.h. Dokument). Diese Division, sie gehört nun zum I. Armeecorps unter dem Befehl des General Prinz Wilhelm von Oranien, bildet den äußersten linken Flügel der Armee Wellingtons und steht seit Anfang Mai bei Genappe, Frasnes und Nivelles. Das Regiment „Oranien–Nassau“ steht bei Genappe, Woys, Bousval und Thy-Glabais. Im Falle einer Alarmierung ist die Straßenkreuzung mit dem Namen Quatre-Bras als Sammelplatz der „Nassauischen Brigade“ bestimmt. Sergant Döring schreibt: Da wir nun uns eines baldigen Angriffes von den Franzosen versichert halten mußten, so wurde den ganzen Tag über exerziert und sehr oft des Nachts Generalmarsch geschlagen und stundenweit mit gepacktem Tornister ausmarschiert, damit der Soldat in steter Wachsamkeit und Bereitschaft blieb. Auch Johann Jost ist an diesen Übungen beteiligt: Wir sind also im Land Brawand [mit] große[r] Brade (Parade? Exerzieren) und Rere-stinne (Übungen?) gut versehen worden, es sind der doch viele gehalten worden bis den 15.Juni 1815. An eben diesem Tag, beginnt die französische Armee ihren Angriff mit Richtung auf Charleroi. Deshalb wird die Brigade des Oberst Sachsen-Weimar zum Abmarsch bereitgemacht. Johann Jost beschreibt diesen Zeitpunkt außerordentlich eindringlich und es ist zu spüren unter welcher Anspannung die Männer vor dieser  Auseinandersetzung stehen: Wir waren bereit. Da kam ein Flügeladjudant, und uns schon sah, sogleich zog er seinen Degen und schrie [dem] Dambur zu sogleich Generalmarsch geschlagen (der Trommelbefehl zum sofortigen sammeln der Truppen) ward . Als es zu Ende war, da wurde Befehl erteilt, das wir sogleich ausmarschiert und scharf ladete das war den 15ten Juni und den 16ten. Der Flügeladjudant gehört wahrscheinlich zum Brigade- oder Divisionsstab. Er ist ein junger Offizier, der die Verbindung des Kommandierenden mit den ein-zelnen Einheiten der Armee zu gewährleisten hat, also ein Melder zu Pferd. Der „Dambur“ (Tambour) ist ein jugendlicher Trommelschläger. In den Armeen gibt es zu dieser Zeit ein ungeschriebenes Gesetz, wonach auf den Tambourjungen nicht gezielt geschossen wird. Die Anspannung, aber auch die Erlösung, daß es endlich losgeht, spürt man bei diesen Zeilen deutlich. Die Männer singen zu Anfang auf ihrem Eilmarsch, wie Döring berichtet: Wir[] nahmen unseren Marsch über die Brüsseler Chaussee nach Quatrebras. Hier begegneten wir bereits schon nach kurzer Zeit mehreren Wagen blessierter Preußen, welche schon dieseits Charleroi mit Ney (Marschall Ney, der Fürst von der Moskwa, einer der fähigsten Offiziere, die Napoleon hat) im Handgemenge gewesen waren. Unsere Leute, welche auf dem Marsch bis dahin gesungen und fröhlichen Mut gezeigt hatten, wurden bei Ansicht dieser Bles-sierten und auf die Bemerkung mehrere Marketenderinnen „Was wird euch das Singen noch vergehen“ und auf den Befehl, scharf zu laden, sukzessive still und ruhig“.

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15.06 – 16.06.1815 Das Gefecht von Quatre – Bras

 

Wie der Name „Quatre–Bras“ (Vier Arme) sagt, durchkreuzen die Straßen von Brüssel nach Chareleroi und von Nivelles über Sombreffe nach Namur in einem rechten Winkel den aus drei Häusern bestehenden Pachthof. Südlich von Quatre-Bras und nördlich von Frasnes ist das Terrain etwas erhöht, im übrigen eben und mit Getreidefeldern bedeckt. Das Getreide ist viel höher als unsere heutigen Züchtungen und da die Menschen damals kleiner waren (Johann Jost ist fünf Schuh und zwei Fuß groß, also etwa 1,56 Meter), sind die Soldaten die in den Feldern stehen, kaum zu sehen. Im südwestlichen Winkel des Straßen-kreuzes liegt der Wald von Bossu, aus dem ein kleiner Bach entspringt der in westöstlicher Richtung fließt. Das Gehölz von Bossu, besteht aus dichten mit einzelnen Bäumen durchsetzten Niederwald und erstreckt sich bis zu dem westöstlich gelegenen Gehöften Le Grand Pierre-Pont und Le Petit Pierre-Pont. In östlicher Richtung hinter Gemioncourt liegen einige kleine Weiler an die der Wald von La Hutte anschließt.

Diese Karte zeigt, daß die Ausgangsstellung des Regiments Oranien-Nassau No.28 bei Quatre-Bras ursprünglich hinter dem Gehölz von Bossu ist. Zu erkennen an den orange-weißen Balken.

Auf diesem Gelände wogt am 15.Juni das Gefecht von Quatre-Bras. An diesem Punkt versucht Napoleon einen Keil zwischen die Armeen Wellingtons und Blücher zu treiben. Wellington hat nicht von Anfang an diese Gefahr erkannt. Auf der Höhe von Quatre Bras angekommen wurden wir, unerachtet des überstehenden, 20 mal stärkeren Feindes unbegreif-licherweise nicht sehr beschädigt, und bezogen unser Biwak nicht in großer Entfernung von ihnen, berichtet Döring, Für Proviant hatten wir hier fast gar nicht zu sorgen, indem wir von unseren Quartier-träger von Genappe aus damit reichlich versorgt wurden. Der 15. Juni ging wieder nur mit gegenseitigen Scharmutzieren (Scharmützel, Plänkelei, kleines Gefecht) vorbei…. Johann Jost berichtet über diesen Tag: So mußten wir sogleich Angriffe machen. Es war uns nicht einerlei, es dauerte oder hielt nicht lange an von 12 Uhr bis in die Nacht  wo wir aber schon viele Tote und Ver-wundete hatten. Für Döring ist das „gegenseitigen Scharmutzieren“ am 15. Juni (im Rückblick) nur eine kleinere Auseinandersetzung, doch für Johann Jost ist es das erste wirklich gefährliche Gefecht. Die beiden Bataillone des Regiments Oranien–Nassau beziehen das Gehölz von Bossu und den Pachthof Le Grand Pierre-Pont. Der Prinz Wilhelm von Oranien, als Befehls-haber des I. Korps der englisch–niederländische Armee, ist am 16. Juni bereits um sechs Uhr früh bei Quatre–Bras eingetroffen und hat das Kommando von dem Prinz von Sachsen–Weimar übernommen

 

Der Oberkommandeur von Johann Jost, der Prinz von Sachsen-Weimar (rechts vorne), bei einer Lagebesprechung mit Offizieren des Regiments Oranien-Nassau und dem 2.Infantrieregiment Nassau, während des Gefechtes von Quatre-Bras. Sachsen-Weimar trägt eine blaugraue holländische Offiziersuniform mit dem orangefarben abgesetztem Kragen und einer gleichfarbigen Scherpe. Die Farben finden sich auch in der einfachenUniform von Johann Jost wieder.

Marschall Ney, wartet seit zehn Uhr in Frasnes auf die Divisionen Foy und Jèrôme Napoleon. Nach ihrem Eintreffen beginnt er um zwei Uhr nachmittags einen frontalen Angriff der von den Franzosen mit etwa 9.000 Fußsoldaten, 1.850 Mann Kavallerie und 22 Geschützen vor-getragen wird. Bis jetzt stehen ihnen nur 8.000 Mann der Alliierten gegenüber. Le Grand Pierre de Pont, der Pachthof wo ein Teil des Regiments Oranien–Nassau Nr. 28 steht, wird eingenommen. Dann dringen sie gegen das Gehölz von Bossu in dem sich auch das Bataillon von Johann Jost positioniert hat. Dieser Niederwald ist eine gute Verteidigungsstellung. Die fran-zösischen Soldaten werden mit einem Kugelhagel empfangen. Doch dann geschieht ein Mißgeschick, daß sicher den Soldaten den Schrecken in die Glieder fahren läßt. Die Taschenmunition ist verschossen. Doch die Nachschubwagen sind beim raschen Abmarsch der Division Perponcher, in Nivelles verblieben und treffen erst um sechzehn Uhr ein. Wie dramatisch die Lage ist schildert Sergant Döring: Ein Bataillon Holländer  wurde sofort geworfen, und da dieses auf der Heerstraße im Mittelpunkt der Schlachtlinie postiert war, so entstand die größte Gefahr hierdurch für uns und alle anderen Corps, welche noch dadurch vergrößert wurde, daß die Holländer durch das wütende Kanonen- und Gewehrfeuer des Feindes außerordentlich litten und den Mut gänzlich verloren und ihre Position mit  Wegwerfung ihrer Gewehre verließen. Um diese Gefahr möglichst zu beseitigen und die bereits mit voller Macht eindringenden wieder zurückzubringen, kommandierte unser Obrist, Prinz Bernhard von Weimar, unser an die Holländer anstoßendes Bataillon zum Sturm, um die Franzosen wieder aus der betreffenden Position zurückzutreiben. Der Obrist, welcher – beiläufig gesagt – einer der größten Leute, die ich je gesehen habe, ritt damals einen großen schwarzen arabischen Hengst, welchen er von Kaiser Alexander von Rußland zum Präsent erhalten hat, rief nun zuerst Freiwillige auf. Allein das ganze Bataillon marschierte statt dessen, sämtliche Tamboure voraus, ohne einen weiteren Schuß zu tun mit gefälltem Bajonette stracks auf die von den Holländern verlassenen und von den Franzosen besetzte höchst wichtige Position los. Die Franzosen wurden geworfen und das Zentrum hierdurch sofort wieder hergestellt Bei dieser Affäre ereignete sich, daß dem Feldwebel Geiß aus Dillenburg von der 7. Kompanie das Gefäß von seinem Säbel durch eine Kanonenkugel von dem Leibe gerissen wurde, so daß er – wahrscheinlich durch den Luftdruck veranlaßt – besinnungslos zur Erde fiel, jedoch weiter keinen Schaden erlitten hatte und mit dem bloßen Schrecken davon kam. Sodann fand ich auch beim Vorgehen durch den Wald, welchen der Feind wieder verlassen hatte, einen braun-schweiger Jäger an einer Flugtanne stehend, welchem eine Flintenkugel in den hohlen Leib geschoßen war und fest in der Haut steckte. Derselbe sah leichenblaß aus und klagte über fürchterliche Schmerzen und fragte nach einem Doktor. Bataillonschirurg Neuendorf, gebürtig von hier, welcher zufällig hinter mir kam, hat diesem Jäger, wie ich später von ihm erfahren habe, die Kugel ausgeschnitten und demselben dadurch wahrscheinlich das Leben gerettet, was ihm dieser Mann erst in späteren Jahren mit Begleitung eines wertvollen Geschenks schriftlich auf das Dankbarste anerkannt hat. Wahrscheinlich sind es Dörings glorifizierte Erinnerungen die ihn das Bataillon so heldenhaft darstellen lassen. Doch gilt es zu bedenken, daß die Soldaten im Gehölz stehen und unter einem fürchterlichen Kanonenbeschuß leiden. Ein Soldat Leonhard berichtet von einem ganz entsetzlichen Kanonenfeuer, bei dem mehr Leute durch indirekte Ein-wirkung verwundet und getötet werden, als von den Kugeln selbst. Gemeint sind wohl die herab-stürzenden Äste und splitterndes Holz, welche gefährliche Verletzung hervorrufen können. Deshalb ist das Bataillon vielleicht mit einer fatalis-tischen Todesverachtung von einer Hölle in die andere vorgegangen, ob-wohl es ihnen auch nicht einerlei ist, wie Johann Jost berichtet.

Indessen rückt die französische Übermacht zunehmend vor. Die Division Perponcher ist stark ange-schlagen und befindet sich am Rande einer völligen Niederlage angesichts der wütenden Angriffe der Franzosen. Das Gros der nassauischen Brigade wehrt sich am Westrand des Gehölzes von Bossu gegen drei oder vier Bataillone der Division Jeromè Napoleon. Einige Kompanien des Regiments Oranien-Nassau gehen mit nur noch teilweise kampffähigen niederländischen Truppen auf Quatre-Bras zurück. Zu diesem Zeitpunkt ist die Lage des einzelnen Soldaten verzweifelt. Ohne einen wirklichen Überblick über seine eigene Lage, durch extremen Pulver-dampf, der die Gesichter schwärzt, in der Sicht behindert, darauf bedacht nicht den Kontakt zum Nebenmann zu verlieren, wehrt er, in beständiger Angst verwundet oder getötet zu werden, im Rückwärtschritt die ständigen Angriffe ab. Die Waffen-technik der Zeit bedingt, daß die sich beschießende häufig weniger als bis auf zehn Meter herankommt. Die Musketen schiessen nur ungenau. Da es sich um Vorderlader mit einem Steinschloß Zündsystem handelt, kann selbst ein routinierter Schütze nur etwa zwei Schüsse pro Minute abgeben. Die erste Reihe der Phalangen (Soldatenreihen) tritt hervor, feuert, kniet nieder, dann feuert die nächste Reihe stehend über ihre Köpfe hinweg, die dann ihrerseits niederkniet um der dritten freies Schußfeld zu bieten. Dies ist aufgrund der schlechten Treffsicherheit notwendig und bringt dem Gegner durch die enge Kampfweise massenhafte Verluste. Schon das Weiße in den Augen der Gegner sehend, wird die letzte Salve abgefeuert, dann wird mit gefälltem Bajonett in stoischem Marsch zum Nahkampf übergegangen. Die langen Klingen der Winkelbajonette und Faschiermesser werden in den Körper des Gegners, möglichst in Hals und Unterleib gestoßen.

Das Bajonett, hier der preußische Typ, ist eine brutale Waffe, die fürchterliche Verletzungen hervorruft. In dieser Zeit gehört der Nahkampf zum üblichen taktischen Vorgehen der Armeen.

Der Soldat Leonhard denkt: Wir sind alle verloren – meine Kameraden stürzten von den feindlichen Kugeln getroffen links und rechts. Das Geschrei und Gejammer der Blessierten ging mir durch Mark und Bein. Da endlich gegen halb vier kommt wirksame Hilfe. General Picton mit der 5. englischen Division rückt heran. Hannoveraner, Engländer, die nach-rückenden Braunschweiger unter dem Befehl des Herzog Friedrich Wilhelm und die niederländische 2. leichte Kavalleriebrigade reihen sich in die Linien ein und entlasten die verzweifelt kämpfenden. Das Gefecht, so berichtet der Sergant Döring der in unmittelbarer Nähe zu Johann Josts 3ter Füssilierkompanie kämpft, wurde nun auf diesen Punkt zusehend heftiger und erbitterter, und Marschall Ney, fortwährend durch neue Regimenter verstärkt, wollte den Durchbruch der Schlacht-linie mit aller Gewalt erzwingen, was ihm jedoch nicht gelingen wollte, da sämtliche Truppen, aber ganz besonders die Schotten und die Braunschweiger, trotz des fürchterlichen Kanonenfeuers wie Löwen fochten. Letztere waren umso wütender als sie sahen, daß ihr Herzog an der Spitze ihres Regiments von einem französischen Dragoner tödlich plattiert worden war und vom Schlachtfeld entfernt werden mußte. Ein Regiment Schotten hatte sogar hier ein Regiment französischer Kürassiere, welche im Begriff war, die Linie zu durchbrechen, mit gefälltem Bajonette geworfen und so zugerichtet, daß sie fast alle die Erde küssten. Trotz aller Anstrengungen des Marschall Ney hatten wir das Abends als sich der Tag neigte und das Feuern sukzessive von beiden Seiten aufhörte, sehr wenig Terrain verloren und quasi unsere des Tages über innegehabte Position be-hauptet. Auf Alliierter Seite kämpfen insgesamt an diesem Tag 19.000 Mann und 30 Geschütze. Ney hat ca. 12.000 Mann, 2.000 Reiter und 30 Geschütze zur Verfügung. Wel-lingtons Verluste belaufen sich an diesem Tag auf ca. 4.700 Mann an Toten, Verwundeten und Vermißten. Auch Johann Jost beklagt den Tod zweier Kameraden. Er schreibt: Des abends als dann Feierabend war und wir im Lager befestiged waren, da suchten wir Kameraden uns auf, aber leider, es fehlten schon zwei von Hirzenhain: Arnold und Baum. Das Herz war mir schon enge und ich dachte, wie wird’s morgen werden, aber Gottes Wächter beschützte mich beifällige (folgende) Nacht hindurch bis den 16ten (hier irrt Johann Jost, es ist der 17. Juni) da des morgens der General Wellington und Blücher (Blücher war nicht dabei) diese Stelle einsah. Trotz der anfänglichen französischen Übermacht hat sich die „nassauische Brigade“ bei Quatre-Bras gut geschlagen. Die Erschöpfung der Soldaten auf beiden Seiten ist am Abend sehr groß, besonders aber auf der Seite der Alliierten. Seit siebzehn Stunden haben sie gekämpft oder sind marschiert, ohne etwas anderes als trockenen Zwieback essen zu können. Marschall Ney hatte gezögert die alliierten Truppen anzugreifen, da er sich nicht über die Stärke der ihm gegenüberstehenden Armee im Klaren war. Das Gefecht ist eine ununter-brochene Folge von wütenden Angriffen gewesen. Wellingtons Verstärkungen trafen immer rechtzeitig dort ein, wo es kritisch wurde; auf der französischen Seite blieben sie aus, ihre Reserven waren aufgrund immer neuer Befehle und Gegenbefehle, ohne wirklich zu nützen hin- und hermarschiert. Durch die kluge Anweisung des Generalstabschef des Prinzen von Oranien, Constantin Rebeque, hatte die Brigade Sachsen-Weimar bereits in der Nacht vom 15. Juni, die strategisch wichtigen Punkte um die Kreuzung besetzt. Die Franzosen stehen am Abend des 16.Juni wieder an ihrem Ausgangspunkt.

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16.06.1815 Der Kampf bei Ligny

 

 

Am 16.06.1815 kämpfen die Alliierte Armee und die Preußen an zwei Orten gleichzeitig gegen die französischen Truppen

Während Johann Jost bei Quatre-Bras kämpft, kämpfen die Preußen in und um Ligny gegen Napoléon. Blücher hat sich dafür entschieden die französischen Kräfte so lange wie möglich in einer defensiv Schlacht zu binden. 91.000 Preußen stoßen auf 65.000 Franzosen. Eine fürchterlich, grausame Schlacht entbrennt. In Ligny wird um jedes Haus und jedes Zimmer, mit wechselnden Erfolgen, verbissen gerungen. Ein fran-zösischer Infanterist berichtet: Aus jedem Fenster, jeder Dachluke, aus jedem Loch in den Häusern und Ruinen wurde auf uns geschossen. Gewaltige schwarze Rauchschwa-den ziehen über die Ruinen der Dörfer, und Funken fliegen durch die Luft, die angefüllt ist mit dem tobenden Lärm der Schlacht. Wie von Sinnen schießen, stechen und schlagen die Soldaten aufeinander ein. Ein französischer Offizier berichtet: An manchen Stellen lagen die Toten zwei bis drei Mann hoch. Das Blut floß unter ihnen in breiten Strömen hervor. Auf der Hauptstraße war der Schlamm vom Blut gerötet und bestand aus zermalmten Knochen und Fleisch. Als Blücher sich der Niederlage und des zwingenden Rückzugs bewußt wird, formiert er seine Kavallerie für eine letzte große Attacke. Mit seinem schweren Säbel in der Faust führt der 72 -jährige General den Angriff persönlich an: Vorwärts, vorwärts, meine Kinder! schreit er. Doch der Angriff mißlingt. Blüchers Grauschimmel wird von einer Kugel getroffen und klemmt den greisen Feldmarschall ein. Um ihn herum tobt das Kampfgetümmel weiter. Geistesgegenwärtig wirft sein Adjudant, Graf von Nostitz, seinen Mantel über Blücher um seine auffälligen Orden zu verdecken. Erst bei Dunkelheit kann er von seinen Soldaten geborgen werden. In nur sechs Stunden haben die Franzosen eine Übermacht an Preußen besiegt. 16.000 Preußen und 12.000 Franzosen sind bis zum Abend gefallen, verwundet oder gefangen. Die ganze Nacht hindurch arbeitet General von Gneisenau, um etwas Ordnung in das entstandene Chaos zu bringen. Oberst Karl von Clausewitz beschreibt die Situation: Alle unsere Truppen waren in der Gegend verstreut und man konnte sie nur mit großer Mühe wieder-finden. Ich glaube, mein Haar wurde in der Nacht grau. Ich stieg nur einmal aus dem Sattel, um meinen Bericht an Blücher zu schreiben. Blücher selbst liegt in einem Bauernhaus sieben Kilometer nördlich von Ligny. Kaum hat er das Bewußtsein wiedererlangt , lehnt er den generellen Rückzug energisch ab und verlangt nach Bier, das man ihm in einem Stalleimer bringt. Wir haben Schläge gekriegt , sagt er, und wir müssen es wieder gut machen. Auch von Gneisenau be-richtet von dieser schweren Nacht: Das Dorf war von den Bewohnern gänzlich verlassen, alles lag voller Blessierter, kein Licht, kein Trinkwasser und keine Lebensmittel. Wir waren in einem kleinen Zimmer, in dem notdürftig eine Tranlampe brannte. Auf dem Boden ächzten Verwundete, der General selbst saß auf einem Sauerkrautfaß um ihn herum nur vier bis fünf Personen. Zerstreute Truppen zogen die ganze Nacht durch das Dorf, man wußte nicht wohin. Die Entscheidung sich nicht, wie sonst üblich, in das ehemalige Aufmarschgebiet am Rhein zurückzuziehen, sondern nach Wavre im Norden, ist letztendlich ausschlaggebend für den Erfolg der Alliierten.

 

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17.06.1815 Rückzug auf Mont Saint Jean

 

Dieser 16.Juni ist begleitet von schweren Gewitterregen, dem am 17. Ein grauer drückender Himmel folgt. Nachdem Wellington morgens gegen neun Uhr die Stellungen bei Quatre-Bras eingesehen hat, wie Johann Jost berichtet, erfährt er durch seinen Adjudanten Sir Alexander Gordon von der Nieder-lage Blüchers und dessen Rückzug nach Wavre. Sofort gibt er den Befehl sich zurückzuziehen, da nun seine linke Flanke entblößt ist und die Gefahr besteht, von Napoléon angegriffen zu werden. Wellington informiert Blücher über seinen Rückzug auf einen Höhenzug südlich des Fleckens Mont Saint-Jean, der in der Nähe des Ortes Waterloo liegt, und teilt ihm mit, daß er dort am 18. Juni den Kampf annehmen werde, sofern Blücher ihn unterstützen wolle, notfalls mit nur einem einzigen Korps. Darauf erklärt der preußische Generalfeldmarschall, dessen Armee sich zu diesem Zeitpunkt immer noch in einem chaotischen Zustand befindet und gruppiert werden muß: Ich werde kommen, mit meiner ganze Armee!
Der Rückzug bis nach Waterloo, etwa 15 Km südlich von Brüssel, hat einen konkreten strategischen Hintergrund. Wellington kennt die Gegend um Waterloo von einer Reise die er 1814 von London nach Paris unternommen hat. Er nimmt bei einem Abstecher, die Reste der unter napoleonischer Herrschaft geschleiften Maas-und Sambrefestung in Augenschein. Bei dieser Gelegenheit prüft er auch die Umge-bung von Brüssel, der Hauptstadt des gerade etablierten Königreich der Niederlande, auf ihre taktischen Möglichkeiten. Hierbei stößt er auf das Tiefland das von der großen Heerstraße Binche-Charleroi-Namur-Brüssel durchschnitten wird. Er erkennt sofort die äußerst günstigen Befestigungs- und Verteidigungsmöglichkeiten des sanft gewellten Geländes vor dem Wald von Soignes, an dessen Rand das kleines Dorf namens Waterloo liegt.

Eigentlich erwartet die Division Perponcher einen Angriff der Fran-zosen, als der Befehl des Rückzugs sie um neun Uhr erreicht. Eilig wird die Ausrüstung verpackt. So mußten wir gleich retterieren (zurückziehen), das ging über Hals und Kopf bis wir bei Waterloo desselbigen Tages kamen, beschreibt  Johann Jost mit kurzen Worten den Rückzug. Was aber „über Hals und Kopf“ heisst, beschreibt einmal mehr sehr ein-dringlich der Sergant Döring Wir glaubten alle, daß des künftigen Tages auf dem bisherigen Terrain fortgesetzt werden würde, allein schon nach Mitternacht verbreitete sich die Nachricht im Lager, daß Blücher 5 Stunden von uns bei Liége von Napoleon geschlagen worden sei und daß daher, um nicht um-gangen zu werden, unsere ganze Armee unverzüglich aufbrechen und den Rückmarsch über Genappe nach Waterloo nehmen müßten. Bei unserem Aufbruch, welchen wir mit bedeutender Eile und leeren Magen antraten, hatten wir noch den traurigen Anblick, daß die Franzosen eine Menge von Toten und Plattierten, worunter sich auch u.a. ein Offizier namens Engel aus dem Siegenschen befand, auf dem Schlachtfeld total bis aufs Hemd aus-gezogen und geplündert hatten.Wir retirierten nun unter beständigem Platzregen, unaufhörlicher Verfol-gung und stetem Kanonenfeuer der französischen Avantgarde den ganzen 17. Juni bis nach Waterloo.

Am 17.Juni ziehen sich die aliierten Truppen von Quatre-Bras zurück. Durch ständige Nachhutgefechte geplagt, gleicht der Rückzug in weiten Teilen einer Flucht

Die ganze Heerstraße von Quatre-bras bis nach Waterloo war mit größtenteils umgefallenen Munitionswagen, welche Patronen enthalten hatten, Verwundeten, feindlichen Apotheken, zerbrochenen und ineinander gefahrenen Geschützen, Ambulanzen, mit Plattierten und einem unüberseh-baren langen Troß mit den Weibern der Schotten (nach deren damaliger Gewohnheit) so überfüllt und oft so verrammelt, daß die Kavallerie und Infantrie nicht mehr einhalten konnten und quer über die daran grenzenden Felder und Wiesen, die in einem fürchterlichen Kote, marschieren und sich durchschaffen mußten.

Zu der Eile kommt noch ein gewaltiges Gewitter, welches sich an diesem Tag über das Land ergiesst und aus der Straße einen bodenlosen Sumpf macht. Eine Ahnung vermittelt das Bild der Preußischen Infantristen

Hierbei kam es einmal vor, daß, als wir einen bedeutenden Bach zu passieren hatten, worüber nur ein schmaler Weg führte, nur das eine Glied über denselben konnte, aber das zweite bis an die Hüften durch den Bach marschieren mußte. Unter diesen Verhältnissen und der allgemeinen Meinung, es sei alles egal, erreichten wir unter unaufhörlichem Regen und den Franzosen auf der Ferse des Abends noch die wenige Häuser enthaltenen Meierei Waterloo. Anstatt indessen den weiteren Marsch durch den vor uns liegenden Wald von Sangin (Soignes), durch welchen die Straße nach Brüssel führte, fortzusetzen, wurde „Halt“ kommandiert und die ganze Armee auf beiden Seiten von Waterloo unter unausgesetzten Hin- und Hermar-schieren in Schlachtordnung gestellt. Auch der Soldat Leonhard berichtet in seinen Erinnerungen von den Strapazen der Männer: Ungefähr vier Stunden [waren wir] retirirt und es überfiel uns ein schweres Donner-wetter, der Regen fiel so stark, daß in Zeit von einigen Minuten Chaussee und Felder auf beiden Seiten der Straße alles auf einen Zoll (2,5 cm) vom Wasser über-schwemmt war. Wir kamen hier an einen Bach, die Genappe (richtig: Dyle) genannt. Durch das starke Regenwetter war dieser Bach hoch angeschwollen. Die Chaussee war viel zu eng oder nicht breit genug, daß die ganze Armee Platz genug hatte, um die Retirade fortsetzen zu können. Wir mußten daher links und rechts der Chaussee über das Feld und so fort durch den ange-schwollenen Bach schwimmen. Es fanden mehrere in diesem Wasser ihren Tod. Durch dieses schwere Unwetter ziehen die Soldaten verzweifelt Richtung Norden. Doch andererseits können dadurch die Franzosen ihre Attacken nicht fortsetzen, so daß das Gewitter für die hart bedrängten Alliierten Truppen auch eine gute Seite hat. Die den Soldaten zugewiesenen Plätze zum biwakieren, sind tiefer Morast und eignen sich wenig zum Kräftesammeln und Regenerieren. Ein weitereTeilnehmer, Unterleutnant von Gagern, dieses strapaziösen Gewaltmarsches, schildert seine Erlebnisse: Dieser 17. und der darauffolgende 18. waren die Tage, an denen ich die meisten Strapazen ausstehen mußte. Erstens war der 17. der erste Tag, an dem ich einen ganzen Marsch zu Fuß machen, denn mein Räppchen, das immer sonst bei mir hatte, mußte ich beim Regiment lassen, als wir zum Tiraillieren vorgingen. Diesen Marsch machte ich also ganz zu Fuße, nach-dem ich schon zwei Tage nichts gegessen hatte als trockenes Brot, und wo ich zweitens am nämlichen Morgen erst Üblichkeiten hatte; drit-tens war bis ohngefähr um 3 Uhr die fürchterlichste Hitze, daß ich durch und durch naß war. Um 3 Uhr bekamen wir dann einen fürchter-lichen Platzregen. Alles, was vorher von der Hitze naß war, wurde nun durch den Regen ganz erweicht. Erst hatte ich zwar meinen Mantel um-gehängt; der wurde mir aber zuletzt so schwer, daß ich ihn garnicht mehr tragen konnte; den gab ich also einem Soldaten und patschte im Drecke fort. Der Regen hatte zwar nachgelassen, aber lange noch nicht aufgehört und hörte auch nicht auf bis wir ankamen. Unterwegs hatte ich mir noch geschwind ein Stückchen von einem Schweine heruntergeschnitten, welches die Soldaten geschlachtet hatten und freute mich schon auf die köstliche Mahlzeit. Kaum waren wir aber eine Stunden an Ort und Stelle, so kam das Geknalle als näher, und endlich tollten sich die Franzosen gar so ungeschickt, daß uns schon die Kugeln um die Köpfe flogen. Wie leicht hätte jetzt eine treffen können! Sie hätten doch wenigstens so gefällig sein können und warten, bis mein Schweinefleisch gekocht hätte, aber nein, ich mußte es aus dem Kessel heraustun und an einem Stocke braten, um geschwinder fertig zu sein; aber nicht einmal ausbraten ließen sie mich`s, denn am Ende mußte ich doch ein Stückchen Brot nehmen und das Fleisch noch halb roh dazu essen. Die beiden Armeen sind in einem Abstand von etwa tausend Meter zum Stehen gekommen. Napoléon hat seine Armee in größer Eile hinter den zurückgehenden Alliierten hergetrieben. Er trifft in strömenden Regen an der Spitze seines Heeres gegen 18.30 Uhr bei dem kleinen Gehöft Caillou ein, daß etwa eine halbe Stunde südlich von dem Gasthaus La Belle Alliance, daß den Mittelpunkt der sich in Schlacht-ordnung aufstellenden französischen Armee darstellt. Napoléon schlägt in Caillou sein Hauptquartier auf. Da er nicht daran glaubt, daß Blücher parallel zu den französischen Trup-pen nach Norden zieht, beordert er die 33.000 Mann unter Marschall Grouchy nicht zu dem Aufmarsch-gebiet. Die Dunkelheit ist eingebrochen und der Kaiser gibt den Befehl, auf dem Hügel von La belle Alliance zu biwakieren. Die Soldaten beider Seiten waten im Schlamm, Geschütze können nur mit größten Anstrengungen bewegt werden, Pferde rutschen und stolpern unent-wegt. Das mannshohe Korn rechts und links auf den Feldern biegt sich unter der Last des Regens. Vereinzelt brennen armselige Feuer um die sich völlig durchnäßte Soldaten drängen. Die Reiter sitzen, mit hängenden Köpfen, in ihren Sätteln. Die wenigen Hütten, Ställe, Häuser, und Gehöfte der Umgebung sind mit erschöpften Soldaten völlig überfüllt. Der Artillerie Leutnant Georg Wilhelm Müller berichtet über die verzweifelte Situation: Bis über die Knöchel sank man in die weiche Erde und die langen nassen Halme vermehrten die Wassermassen in unseren Kleidern. Mit anbrechender Nacht gelang es uns, trotz des Sturmes und dem weichen Boden, ein Zelt aufzuschlagen, wo wir wenigstens gegen den Regenguß gesichert die Nacht zubringen hofften. Freilich kein großer Vorteil, denn wir lagen halb im Wasser. Kaum glaubten wir gegen Mitternacht in Ruhe zu sein, als ein plötzlicher Alarm uns alle hinaustrieb, während zu gleicher Zeit der Sturm unser Zelt niederriß. Jetzt wuchs unser Unmut aufs Höchste. Nach einer halben Stunde anstrengender Vorbereitung ergab sich, daß es ein blinder Alarm gewesen war, und uns blieb nun nichts anderes mehr übrig, als uns, so wie wir da waren, hinter die Hecke zu legen und nur etwas gegen den Sturm ge-schützt uns dem Regen preis-zugeben. An Schlaf war hier nicht zu denken, und dies war nun bereits die dritte Nacht, wo ich darauf verzichten mußte…

Die Brigade Sachsen – Weimar, die Einheit von Johann Jost, postiert sich auf dem äußersten linken Flügel der Alliierten Armee, vor sich das Gehöft Papelotte und etwas östlich von ihnen der kleine Weiler Smohain. Südlich von Gehöft und Weiler liegt das Schloß Frichermont. Seit dem 15. Juni haben die Männer nur etwas mehr als eine Zweitageration Brot (etwa 3 ½ Pfund) und eine Zweitageration Fleisch (ein knappes Pfund) erhalten. Alle sind erschöpft, durchnässt, hungrig und demoralisiert. Ergreifend berichtet Döring: Die beiderseitigen Armeen bezogen nun in Entfernung eines Kanonen-schusses voneinander ihre Lager-stätten. Nach kurzer Zeit war der rabenschwarze Horizont von aber-tausenden Wachtfeuern erleuchtet. Die Gewehre mußten wegen des fortwährenden Regens mit den Bajonetten ins Ackerland gesteckt werden, damit das Pulver respektive die Patronen in den selben nicht feucht wurden, um zum Tanze des anderen Tages gebraucht werden zu können. Ein jeder warf sich aus Müdigkeit wegen der erlittenen übermäßigen Anstrengung, ohne an Essen und Trinken, falls es auch zu haben gewesen wäre, zu denken, in den Kot, den Tornister unter dem Kopf, um nur einige Ruhe zu geniesen. Dies wurde jedoch nicht lange gestattet, als gegen Mitter-nacht einem Soldaten von den Engländern sein Gewehr aus Unverantwortlichkeit losging, wodurch alsdann auf unserer ganzen Linie ein Ruf erschallte, „die Franzosen haben einen Durchbruch auf unserem rechten Flügel bewerkstelligt“. Und seien in völligem Anmarsch. Was die Nachricht, welche sich jedoch in kurzer Zeit als grundlos erwies, bei stockfinsterer Nacht und unaufhör-lichem Regen, wozu sich noch ein Gewitter gesellt hatte, auf unsere Gemüter für eine Wirkung hervor-brachte, kann nur der beurteilen, welcher solchen Momenten bei-gewohnt erlebt hat. Ein Teil dieser Nacht verging zwar in ziemlicher Ruhe und ohne vom Feinde belästigt zu werden. Indes-sen hatten uns alle diese Widerwärtigkeiten und Unbillen doch ziemlich mutlos gemacht, was bei dem Feinde wohl der ähnliche Fall gewesen sein mußte, da er den-selben Himmel über sich hatte, dieselben Wege und bodenloser Felder unter sich hatte und passieren mußte, jedoch allerdings mit dem bedeutenden Unterschiede, daß er eben in Avancieren begriffen und wir dagegen auf der Retraite waren. Das übt auf das Gemüt des Soldaten einen himmelweiten Unterschied aus.

Diese hellsichtige Erklärung des Serganten trifft wohl den Kern und ist überaus bezeichnend in welcher Stimmung sich die Truppen befinden. Zumal eine große Zahl von ihnen junge, schlecht ausgebildete und ausgerüstete Männer sind, die zum erstenmal an einem Feldzug teilnehmen. In diese aussichtslose Lage gestoßen zu werden, haben sicher nicht alle verkraftet. Vielleicht sprechen ihnen die älteren und erfahrenen Unteroffiziere Mut zu. Denn sie wissen, daß sie am nächsten Tag Seite an Seite mit diesen unerfahrenen Soldaten fechten müssen.

Am Morgen durchbricht die Sonne schüchtern den Morgendunst. Nach vier Uhr, läßt der Regen nach und hört dann ganz auf, aber die Nässe ist immer noch allgegenwärtig. Nur langsam trocknet der Boden. Durch die anhaltende Feuchtigkeit, haben die durchnäßten Steinschloßge-wehre schon Rost angesetzt. Das Ausziehen und reinigen wird be-fohlen. Das Geschehen beschreibt Sergant Döring wieder mit beeindruckender Intensität: Als nun der Tag kaum graute, mußten wir – ungeachtet der Regen noch fort-während in Strömen herabfloß – Gewehre und besonders die Schlös-ser mit Sacktüchern und anderen Gegenständen, soweit möglich reinigen und zum Gebrauche tau-glich zu machen suchen. Durch die nunmehrige Anordnung der Schlachtlinien nahm das fort-währende „Hinten-quer-Marschieren“ der Corps fast kein Ende. Ein Teil das I. Bataillon des Regiments Oranien–Nassau und die „Freiwillige Jäger Kompanie“ Oranien, besetzen den Weiler Smohain und das Schloß Frichermont, daß etwa dreihundert Meter von Smohain entfernt liegt.  Der andere Teil des I.Bataillons und das II. Bataillon Oranien–Nassau steht am Feldweg Brain l´Alleud–Ohain nördlich von Papelotte, dort werden auch drei Geschütze der niederländischen Batterie Stievenart in Stellung gebracht.

Über einhunderttausend Soldaten ballen sich zu diesem Zeitpunkt auf einer Fläche von 30 – 40 Quadrat-kilometer. Irgendwoher müssen sich diese Truppen versorgen. Durch das schnelle hin und her marschieren während der letzten zwei Tage ist die Versorgung beider Armeen, fast gänzlich zusammengebrochen. Außerdem wird zu dieser Zeit ein Teil der Truppenversorgung aus dem Land requiriert. Welche Leiden dabei die ansässige Bevölkerung zu erleiden hat ist kaum vorstellbar. Döring berichtet über diese Art von Versorgung: Da indessen jetzt der Magen immer leerer wurde und sein Recht behaupten wollte und der Hunger stets zunahm, wurden das in den zwischen den beiden Armeen gelegenen Höfen, Mühlen etc., welche größtenteils dabei abbrannten, sowohl von unseren Truppen als auch der Franzosen durchge-hendes vorhandene Vieh, Schweine, Gänse, Enten, Hühner, Kartoffeln und sonstige eßbaren Gegenstände geplündert; alles wegen des Zeitverlusts nur halb gesotten und gebraten jedoch mit der größten Begierde verschlungen, was durch das mehrtägige Fasten und erlittene Strapazen eben nicht zu verwundern war. Ich habe sogar gesehen, das die Soldaten ein ziemlich fettes Schwein brachten, dem sie mit ihrem Säbel, ohne es erst zu schlachten, ganze Stücke aus dem Hinterteil schnitten, sie ins Feuer steckten und halbgebraten mit Begierde verzehrten. Fast unglaublich aber wahr: während dieser Plünderungen waren Freund und Feind die besten Leute, und dachte keiner daran, daß sie sich nach einigen Stunden auf Tod und Leben schlagen würden.

Was empfindet ein Mensch der sich in einer solchen Situation befindet? Wie in vielen Schlachten vorher und nachher, gibt es hier zumeist keinen persönlichen Hass zwischen den Soldaten der beteiligten Nationen, sondern nur den Willen zu über-leben. Man begegnet sich als Schicksalsbrüder, wenn auch unter verschiedenen Fahnen. Eine innere Überzeugung haben die meisten Soldaten der Hilfstruppen, da sie erzwungenermaßen an diesem Feldzug teilnehmen müssen, nicht. Rund 10.000 Vermißte und Deserteure verzeichnet die alliierte und preußische Armee in den vier Tagen vom 16. bis 19 Juni. Und doch braucht der einzelne eine Fahne, wenn es auch nur für die Hoffnung ist, daß sein mögliches Opfer in dieser für ihn ausweglosen Situation nicht ganz umsonst sei, der er folgen kann, während er geduldig zur Schlacht geführt wird. Die aber fehlt dem Regiment Oranien-Nassau, weil es eine Hilfstruppe ist, die für diesen Feldzug speziell aufgestellt worden ist. Meist bleibt den Soldaten nur der Alkohol. Mehrfach wird in Berichten beschrieben, dass die Soldaten während der Schlacht betrunken waren. Die Kanoniere der belgischen Batterie Bylandt, welche zur nassauischen Brigade gehört, beschießen während des Kampfes sturzbetrunken eine preußische Artilleriestellung, die allerdings vorher versehentlich ebenfalls die eigenen Verbündeten unter Beschuss genommen hatten.

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Die Schlacht von Waterloo

 

 

18.06.1815 Vor dem Kampf – Wir wurden also geduldig zur Schlacht hingeführt

 

Napoléons Plan für diesen Tag ist am besten mit der Anweisung zu erklären die der Organisator der Revolutionsarmee Lazare Carnot, den Generäle der Revolutionszeit erteilte: Die großen Schläge im Norden führen! In Massen offensiv vorgehen! Sich bei jeder Gele-genheit in Bajonettkämpfe einlassen! Große Schlachten liefern und den Feind bis zur Vernichtung verfolgen! Genau das hat Napoléon am 18. Juni vor. Sein Generalsstabchef Mar-schall Soult äußert seine Bedenken gegen diese Strategie. Der Kaiser reagiert erbost und aufbrausend: Sie glauben, daß Wellington ein großer Soldat ist, nur weil er sie in Spanien geschlagen hat. Ich aber sage ihnen, Soult, daß Wellington ein schlechter Soldat ist, und das die Engländer schlechte Soldaten sind, und daß das alles hier die Sache eines Frühstücks ist.   

Aufgrund des völlig durchweichten Bodens, der erst einigermaßen abtrocknen muß, ist Napoléon dazu verdammt mit seinem Angriff zu warten. Seine Truppen marschieren, behindert durch bodenlosen Schlamm, seit dem frühen Morgen zu ihren Gefechtsordnungen. Wir reihten uns zwischen mehrere Regimenter im Getreide ein, schreibt ein französischer Infantrist, Man sah diese Regimenter nicht, denn sie hatten keine Feuer brennen. Der Feind sollte nicht wissen, daß wir uns ihm in Formation gegenüber befanden. Man stelle sich vor, wie wir da bei strömendem Regen und vor Kälte zitternd im Getreide lagen. Glücklich schätzte sich wer eine Möhre oder eine Rübe hatte, womit er seine Kräfte ein wenig auffrischen konnte. Ach, zu welchem Leben waren wir verurteilt! Hatte Gott uns deshalb in die Welt gesetzt? Ist es nicht eine wahre Schande, wenn ein König, ein Kaiser, anstatt sein Land friedlich zu verwalten, den Handel, die Bildung, die Freiheit, und die guten Beispiele zu fördern, uns zu Hundertausenden in dieses Elend versetzt? […] Ich weiß sehr wohl, daß man so etwas als ruhmvoll bezeichnet. Aber die Völker sind doch recht dumm solche Leute zu verherrlichen […] Dazu muß man allen gesunden Menschenverstand, jegliches Gefühl und jegliche Religion verloren haben […] Die Regimenter  vereinigten sich zu Brigaden, die Brigaden mit ihren Divisionen, die Divisionen mit ihren Korps. Die Ordonanzen überbrachten Befehle. Alles war in Bewegung. Die Bestürzung über diese fürchterlichen Stunden die aus diesen Zeilen spricht, erschreckt noch heute mit ihrer Anklage.

Stellung der Armeen zu Begin der Schlacht von Waterloo

Napoléon schätzt die Position der Armee Wellingtons falsch ein. Er meint, daß es ein Fehler sei, daß Wellington seine Armee mit dem Rücken zum Soignes-Wald aufzustellen. Bei eventuellen Rück-wärtsbewegungen könnte der Wald wie eine Wand das Manöver ver-hindern. Er weiß nicht, daß Wellington das Gelände ausge-zeichnet kennt, ein geniales stra-tegisches Konzept hat und der Wald fast kein Unterholz besitzt.  Wellington unterschätzt im Gegen-satz zu Napoléon nicht die Feldherrenkunst seines Gegners und den Mut dessen Soldaten. Er hat in der Nacht die drei zwischen den Armeen gelegenen Gehöfte zu Stützpunkten ausbauen lassen, so das sie während der Schlacht eine „Wellenbrecher“ Funktion einnehmen sollen und durch seitliches Sperrfeuer die angreifenden französischen Formationen zur Auflösung bringen können. Außerdem ist das Tal am nördlichen Rand durch den tiefen Hohlweg von Braine l‘ Alleud nach Ohain begrenzt, der teilweise vier Meter tief und durch Hecken und Büsche geschützt ist. Dieser Weg bildet die vordere Grenze seiner Armee. Der Weg und das 20 Metern tief, sanft senkende, nach Süden abfallende Tal, hat Wellington als eine nahezu ideale Verteidigungs-stellung erkannt. Wellington weiß sehr wohl, daß er Napoléon nicht alleine widerstehn kann. Er hat etwa 67.000 Mann und 184 Kanonen zur Verfügung.

Doch wenn die Preußen rechtzeitig eintreffen, erscheint ein Sieg über den Kaiser wahrscheinlich. Die Aufgabe der Alliierten Armee besteht also darin, solange auszuhalten bis die, nach dem Gefecht von Ligny, nach Norden ausgewichenen Preußen, das Schlachtfeld erreichen. Napoléon wiederum ist sich im klaren, daß er bei einer Vereinigung der Armeen Blüchers und Welling-tons kaum gewinnen kann. Sein Armee zählt etwa 77.000 Mann und  276 Kanonen. An Kavallerie, aber vor allem an Artillerie ist er dem Gegner weit überlegen. Als schweres Handikap für seine Armee, wird sich der fette völlig aufge-weichte Boden erweisen. In tiefem glitschigen Gelände müssen die Soldaten einen Gegner angreifen, der ihre Attacken in vorteilhafter Stellung erwarten kann.

Die Aufstellung der weit ausein-andergezogene französischen Armee, läßt den berühmten preußischen Militärstrategen und Generalstabsoffizier Carl von Clausewitz rätseln: Anstatt seine Kräfte dem Feinde so viel als möglich zu verbergen wie jeder thut und unvermerkt zu nähern, läßt er [Napoléon] sich so breit und systematisch wie möglich entwickeln, als käme es nur darauf an, ein Schaugericht zu geben. Man kann sich nur drei Veranlassungen denken. Entweder wollte er seinen eigenen Leuten damit den Muth steigern oder er wollte dem Gegener imponieren oder es war ausschwei-fende Spielerei eines nicht mehr im Gleichgewicht stehenden Geistes. Dem Regiment Johann Josts steht direkt die 4. Infantriedivision des Generals Durutte und die I. Kavalleriedivision Generals Jac-quinot, die beide zum I.Korps unter dem Befehl des Generals Drouet d`Erlon gehören, gegenüber. Weniger als tausend Meter sind zwischen den Soldaten. Recht genau ist zu sehen, was auf der anderen Seite vor sich geht. Der hanno-versche  Artillerie-Leutnant Georg Wilhelm Müller erlebt mit welcher Begeisterung die Franzosen ihrem Kaiser folgen

Vor der Schlacht reitet Napoleon die Front seiner Truppe ab. Die Wirkung ist phänomenal. Die Soldaten jubeln und rufen laut vive lèmpereur, so dass die Rufe bis zu den Gegnern zu hören sind.

Ein nicht zu unterschätzender Faktor für den Kampf. Er sieht die feindlichen Infantrie- und Kavalleriemassen marschierten ebenfalls auf, und Napoléon Bonaparte durchritt jetzt die feindlichen Linien. Ein tausend-mal-tausendfaches „Vive l‘ empereur!“ durchlief die gegner-ischen Reihen. Kurz darauf passierte auch Wellington unsere Front, und obgleich er es winkend zurückhalten wollte, brach ein jubelndes Hurra die feierliche Stille…. Der schon vorher angeführte französische Infantrist, erlebt das Ereignis auf der anderen Seite mit innerer Erregung: Nach einer Stunde hörten wir plötzlich zur Linken den Ruf „Vive l‘ Empereur!“ wie ein Gewitter erschallen. Dieser Ruf kam immer näher und wurde immer lauter. Wir stellten uns auf die Zehenspitzen und reckten die Hälse. Das ging durch alle Reihen, und selbst die Pferde wieherten, als wollten sie mitrufen. Da wirbelte auf einmal ein Schwarm Generäle und hoher Offiziere an uns vorbei. Napoleon war unter ihnen. Ich glaube, ihn gesehen zu haben, aber ich bin nicht ganz sicher. Er ritt so schnell, und so viele hoben ihren Tschako mit den Bajonettspitzen, daß man kaum Zeit hatte, seinen runden Rücken und seinen grauen Mantel inmitten der galonierten Uniformen zu erkennen. Als der Hauptmann gerufen hatte: „Gewehre über! Präsentiert das Gewehr!“ war schon alles vorüber. So bekam man ihn fast nie zu Gesicht, außer man gehörte der Garde an.

Auch bei dem I. Bataillon des Regiments Oranien–Nassau werden Vorbereitungen für die Schlacht ge-troffen. Die Gewehre werden notdürftig mit Sackleinen trocken-gerieben. Die jungen Soldaten haben eine schreckliche Nacht hinter sich. Doch die Furcht vor dem was vor ihnen liegt ist groß. Johann Jost ist einer von ihnen und das Schicksal nimmt für ihn einen dramatischen Verlauf. Er berichtet: Des morgens kam der Prinz SagsWeimar zu uns, wir mußten sogleich das Garrehe (Karree) oder Greis vormachen.

 

Auf dem Schlachtfeld kämpfen beide Seiten mit unerbittlicher Härte. Für die Soldaten ist während des Kampfes die Siuation völlig chaotisch

Das Karree ist eine effektive Verteidigungsordnung der Infantrie gegen Kavallerieangriffe. Es wird ein Viereck gebildet, in dem die vordere Soldatenreihe niederkniet und den Schaft ihrer Gewehre fest gegen den Boden stemmen. Die zweite Reihe steht, schießend und die Gewehre vor sich haltend. So ragen die aufgepflanzten Bajonette wie die Stachel eines Igels hervor. Dieser Wall ist fast unmöglich zu durchbrechen. Nur eine Kombination aus Artillerie, Infantrie und Kavallerie kann diesen Verteidigungswall auf-brechen. Im Inneren des Vierecks geben die Offiziere an die Soldaten die Befehle. Aber auch die Verletzten werden dort versorgt. Doch dann geschieht etwas, was ihn zu tiefst bestürzt: Es wurde also Befehl erteilt wie wir streiten sollten, es betraf auch uns wieder. Es wurde gefragt nach der Awang-Gard (Avandgard), es hieß die 3te Kompanie. Es wurden Freiwillige gefordert, da meldete sich kein Mann. Da wurden 10 Rotten vom rechten Flügel genommen, welches auch mich betraf. Die Erschütterungen bestürtzen mich; ich dachte, mein Gott, was will das werden? Wir wurden also geduldig zur Schlacht hingeführt. Hier wird deutlich, dass die jungen Männer des Regimentes keine enthusiastischen Freiwilligen sind, sondern Zwangsverpflichtete. Diese zeigen, anders als ihre Offiziere, keinen Drang als besonders mutig zu gelten. Mut ist Anfang des 19. Jahrhundert in den Armeen die entscheidende Tugend. Wenn ein Offizier nicht als feige gelten will, muss er einen Befehl, mag dieser auch noch so selbstmörderisch sein, ausführen. Aber auch die Mannschaften haben ihren Verhaltenskodex. So gilt es als feige sich zu ducken wenn man eine Kanonenkugel auf sich zu fliegen sieht. Gleiches gilt für eine gegnerische Gewehrsalve die es „standhaft“ zu überstehen gilt.

Außerdem sagt Johann Josts Darstellung viel über die damals neueste Kampfweise aus. Die Kampftaktik hat sich seit Ende des 18. Jahrhunderts zunehmend geändert. Zu der geschlossenen Fechtweise (Linie und Kolonne) kommt die „geöffnete“ Formation, die Avandgard, hinzu. Bei dieser kämpfen einzelne Soldaten losgelöst von ihrem Verband und individuell unter Ausnutzung des Geländes. Diese taktische Änderung wird zuerst in der französischen Armee möglich. Die Soldaten der Revoulutionsheere, kämpfen mit innerer Begeisterung für ihre Ideale. Bei den herkömmlichen Armeen müssen die Soldaten mit Gewalt von ihren Vorgesetzten „bei der Stange“ – der Fahne – gehalten werden. Bis heute ist der friedrizianische Begriff des „Spieß“ erhalten geblieben. Damit ist der Feldwebel gemeint der hinter der kämpfenden Truppe stand und mit einem Spieß nicht den Feind attackierte, sondern die vor ihm postierten „Kerls“ am Zurückgehen hinderte.

Die Franzosen nennen ihre Einzelkämpfer „Tirailleure“ (Schützen). Ihre taktische Aufgabe ist es, ein Gefecht vor den eigenen Linien einzuleiten, die Reihen des Gegeners durch einzelne Schüsse  zu verunsichern, eigene Absichten zu verschleiern, den Gegner bei diesem Angriff hinzuhalten oder zum Rückzug zu veranlassen. Mit der wenigen Erfahrung die Johann Jost besitzt, muß er nun eine schwierige und gefährliche Aufgabe bewältigen. Er betet: Herr Gott, stärke mich von oben her und hilf mir kämpfen und hilf mir ringen, damit ich einst die Krone erlangen werde…

 

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18.06.1815 Die große Schlacht

 

Um 11.35 Uhr wird der erste Kanonenschuß von der Division des General Foy abgefeuert, und donnernd eröffnet die Grande Batterie des Artillerie-Generals Drouot die größte Entscheidungs-schlacht  des 19.Jahrhunderts. Das Inferno beginnt.

Zu Beginn der Schlacht eröffnet die französische Batterie des I.Korps das Feuer auf den rechten Flügel der englisch- alliierten Armee. Das Ziel ist das Gut Hougomont. Zu dieser Zeit ist es auf dem linken Flügel bei dem Gehöft Pappelotte noch relativ ruhig.

Der folgende Infantrieangriff auf das Gut Hougomont, der von Napoléon als Ablenkungsangriff gedacht ist, wächst sich zu einer eigenen Schlacht aus. Das Gut ist von Engländern in der vorherigen Nacht in aller Eile zu einer Festung ausgebaut worden. In dem vorgelagerten Wald sind Hannover-aner und Nassauer postiert. Um jeden Meter werden schreckliche Nahkämpfe geführt. Schließlich gelingt es den Franzosen die deutschen Truppen zu vertreiben und dann Hougomont direkt anzugreifen. Innerhalb kürzester Zeit türmen sich vor dem Südtor die Leichen der angreifenden Franzosen über die immer mehr ihrer Kameraden hinweg steigen. Die Hälfte des linken Flügels der französischen Truppen ist schlies-slich in diese Angriffe verwickelt. Ein zähes Ringen um den Gutshof, ein grausamer Kampf der mit äußerster Verbissenheit geführt wird, spielt sich während der gesamten Schlacht dort ab.

Gegen 12.00 Uhr schickt Napoléon die Kavallerie Division des Generals Baron de Domon gegen den auf dem linken Flügel der alliierten Front gelegenen Gutshof Frichermont, der bald die Lanzenreiter und Jäger zu Pferde des Generals Baron de Subervie folgen. Der Graf de Lobau, General Mouton, der Kommandeur des VI. Armeekorps, erhält den Befehl die Attacken der beiden Kavalleriedivisionen zu unterstützen und die Verantwortung für die Sicherheit des gesamten rechten Flügels der französischen Armee gegen die gefährliche Bedrohung durch die Preußen zu tragen.

Diese sind nur noch weniger als 15 Kilometer entfernt. Dem 72-jährigen Blücher ist es gelungen seine völlig verstreuten Truppen innerhalb kür-zester Zeit zu sammeln und die völlig übermüdeten Soldaten zu einer übermenschlichen Marschleistung anzutreiben. Der nach seinem Sturz vom Pferd erheblich verletzte Generalfeldmarschall schont sich selbst dabei nicht. Die Preußen quälen sich in der wieder ein-setzenden sommerlichen Wärme, auf total verschlammten Wegen dem Schlachtfeld zu. Die schweren Regenschauer vom Vortag haben ihren Marsch fast unmöglich gemacht. Schwere Lehmklumpen die jeden Schritt zu einer Qual machen, hängen an ihren Stiefeln. Überall hängt Schlamm an der Uniform. Bei jeder Wegunebenheit müssen die Geschütze und Munitionswagen zusätzlich mit den Schultern gescho-ben werden, weil die Pferde auf dem rutschigen Boden keinen Halt mehr finden und die Wagen bis zur Radnabe im Schlamm versinken sind.

Während dessen tobt die Schlacht weiter. Der Gewitterdonner der Artillerie, das Heulen der Kanonenkugeln, die Schrei der Sterbenden und Verwundeten, das entsetzte Aufschreien der Pferde, das Sirren der Gewehrkugeln, die geschrieenen Befehle, das Kampf-getümmel, dazwischen das Trommeln der Tamboure und die Hörner und Pfeifen der Bläser, dies alles ergibt einen infernalischen Lärm, gemischt mit einem dichten weißen undurchdringlichen Pulver-nebel über dem Schlachtfeld.

Gegen 13.00 Uhr wird der Hauptangriff der Franzosen durch einen halbstündigen Orkan aus neunzig Kanonen eröffnet. Das Tal zwischen La Belle Alliance und Mont –Saint–Jean verwandelt sich in eine Hölle. Doch viele Kugeln schlagen zu früh ein und rollen immer langsamer werdend den Hang hinauf. Der einige Meter steil abfallende Hinterhang des Mont–Saint–Jean und der tiefe Hohlweg, bieten den alliierten Soldaten einen wirksamen Schutz.

Inzwischen warten vier Infantriedivisionen des I. französischen Korps unter General Drouet d`Erlon, die Division der Generäle Durutte, dem unter anderem auch das 1. Bataillon Oranien–Nassau gegenübersteht, Marcognet, Donzelot und Allix Gewehr bei Fuß  auf ihren Angriffs-befehl. Um etwa 13.40 Uhr setzen sich 18.000 Mann in drei Kolonnen jeweils 150 Mann breit und 25 Reihen tief, über die fast mannshoch wogenden Roggenfeldern in Bewe-gung. Die Militärkapelle spielt den Marsch aus Lesueurs Triomphe de Trajan und die Soldaten singen dazu. Selbst auf günstigem Terrain wäre diese Gefechtsform gefährlich, bei den gegebenen Verhältnissen wirkt sie sich verheerend aus. Der französischer Infantrist beschreibt die bedrohlichen Auswirkungen: In eben jenem Augenblick erhielt das 1. Bataillon der 2. Brigade den Befehl, rechts der Straße vorzumarschieren, gefolgt vom 2., 3. und 4. Bataillon, wie auf der Parade. Wir hatten keine Zeit, uns in Angriffskolonnen zu formieren, sondern gingen einer hinter dem anderen. Die Folge war, daß die Kugeln anstatt zwei gleich acht wegfegten. Und die hinteren Reihen konnten nicht schießen, weil die vorderen im Weg waren. Auch zeigte sich bald, daß wir keine Karres bilden konnten. Daran hätte man im voraus denken sollen. Aber der Eifer, die englischen Linien zu durchstoßen und mit einem Schlag zu siegen, war zu groß. Die ganze Division marschierte in dieser Ordnung. Das 2. Bataillon folgte unmittelbar auf das erste usw. da wir links begannen, stellte ich zu meiner Freude fest, daß wir in der 25. Reihe waren. Es mußten also viele hinweggerafft werden, ehe wir vorne waren. Die zwei Divisionen rechts von uns hatten sich genauso formiert Die einzelnen Kolonnen hatten hatten je dreihundert Schritte Abstand voneinander. So stiegen wir in die Mulde hinab, trotz des Feuers der Engländer. Der Lehm, indem wir versanken, verlangsamte unsere Schritte.

Der schwere zähe Lehm  zieht vielen Infantristen die Schuhe von den Füßen. Zudem wird ein rasches und geordnetes Vorgehen durch das hochaufgwachsene Getreide er-schwert. Es kommt, was kommen muß. Die drei Kolonnen geraten in das Querfeuer der befestigten Höfe. Die mittlere Kolonne läßt sich durch das Kartätschenfeuer nicht auf-halten, dann wird sie von der Kavallerieunionsbrigade Ponsonby, die den günstigen Augenblick nutzt,  von der linken Seite angegriffen und zusammengeschlagen. Der dritte Kolonne ergeht es nicht anders. Sie wird aus nächster Nähe beschossen und vom 3. Regiment der Kavallerie-unionsbrigade Ponsonby überritten. Insgesamt werden 2.000 Franzosen gefangengenommen und etwa 3.000 Mann des Korps d`Erlon sind gefallen oder verwundet

Das Karree ist eine äußerst effektive Verteidigungsstellung, die nur durch eine Kombination von Artillerie und Kavallerie zu durchbrechen

 

Die Brigade des Prinzen Sachsen–Weimar stand bekanntlich seit dem Abend des 17.06. auf dem äußersten linken Flügel der englisch–alliierten Schlachtlinie vor den Höfen Pappelotte  und La Haye und dem Dorf Smohain. Ein französisches Bataillon geht bei dem oben-beschriebenen Angriff gegen den Hof Papelotte vor, wo es vor seiner Front eine Tiralleurlinie entwickelt. Die Franzosen drücken die nassauischen Plänkler, die bei den Arbeiterhäuschen, die dem Hof vorgelagert sind, bis in den Garten des Anwesen zurück. Hauptmann Rettberg vom 2. Regiment Nassau, dessen Kompanie die Plänkler stellt, berichtet von diesen Ereignissen: Zwischen 12 und 1 Uhr rückte eine feindliche Tirailleurlinie gegen Papelotte vor, der Prinz von Weimar schickte mich mit meiner Kompanie ihm entgegen, bald darauf besetzte eine Abteilung des Regiments Nassau–Oranien (das I. Bataillon mit Johann Jost) das Dorf Smohain und La Haye und ich setzte mich mit derselben in Verbindung. Papelotte ist zu einer nachdrücklichen Verteidigung sehr geeignet, und es gelang mir, die feindlichen Tirailleurs bis zur äußersten Hecke, an den Rand des Wiesentals, welches unsere Position von der feindlichen trennte, zurückzutreiben und einige Häuser daselbst zu besetzen. Zwischen 3 und 4 Uhr rückte die feindliche Tirailleurlinie neuerdings vor und ihr folgte als Soutien eine bedeutende Infantriekolonne; ich wurde genötigt meine Position zu verlassen und auf Papelotte, welches ich in der Zwischenzeit so viel als möglich zu einem Reduit eingerichtet hatte, zurückzugehen. Auf mein Gesuch um Verstärkung stellte Hauptmann Frensdorf die 10. und 11. Kompanie, welchen sich die Flanquerkompaniedes 2. Bataillons anschloß, unter mein Kommando. Die feindliche Kolonne, durch das Feuer aus Papelotte und den kleinen Häusern aufgehalten, wurde nun durch einen neuen raschen Bajonettangriff geworfen und bis zu der schon genannten äußeren Hecke  verfolgt; hier empfing uns eine feindliche Batterie, kaum 500 Schritt entfernt, mit Kartätschen. Obgleich unser Verlust bedeutend war (die Kompanie verlor 2 Offiziere und schmolz bis zum Ende der Schlacht auf die Hälfte der Mannschaft zusammen), versuchte der Feind doch keinen ernstlichen Angriff, sondern beschränkte sich auf ein lebhaftes Feuergefecht. Gegen 6 Uhr erschien der Feind in meiner linken Flanke, das 1. Bataillon von Nassau– Oranien stand nicht mehr mit mir in Verbindung, der Feind hatte Smohain und La Haye besetzt und rückte in Tirailleurlinien auf Papelotte vor; dieser obschon sehr lebhafte Ansturm war durch keinerlei Kolon-nen unterstützt und es bedurfte daher in meiner vorteilhaften Stel-lung keiner besonderen Anstreng-ung, den Feind aufzuhalten. Nach 7 Uhr zog sich derselbe plötzlich zurück, ohne durch mich genötigt zu sein, oder daß ich mir dieses Ereignis zunächst erklären konnte, wenn schon von Smohain und Plancenoit her ein heftiges Artillerie- und Infantriefeuer herübertönte. Meine bis la Haye vorgeschobene Tirailleurlinie wurde, durch zahl-reiche, von Kolonnen gefolgte Schützenschwärme angegriffen und aus den Hecken sogar beschossen. Indem ich mich gegen diesselben wandte, erkannte ich, daß es Preußen seien, welche sich gleich-zeitig von ihrem Irrtum überzeugten.  Hauptmann Louis Wirths, ebenfalls vom 2. Regiment Nassau, schildert seine über Rettbergs Einheit: Ich traf den Rest dieser Compagnie, welche sehr gelitten, theils an der Ferme La Haye, theils in den an dieselbe anstoßenden Gärten mit feindlichen Tirailleurs engagiert. Durch das Feuer seiner Kompanie seien die Franzosen zum Zurückzuweichen gezwungen worden, schreibt Wirths weiter und fährt fort: Ich ging mit meiner Compagnie durch das, an genannter Ferme vorbei, nach Smohain sich Hinziehende tiefe aber schmale Wiesenthal und jenseits auf das Freie Feld […] Hier operiert ich nun abwechselnd bald avancierend bald wieder zurückgedrängt , bis in einem hinter meiner Fronte parallel durchlaufenden Hohlweg wo ich mich hineinwarf und in demselben gut gedeckt, den Feind stets durch ein heftiges Feuer wieder zum Rückzug zwang, und diese Position bis zum Ende behauptet. <!–[if !vml]–><!–[endif]–>

Von Clausewitz beschreibt die Situation der Schlacht: Zu diesem Zeitpunkt fechten etwa 68.000 Mann auf der Seite der Alliierten und 45.000 Mann für Napoleon. Die französischen Soldaten waren schon sehr erschöpft, die Kavallerie in gänze im Kampf, Wellington hingegen hatte noch frische Truppen in Reserve. Der Kampf in der Mitte der Schlacht tobt so heftig, der Grad der Erschöpfung war nun so groß, daß bei einem entscheidende Stoß, der Niederstürzende nicht in der Lage wäre wieder aufzustehen. Dieser entscheidende Stoß war der Angriff der Preussen.

Zwischen 5 und 6 Uhr trifft das I. Korps Zieten ein, das von Ohain her anrückt. Daraufhin rückt die alliierten Kavalleriebrigaden Vandeleur und Vivien, die dort hinter der nassauischen Brigade steht um deren evntuell flüchtende Infantrie einzusammeln, zum Zentrum ab. Die französische Division Durutte greift mit sechs Bataillon die alliierten Stellungen Smohain, La Haye und Pappelotte zum dritten Mal an. Smohain wird genommen. In Smohain kann die I. Füssilier-kompanie des Regiments Oranien-Nassau unter Hauptmann Hartmann dem Feind nicht mehr widerstehen. Deshalb müssen zur Unterstützung nach und nach die I. Grenadier-kompanie und Teile der II. Grenadierkompanie abgestellt werden. Die Franzosen stoßen in die linke Flanke der in Papelotte stehen-den nassauischen Abteilung v. Rettberg und rücken nun gegen dessen Stellung mit einer Tirailleur-linie vor, der jedoch keine massiven Infantriekolonnen folgten.

Inzwischen haben die preussischen Truppen das Schloß Frichermont besetzt. Von dieser Brigade geht ein Bataillon im Ohaintal auf Smohain vor. Die aus Smohain und La Haye vertriebene Abteilungen des 2. Nassauischen Infantrieregiments und des Regiments Oranien–Nassau erhalten eine Atempause und können den Nordrand von Smohain halten. Die etwa um sieben Uhr bei Smohain eingreifenden Preussen stoßen auf Kompanien des II. Bataillon vom Regiment Oranien–Nassau, halten diese für Franzosen und beschießen sie. Das Mißverständnis wird nach 10 Minuten aufgeklärt. Die Verwechslung kostet jedoch einige Tote und Verwundete auf beiden Seiten. Das Eintreffen der Preussen läßt die französische Armee zusammenbrechen. Wie die Soldaten diese dramatischen Stunden erleben beschreibt der Sergant Döring: Als nun in diesem kritischen Moment die Avantgarde des Bülowschen Corps hinter unserem Rücken herunter-stieg, so wurde in der Meinung, es seien dies Franzosen, kehrt gemacht und dieselben gefeuert, bis uns von Offizieren der Preussen mit weißen Tüchern zugewunken wurde. So freudig auch diese Erscheinung jetzt war, so erfolgte jedoch jetzt der hitzigste Zeitpunkt des ganzen Tages. Von dem Getümmel und Durcheinander, dem Hurra-Ruf, dem rollenden Donner der Kanonen und Gewehre, was jetzt entstand, davon kann sich nur derjenige, wer diesem fürchterlichen Schauspiele bei-gewohnt hat, einen Begriff machen. Von menschlichem Gefühle war gar keine Rede, Verwundete und Ster-bende wurden ohne Rücksicht überfahren und ohne Schonung über sie hinwegmarschiert, waren es Freunde oder Feinde – alles gleich! Jeder dachte nur an sich selbst. Aus diesem Getümmel erinnere ich mich noch eines preußischen Landwehr Unteroffiziers, welcher an mir vorbei-irrend sich äußerste: „Wir wollen ihnen schon preußischen Tabak zu rauchen geben“, welcher aber kurz darauf getroffen zur Erde fiel – ob tot oder verwundet, das habe ich nicht gesehen.

 

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18.06-19.06.1815 Der Schrecken nach der Schlacht

 

Nach 14 Stunden Kampf, flieht Napolèon durch seine Offiziere gedrängt vom Schlachtfeld in die Nacht. Dicht auf den Fersen folgen ihm und seiner geschlagenen Armee die Preussen. Die völlig erschöpfte und ausgeblutete alliierte Armee bleibt auf dem Schlachtfeld zurück. Trotz der extrem gefährlichen Situation die Johann Jost in der vorderen Reihe der Schützenlinie erlebt hat, ist er wie durch ein Wunder und mit Gottes Hilfe ohne Verletzung aus der Schlacht heraus-gekommen. …und als diese Schlacht geendigt war und wir den Sieg von Gott erhalten, das war um vier Uhr (Gemeint ist wohl das Eintreffen der Preußen. Die Zeitangaben der Soldaten sind häufig ungenau oder falsch), wo wir die niederländische Musik Gottes Loblied erschallen hörten, berichtet Johann Jost erleichtert

Die in den Smohain eintreffenden Preussen Smohain werden Johann Jost und seine Kameraden des I. Bataillon Oranien-Nassau stürmisch begrüßt.

Allerdings hat er auch Glück gehabt, denn an der linke Flanke Wellingtons, wo Johann Jost eingesetzt war, wurde wesentlich weniger gekämpft als im mittleren Bereich oder auf der rechten Flanke. Außerdem war der Vorstoß der Preussen auf der linken Seite entscheidend für den Ausgang der Schlacht. Dies heißt allerdings nicht, daß es ein leichtes Spiel war die Angriffe der Franzosen abzuwehren. Auf dem 1865 in Wiesbaden errichteten Waterloodenkmal stehen unter anderem die Namen von drei Offizieren und zehn Unteroffizieren und Gemeinen des Regiments Oranien–Nassau. Insgesamt sind in der Zeit vom 15.–18.06.1815 85 Offiziere und 4.773 Unteroffiziere und Gemeine der holländisch, bel-gisch, nassauischen Truppenteile gefallen oder verwundet worden. Insgesamt sterben in der Zeit vom 15.-19.06. auf Seite der Franzosen 64.602 Mann, davon bei Waterloo und auf dem Rückzug 43.656 Mann, die Preussen verlieren 40.237 Soldaten, davon 6.998 bei Waterloo und die Alliierten 22.851 Soldaten. Insgesamt verlieren in den vier Tagen etwa 128.000 Menschen ihr Leben.

Das Schlachtfeld bietet ein unvor-stellbar grausames Bild. Es ist mit Toten und Sterbenden bedeckt. Auf einer Fläche von etwa sieben Quadratkilometern liegen nahezu 45.000 Tote und Verwundete.

Der Kampfplatz bietet nach der Schlacht ein Bild des Grauens. Noch Tage nach der Schlacht liegen Verwundete unversorgt auf dem Feld

Zum Vergleich: Das Herzogtum Nassau hat zu diesem Zeit knapp 300.000 Einwohner. Die Stadt Wiesbaden mit ihren rund 4.000 Personen wäre mehr als zehnmal ausgelöscht worden.

Sergant Döring schildert in bewegenden Worten das Ende dieses fürchterlichen Tages: Als die Schlacht beendigt und gewonnen war, welches wir doch lediglich der Hilfe der Preußen zu verdanken hatten, da es unsere Armee schwerlich mehr lange hätte aus-halten können, übernahm General Gneisenau mit den Preußen die Ver-folgung der Franzosen, und wir kampierten des Nachts neben dem Schlachtfelde, und zufällig unser Bataillon auf dem Zentrum der Schlachtlinie unter Toten und Verwundeten, welche auf diesem Gelände stellenweise drei bis vier Schuh hoch über- und untereinander lagen. An Essen und Trinken, obgleich auch kein Vorrat vorhanden war, wurde nicht gedacht. Ein jeder warf sich mit Sack und Pack, sein Gewehr im Arme, durcheinander auf die Erde.

Die Zentren der Kampfhandlungen sind durch die Anhäufung der Opfer markiert. Um den Gutshof Hougomont, wo rund 4.500 Tote und Ver-wundete die Gräben füllen, bietet sich ein grausiger Anblick. Nicht weniger schrecklich sieht es an den Stellen aus, an denen Karrees durch Artilleriebeschuß oder durch Kaval-lerieattacken zerschmettert wurden. Das  27th  Regiment der englischen Truppen liegt buchstäblich tot im Karree.

Die wohl erschütterndste Schilder-ung der Qualen, die in der Nacht vom 18. zum 19. Juni auf dem Schlachtfeld erlitten wurden, hat der englische Artilleriehauptmann Mercer gegeben, der mit dem Rest seiner Batterie an der Stelle, an der er am Tage gekämpft hatte, erschöpft und übermüdet nachts zu ruhen versuchte. Mercer, der keinen Schlaf finden konnte, wanderte über das von einem bleichen Mondlicht beschiene Feld des Grauens und faßte seine Empfindungen in diese Worte: Hier und dort saß ein armseliger Bursche aufrecht inmitten der zahlosen Toten, selber angestrengt damit beschäftigt, den Blutstrom zu stillen, mit dem sein Leben schon fast weggenommen war. Manche, die ich in der Nacht so gesehen habe, waren beim Morgengrauen so steif und still, wie die schon vor ihnen davongegangen. Von Zeit zu Zeit erhob sich eine Figur halb vom Boden, um dann wieder mit einem verzweifelten Stöhnen wieder zurückzufallen. Andere wiederum versuchten langsam aufzustehen, um hilfesuchend über das Schlachtfeld zu wandern. Besonders schrecklich war der Anblick der zahlreichen getöteten und verwundeten Pferde, die unser Mitleid hervorriefen, sanft, geduldig, duldend. Einige lagen am Boden mit heraushängenden Eingeweiden und doch lebten sie noch. Diese Tiere wollten gelegentlich versuchen aufzustehen, aber wie ihre menschlichen Bettgenossen, fielen sie rasch zurück, wollten ihre armen Köpfe hochheben und – während sie einen sehnsüchtigen Blick zur Seite warfen – lagen sie wieder still da, um das gleiche so lange zu wiederholen, bis die Kraft nicht mehr vorhanden war und dann, ihre Augen sanft geschlossen, nach einem kurzen krampfartigen Zucken, ihre Leiden beendeten. Ein armes Tier erregte mein schmerzliches Interesse- es hatte, wie ich annahm beide Hinterbeine verloren und so saß es die lange Nacht hindurch auf seinem Hinterteil, Ausschau haltend, als sei es in Erwartung kommender Hilfe. Von Zeit zu Zeit stieß es ein langes und hingezogenes Wiehern aus. Obwohl ich wußte, daß ein sofortiges Töten etwas Dankenswertes sei, konnte ich doch nicht gleich den Mut aufbringen, dazu den Befehl geben. Blutvergießen hatte ich in den letzten 36 Stunden genug gesehen und war krank bei dem Gedanken, noch mehr davon zu vergießen. Dieses Pferd saß noch dort, als wir unseren Platz nach verbrachter Nacht räumten – es sah aus, als ob es uns Vorwürfe machte, weil wir es in der Stunde der Not verließ. Mehr als 11.000 Pferde liegen tot auf dem Schlachtfeld. Leutnant Georg Wilhelm Müller berichtet: Unter den Toten und Sterbenden brachten wir die Nacht auf dem Schlachtfeld zu, und der Anblick am folgenden Morgen war der schrecklichste, den man wohl je in dieser Art gesehen hat oder sehen kann. In der ganzen Ausdehnung, wo wir und wo die Feinde gestanden haben, konnte man keinen Schritt tun, ohne verstümmelte Leichen und abgerissenen Armen und Beinen, Sterbenden und schwer Verwun-deten aus dem Wege gehen zu müssen. Das Schlachtfeld am Mittag vorher mit reichen Kornfeldern bedeckt, bot jetzt den umher-schweifenden Augen nichts als eine weite augedehnte Kotmasse, wo alles, was eine Armee an Ausrüst-ung an lebendigen und toten Dingen bedarf, in gräßlichster Zerstörung übereinander lag – und dies Stunden weit! Ich mag diese Beschreibung nicht fortsetzen; mich hat dieser Anblick mit dem entsetzlichsten Abscheu gegen alle Menschen erfüllt, die ohne begründete Ursache solches Unglück verursachen können.  Über das Schlachtfeld huschen in der Nacht die Menschen aus den umliegenden Dörfern und plündern die Toten und Verletzten aus, bis diese nackt und bleich da liegen. In den meisten Fällen ist nicht Habgier sondern reine Not der Antrieb der Menschen. Die umliegenden Dörfer sind durch den Kampf und die vorherigen Plünderungen völlig zerstört. Die kleine Stadt Plancenoit steht in Flammen. Die Felder die mit ihrem mannshohen Getreide die Ernte versprochen haben, sind niergestampft oder verbrannt. In Zeiten in denen das Wort „sozial“ noch nicht einmal erfunden ist, sind die Menschen gezwungen, für sie abstoßende Dinge zu tun um nicht zu verhungern. Doch es gibt auch professionelle Plünderer und Leichenfledderer, die ihr Tun als ein reguläres Handwerk verstehen und die sogar noch die Zähne aus den Mündern der Toten und Sterbenden brechen. Alles kann man gebrauchen. Waffen, Geld, Pferdeleiber, ganze Wagenladungen werden diese Nacht vom Schlachtfeld gerollt. Der einfache Soldat Peter Henninger aus Schloßborn bei Usingen, wird bei dem Versuch verletzt, einen Hauptmann zu retten. Französische Kürassiere stechen ihm einen Säbel in die rechte Seite, während er und ein Kamerad den Hauptmann stützen. In welchem Zustand er sich befindet, kann nur der sich einen Begriff machen, der selbst mit kreuz und quer gehauenem Tschako und blutverklebt im Gras gelegen hat, schreibt er. Wenn er mal aus seiner Bewußtlosigkeit aufwacht, hört er das Jammern und Stöhnen von tausend und tausend Verwundeten und Sterbenden in allen Mundarten der verschiedenen Nationalitäten, die das Schlachtfeld mit ihrem Blute getränkt hatten. Zwei Männer, die er für Elsässer hält, kommen und wollen ihn zwei Tage nach der Schlacht ausplündern. Sie fragen mich, Kamerad, bist du Deutscher? Hast Du auch Geld? In dieser Lage gibt er zu acht spanische Thaler in seiner Kleidung eingenäht zu haben. Die Franzosen haben Mitleid und lassen ihn unbehelligt. Sie geben ihm sogar noch einen Trunk. Aber es gibt nicht nur Plünderer. In den Tagen nach dem Kampf, hilft die Bevölkerung aus Brüssel aufopfernd den Verletzten. Kurz hernach, also den 19.Juni früh, brach unsere ganze Armee auf. Wir schlugen die andere Chaussee über Namur usw. ein. Hier will ich noch bemerken, daß, als wir an den letzten Gebäuden neben Waterloo vorbeikamen, vor einer Scheune viele abgenommene Beine und Arme, teilweise sogar noch mit Uniformstücken, lagen, und die Chirurgen mit angewickelten Armen gleich Metzgern noch in voller Tätigkeit waren. Man glaubte, ein Schlachthaus vor sich zu haben. Dies schreibt mit ungläubigem Schrecken Sergant Döring. Die Scheune die er beschreibt, gehört zu dem Gehöft Mont Saint-Jean, von deren schmutzigen Wände die Schreie der im Eilverfahren Ope-rierten hallt. Die Operationen und Amputationen finden unter fürchter-lichsten Bedingungen statt. Es gibt noch keine spezielle Anästhesie und Analgesie (Schmerzbekämpfung), denn die speziellen Narkotika sind noch unbekannt. Lediglich etwas Alkohol wird den Verwundeten gegeben. Auch Maßnahmen wie Kompression der Halsschlagader oder kurzzeitiges Aufhängen verschafft den Patienten etwas „Erleichterung“. Die gebräuchlichste Methode der Chirurgen zu dieser Zeit besteht darin, die zu behandelnden Verwundeten festzubinden oder festzuhalten und sie während der Behandlung auf ein Stück Leder oder Holz beißen zu lassen. Patienten  die sich zu sehr gebärden werden mit einem Holz-hammer oder durch einen Kinnhaken ruhiggestellt. Die Tüchtigkeit eines Chirurgen wird nicht an der Qualität seiner Arbeit gemessen, sondern an seiner Schnelligkeit, zum Beispiel eine Amputation in weniger als einer halben Minute durchführen können. Die schlimmsten Leiden stellten sich jedoch, durch die ständige Verwendung der selben blutigen und im Laufe der Behand-lungen immer schmutzigeren Instru-mente, häufig erst nachher ein, denn Antisepsis war ebenfalls noch unbekannt. Tagelang sind die Ärzte am operieren. Der Strom der Verwundeten nimmt kein Ende. Der Arzt Dr. Charles Bell der aus London auf das Schlachtfeld geeilt ist um zu helfen, berichtet später: Nachdem ich fünf Tage beschäftigt gewesen war, fand ich noch immer die entsetzlichsten Wunden, die völlig unversorgt waren. Selbst dann brachten sie noch die armen Kreaturen aus den Wäldern. Morgens um sechs Uhr nahm ich das Messer zur Hand und arbeitete unablässig bis gegen sieben Uhr abends. Und ebenso die nächsten Tage. Während ich einem Mann den Schenkel amputierte, lagen zur selben Zeit dreizehn andere da, die mich alle beschworen, sie als nächste zu nehmen.

Die erschütternden Berichte haben die grausamen Qualen, den Schrecken und die unvorstellbaren Strapazen in einer unmenschlichen Schlacht, bis in unsere Zeit konserviert.

Das Beerdigen der tausenden von Toten ist neben der schrecklichen Arbeit, ein logistisches Problem. Massengräber werden ausgehoben in die Mensch und Tier hineingeworfen wurden. Der ungelöschte Kalk, der über die Leichen gestreut wird, dient zur schnelleren Zer-setzung. Bis zu viertausend Mann und ebensoviele Pferde liegen in den Gräbern. Unzählige kleinere Grabhügel, in denen ein oder zwei Männer beerdigt werden, liegen verstreut über das gesamte Schlachtfeld. Der Gestank ist unerträglich. Es ist allerdings unmöglich alle Soldaten zu beerdigen. Die Gefahr von Seuchen und einer Grundwasserverschmutzung wird einfach zu groß. Deshalb schichtet man an der Brüsseler Chaussee zwischen Belle Alliance und Le Caillou, einen riesigen Scheiterhaufen aus Menschen und Pferdeleichen auf. Mit dem Einverständnis der katholischen Kirche wird zwei Wochen nach der Schlacht mit der Verbrennung begonnen. Acht Tage lang brennt das Feuer und das durch die große Hitze ausgetretene Fett fließt in einem breiten, zähen Strom über die Brüsseler Chaussee und macht sie unpassierbar. 

Das Chaos während und nach der Schlacht war zu groß, so das viele Familien nie erfuhren wo der Sohn oder Mann geblieben war. Analpha-betismus und die Probleme der Soldaten die Ereignisse und Orte richtig wiederzugeben trugen das Ihrige dazu bei. Die Leiden der Überlebenden sind aber noch nicht vorbei. Das französische Heer ist geschlagen, jetzt muß Napoleon endgültig vernichtet werden.

 

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Die Kapitulation Frankreichs und die Zeit danach

 

 

19.06. – 01.07.1815 Die Verfolgung der französischen Armee bis Paris

 

Nach dieser unheimlichen Nacht, sind die Soldaten des I. Bataillon noch immer zutiefst erschöpft. Doch die Befehle sind eindeutig. Die Verfolgung der Reste das französischen Heeres muß schnell erfolgen. Die Preussen sind schon vorausgeeilt und den Franzosen auf den Fersen. Am frühen Morgen muß Napolèon seine Kutsche in Genappe zurücklassen. Die Straße ist mit einer zurückflutenden Masse aus Soldaten, Pferden, Wagen mit Verletzten, Marketender, völlig verstopft. Schnell muß Napolèon auf ein Pferd springen, denn nur wenige Minuten nachdem er seine Kutsche verlassen hat, fallen preußische Soldaten darüber her. Bei der Plünderung fällt ihnen die napol-eonische Kriegskasse, der Degen und sein Hut in die Hände. Die Preußen sind in einem Blutrausch. Jeder Franzose, der vor ihnen nicht fliehen kann, wird erbarmunglos niedergemacht.

Die Nacht hat Johann Jost und seine Kameraden also auf oder direkt neben dem Schlachtfeld verbracht. Der nächste Morgen zeigt ihnen das ganze erschütternde Ausmaß der Schlacht. Und Johann Jost berichtet in den bewegendsten Zeilen seines Berichtes: Wir begaben uns des Abends ins Lager bis den 19.Juni 1815 und als wir dann über das blutige Schlachtfeld hin eilten nach dem Feind zu und wir die gemein-sten Leiden sahen, da hieß es: Dem fehlt ein Arm, dem fehlt ein Bein, dem ist der Kopf zerspalten, der liegt zerstümmelt auf der Erde, er wird getreten von den Pferden, möchte von der Welt gern scheiden und muß noch viel leiden. Es ist zu spüren wie sich das Grausen tief in seine Erinnerung eingegraben hat. Doch es bleibt keine Zeit um weiter darüber nachzudenken, ganz ausge-schlossen ist es den Verletzten und Sterbenden zu helfen. In großer Eile wird über das Schlachtfeld marschiert, auf der Straße nach Charleroi zu.

Hier werden die Truppen gesammelt. Auf den Straßen herrscht immer noch Chaos. Die erschöpften Soldaten der alliierten Armee behindern sich gegenseitig. Die Nerven liegen blank. Ein britischer Hauptmann der Troop Royal Horse Artillery  berichtet von Auseinan-dersetzungen mit nassauischen Sol-daten, bei denen diese sogar Bajonette gegen die Pferde der Engländer einsetzen. Nur den nassau-ischen und englischen Offizieren ist es zu verdanken, daß nicht mehr passiert. Auch der Sergant Döring berichtet von den Strapazen des Marsches auf Paris zu: Schon frühzeitig wurde es sehr heiß, und die Straße war durch frühere sehr starke Regenwetter schroff und holprig geworden. Ich habe an diesen Tagen gesehen, daß viele der Soldaten aus Mattigkeit hinsanken und starben. Es durfte indessen nur wenig gerastet werden und keiner zurückbleiben, zumal den Brabandern viel weniger als den Franzosen getraut wurde. Was das Marschieren noch sehr erschwerte, war der Umstand, daß die Kavallerie, Artillerie, Munitionswagen, Ambulanzen usw. die Mitte der Straße einnahmen und die Infantrie auf beiden Seiten derselben mar-schieren mußten. 19 Stunden ohne Pause muß marschiert werden, berichtet er weiter. Ab da wo beide Heerstraßen vor Paris zusam-menstoßen und die Preußen vor dem alliierten Heer sind, sind die Dörfer wie ausgestorben. Anfang Juli kommt Johann Jost mit seinen Kameraden bei Monte Matre an

Mont Martre lag zur Zeit Johann Josts vor den Toren der Stadt Paris. Montmorency ist ein Vorort nördlich von Paris

Dort beziehen sie Ihr Lager. Am 01. Juli 1815 kapituliert Paris. Die Versorgung ist schlecht und die Soldaten müssen noch viel Not erleiden. Hunger, Enkräftung und Typhus fordern immer wieder ihre Opfer. Die Soldaten übernachten im freien. Nachdem die Situation sich entspannt hat, werden die Soldaten auf die Ortschaften verteilt und die Zustände bessern sich. Bis Ende November liegen die Truppen bei Paris.

Das Biwak vor Paris sind einfach Strohütten, wie sie hier auf einen Stich Ende des 18. Jahhunderts abgebildet sind. Viele Soldaten erkranken und nicht wenige davon sterben während der Stationierung bei Paris

 

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01.07. – 01.12.1815 Nach der Kapitualtion

 

Die siegreichen Mächte erhalten aus dem Friedenstvertrag, der am 25.11.1815 geschlossen wird, eine Kontributionszahlung. Davon erhält der gemeine nassauische Soldat 61 Franc und 60 Centimes. Ein General erhält 30.589 Franc, ein Unteroffizier 461 Franc und 60 Centimes.

Kurz vor dem Friedensschluß steht die Räumung der besetzten Gebiete bevor. Das 2. Infantrieregiment Nassau erhält am 09. November den Befehl in die 2. Division der niederländischen Armee einzu-rücken. Ersetzt werden soll das 2. Infantrieregiment wiederum durch das Regiment Oranien–Nassau, das als 2. Brigade in die nassauische Division eintritt. Es findet also ein Truppentausch statt.

<!–[if !vml]–>Nun wirkt sich der am 31.Mai 1815 geschlossene Staatsvertrag zwisch-en Oranien–Nassau und Preußen aus. Die Oranier hatten die Königswürde der Niederlande erlangt und im Tausch für ihre deutschen Erblande Luxemburg als Großherzogtum erhalten. Es wurde ein Zusatzabkommen zwischen Nassau und Preußen über den Austausch von Gebieten abgeschlossen, der auf Betreiben Nassaus in die Wienerkongreßakte kam. Zwischen Preußen und Nassau werden Gebiete mit insgesamt 186.000 Menschen getauscht. Für Preußen ein Glücksfall. Erhält man doch die begehrte Festung Ehrenbreitstein bei Koblenz, die in späteren Jahren zur stärksten Festung Europas ausgebaut werden soll. Doch auch Nassau erhält am 17.11.1816, nach Abtretungsverhandlungen Preußens mit Hessen-Kassel, die seit Jahrhunderten umstrittene Niedergrafschaft Katzenelnbogen. Dieser Vertrag hat nun auch, mit einiger Verzögerung, für Johann Jost eine entscheidende Auswirkung. Durch dieses Zusatzabkommen hat Nassau neben den Fürstentümern Haddamar und Diez, auch das Fürstentum Dillenburg mit Beilstein erhalten. So kommt das Fürstentum, welches 1806 bei der Gründung des Rheinbundes an das Großherzogtum Berg abgegeben werden mußte, wieder nach Nassau. Dies bedeutet für die Regimenter in Frankreich ein Tausch der Soldaten. Sind doch die Unteroffiziere und Gemeine, deren Heimatort nun preußisch geworden ist, sofort an ihren neuen Souverän abzugeben. So schnell ändert sich in dieser Zeit eben die Staatszugehörigkeit. Was nicht so schnell zu ändern ist, ist die Uniform die die Soldaten noch tragen.Der Abmarsch des in niederländischem Sold stehenden 2. Infantrieregiments Nassau verzögert sich, denn die Lücken müssen aufgefüllt werden, um die vertraglich festgelegte Stärke wieder zu erlangen. Deshalb wird am 28. November 1815 bei Montmorency eine Tauschaktion durchgeführt. Aus dem zum Rückmarsch in die Heimat bestimmte Regiment sollen so viele Unteroffiziere und Gemeine zu dem 2. Infantrieregiment Nassau versetzt werden, wie dieses an Preußen abzugeben hat. Die frisch-gebackenen Preußen kommen ihrerseits vorübergehend zum Regiment Nassau–Oranien, dessen Auflösung nach Rückkehr in die Heimat beschlossen ist. Diese Männer haben also ein gutes Los gezogen. Insgesamt wechseln nach einer Liste des Obristen Dressel vom 25. Dezember 1815, 574 Unteroffiziere und Gemeine des Regiments Oranien-Nassau in das 2. Infantrieregiment. Unter ihnen ist auch Johann Jost. Da die Oranier blau und nicht wie das nassauische Regiment grün uniformiert ist, muß die Bekleidung getauscht werden, was auf freiem Feld vor sich geht. Über diese Episode berichtet uns ein letztes mal Sergant Döring (er bleibt beim Regiment Oranien–Nassau): Ehe wir nun nach Deutschland und das zweite Regiment nach Holland aufbrachen, mußten[…] mit den Nassauern in umgekehrter Weise die Uniformen getauscht werden. Diese geschah im Dezember 1815 bei einem Orte vor Paris […] auf einer bereits mit dünnem Schnee bedeckte Anhöhe. Bei diesem Umtauschen der Uniformen ergab sich nun, daß unsere Grenadiere größer waren als diejenigen der Nassauer, welche unter Hauptmann Schmidt seiner Kompanie standen, und daß diesen Ihre Beinkleider zu kurz, die Röcke zu eng und die Kolbags (Kolpak, Kalpak = Pelzmütze) zu klein somit ganz unpassend waren. Hierüber entstand nun bei unseren Leuten ein allgemeines Gelächter, daß Haupt-mann Schmidt hierüber äußerst entrüstet wurde und seinen Grimm nicht verbergen konnte. <!–[endif]–>

 

 

 

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01.12.1815 – 19.08.1820 Die Stationierung in den Niederlande und das Ende der Militärzeit

 

Am 01.Dezember 1815 geht es dann endlich für das 2. Infantrieregiment Nassau nach Bergen op Zoom los. Dort erhält Johann Jost mit seinen Kameraden am 23.12.1815 die Waterloo Medaille .

Er hat mit genauem Datum festgehalten wo das Regiment wann und wie lange in den nächsten Jahren liegt. Unter anderem kehrt er zwischen November 1816 und Oktober 1818 für fast zwei Jahre noch einmal in die Nähe des Schlachtfeldes von 1815 zurück, nämlich nach Namur. Der Soldaten-alltag, mit Diensten, Übungen, Märschen und exerzieren ist längst wieder eingekehrt. Jeder einzelne ist froh heil davongekommen zu sein. Wie zu dieser Zeit der einfache Soldat seine Erlebnisse verarbeitet ist schwer einzuschätzen. Sicher werden die schrecklichen Erlebnisse aus der Schlacht zu Geschichten und Anekdoten, in denen die Ge-fahren und die Heldentaten des Erzählenden immer größer werden. Nach sechs Jahren und sieben Monaten, am 19.August 1820, ist die Dienstzeit Johann Josts vorbei. Nach dem Rückmarsch in die Heimat legt er in Wiesbaden die scharfen Waffen nieder.  Freiwillig hatte er sich bereit erklärt, sechs Monate länger zu dienen bis das nassauische Infantrieregiment aus den Nieder-lande in die Heimat zurückkehrte. Was wird ihn Zuhause erwarten. Während der Wanderung der Heimat zu, wird die Ungeduld die Lieben wiederzusehen immer größer. Doch bei seiner Ankunft muß er feststellen, daß seine geliebten Eltern während seiner Militärzeit gestorben sind. Das Herz ward mir so dicke, als wollte es zerspringen, so schreibt er. Was soll nun werden? Einen Beruf hat er nicht erlernt. Nur mit dem was er in der Jugend vom Vater gelernt hat, tritt er sein Erbe an und in den Stand als drecklichter Bauer. Die Arbeit als Bauer und das zivile Leben ist ungewohnt, alles ist gänzlich anders als in der ausschließlich männlichen Gemeinschaft, die nach den klaren Regeln des Militärs lebte. Doch der Hof und die Äcker gehören nun ihm und so geht er getrost an die Arbeit und nimmt sein Schicksal an. Sein Teilnahme an dem Waterloofeldzug läßt ihn wahrscheinlich zu einem geachteten Mitglied im Dorf werden. So ist es nicht verwunderlich, wenn Johann Jost schon kurz nach seiner Rückkehr am 23. Februar 1821 Anna Katharina Schmidt aus Hirzenhain heiratet. Und nach der Geburt des Stammhalters im Dezember 1821 ist er ruhig und getrost. Er wird wohl ein demütiger und gottesfürchtiger Mann gewesen sein, der Johann Jost Holighaus. Seinem Lebenslauf, der 1837 oder danach entstanden sein muß, hat er zum Schluß ein schönes und melancholisches Gebet oder Kirchenlied beigefügt, das deutlich macht mit welchem Glauben Johann Jost seine Erlebnisse in Brabant und die Zeit danach überstanden hat. Vielleicht weisen diese Zeilen auf das Bedürfnis und auf den Grund der Niederschrift hin:

 

Wenn Gott uns schickt Gebrechen

Es ist nicht bös gemeint

Es kann die Seel nicht schwächen

Die oft gesünder scheint

Und leuchtet in kranken Tagen

Als wär nichts Mühe zu klagen

Ich rühme meines Zustands nicht

Ich merke wohl was mir gebricht

Ich klag mich selbst voll Wehmut an

Ich weint und ruf so laut ich kann:

Ach, lieber Herr, ich glaube gern

Ach sei mir Schwachen so fern.

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