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Erinnerungen eines Bergmanns

Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Herrn Martin Storz

Auszug aus den Erinnerungen meines Großvaters August Habicht, Ende des 19. Jahrhunderts

Schon in den ersten Tagen April 1883 ging ich mit meinem Kameraden Gustav Stoll auf eine Grube nahe am Dorfe Eisenstein klopfen. Von 7-10 arbeiteten wir dort und um 11 mußten wir schon in Dillenburg in der Kofirmantenstunde sein. Ich hatte etwas Geschick zu dieser Arbeit, Gustav aber gar nicht. Zum Gustav sagte dann auch ein alter Bergmann, der auch dort Steine klopfte.“Jong dau geist seilebe kan Berkmann“. Aber Gustav brachte es im Leben mit nur noch 5 anderen im ganzen Deutschen Reich zum staatlichen Bergamtmann. Er war der „Älteste unter 5 Geschwistern und war ein sehr begabter Junge. Der Vater war schon früh gestorben, und die Mutter mit ihren 5 Kindern lebte in bitterer Armut. Gustav kam auf nur kurze Zeit an das Landratsamt und dann zur Berginspektion Dillenburg als Schreiber. Der damalige Leiter der Berginspektion interessierte sich bald für ihn, und half ihm zum Besuche der Bergschule. Er hatte sich so entwickelt, daß es ihm gelang mit eigener Kraft ein Salinenwerk in Bleicherode nach seinen selbst entworfenen Plänen aufzubauen. Gustavs 1 Jahr jüngerer Bruder hatte Schmied gelernt und mußte die ganze Familie mit schwerer Arbeit allein ernähren. Auch dieser fing mit dem Alter von 26 Jahren noch an sein Leben ganz selbständig umzugestalten. Er besuchte noch eine Maschinenbauschule und hat später selbständig Seilbahnen gebaut, sowohl im Inland, wie im Ausland. Auf diesen Heinrich Stoll, mit dem sich auch mein Leben später in treuer Kameradschaft verband, komme ich im Nachfolgenden noch zu sprechen. Ich erwähne hier diese beiden Beispiele nur, um meinen Nachkommen zu illustrieren, wie der Mensch, selbst aus den ärmsten Verhältnissen heraus, mit Energie und Fleiß es im Leben zu etwas bringen kann.

Wie schon angedeutet mußten wir nach Dillenburg zum Konfirmandenunterricht gehen und wurden dort am 5.Mai 1883 konfirmiert. Aus diesem Anlaß ging mein Vater in der Woche vorher mit mir nach Dillenburg, um den Konfirmationsanzug zu kaufen. Der dunkle Anzug bestand aus Jaket, Weste und Hose, und dazu eine Schirmmütze und ein dunkles Halstüchle. Das kostete damals zusammen nur ca 50.-Mk. Das war an den heutigen Preisen gemessen gewiß nicht viel, aber an dem Verdienst meines Vaters von vielleicht 60-65 MK doch ungeheuer viel, und mußte in Ratenzahlungen abgetragen werden. Auch ein Paar Sonntagsschuhe, die ersten in meinem Leben, wurden noch gekauft. Auf diese Ausstattung war ich sehr stolz. Zur Konfirmation in der Kirche zu Dillenburg ging nur mein Vater mit, denn die Mutter mußte ja bei meinem 1/2 Jahre alten Schwesterchen bleiben. Zu Mittag gab es dann zu Hause zur Feier des Tages ein besonders schönes Mittagessen und nachmittags Kaffee und Kuchen damit war die Konfirmation gehalten.

Auf meine Einstellung auf Grube Beilstein als Aufbereiter mußte ich warten bis zum 6.Juni 1883. Ich verdiente dann den ganzen Monat Juni noch 12,40 MK. Das war an den heutigen Verdienstmöglichkeiten gemessen gewiß nicht viel, aber ich war stolz darauf und meine Mutter war froh, als ich ihr 4 blanke Thaler übergeben konnte. Bis dahin hatte ich auch nie einen anderen Gedanken gehabt als Bergmann zu werden wie mein Vater. Ich war mir ja auch bewußt, da wir arme Leute waren, und daß es für mich gar nichts Anderes geben konnte, als Geld zu verdienen und meinen Eltern zu helfen. Eine Möglichkeit einen anderen Beruf zu ergreifen, oder gar eine bessere Schule zu besuchen, kam gar nicht in Frage. Die Arbeit auf der Halde war recht schwer, sie bestand aus Schaufeln, Karren fahren und Eisenstein klopfen und reinigen. Ich war damals noch verhältnismäßig klein und schwach, aber immer von einiger Ausdauer. Der Arbeitsanzug war recht dürftig. Er bestand aus Hose und Jaket aus blauem so genanntem eisenfesten Stoff. Die Arbeit wickelte sich im Freien ab. Bei Regen und Schnee hing man sich einen alten Sack über die Schulter und Rücken. Einen Mantel oder gar wasserdichten Anzug gab es nicht. Mein Vater verdiente damals nur ca.60.- bis 70.-Mk. im Monat und ich brachte es im Laufe der Zeit auf 30-35 Mk. Das reichte natürlich nicht für unsere Familie. Unsere kleine Landwirtschaft, aus der wir wohl für 5-6 Monate unser Brot zogen, brachte Bargeld nicht ein. Im Gegenteil, dieselbe war bei der damaligen Huflewirtschaft(?) unrentabel und verlangte nicht unerhebliche Zuschüsse. Ich glaubte mehr verdienen zu müssen und zu können, und ging im Herbst 1884 zu der Firma  „Burger Eisenwerk“ auf die Grube „Auguststollen“ als Aufbereiter mit meinem 2 Jahre älteren Freund Peter Thomas. Das war ein Weg von über 1 1/2 Stunde über zwei Berge, die immer bei dunkler Nacht hin und zurück zu laufen waren, denn bei Tagesgrauen war man dort und bei eintretender Dämmerung war Feierabend. In der Woche vor Weihnachten wurde mein Kamerad Peter krank. Am zweiten Weihnachtsabend erreichte mich inmitten einer frohen Gesellschaft die Nachricht, daß mein Freund Peter gestorben war. Tief erschüttert und weinend ging ich nach Hause und spürte zum erstenmal in meinem Leben, wie bitter weh es tun kann einen guten Freund für immer zu verlieren. Eine Lungenentzündung hatte meinen guten, in Gesundheit strotzenden Kameraden, in nur wenigen Tagen dahingerafft. Es war mir dann auch nicht mehr möglich allein unseren seither gemeinschaftlichen Arbeitsplatz auf dem Auguststollen weiter zu besuchen. Am 1.Januar 1885 wurde ich auf Grube Beilstein wieder aufgenommen. Mit Vollendung des 16.Lebensjahrer wurde ich als Schlepper für Untertage vorgemerkt. Im Monat April 1885 stürtzte ein schon verheirateter Fördermann aus Weissenbach, in ein 30 mtr tiefes Absinken und war sofort tot. Dadurch wurde eine Fördermannstelle frei und ich bekam den Bescheid am selben Abend auf Nachtschicht einzufahren. Mein Vater der gerade Nachtschicht hatte mußte mich mit in die Grube nehmen, und mir meinen Arbeitsplatz zeigen. Ich mußte auf demselben Absinken in das der Schlepper des Mittags abgestürzt war einen Handventilator drehen, den auf der 30 mtr tieferen Sohle arbeiteten Hauern frische Luft zuführen sollte. Ich habe wohl in dieser Nacht mehr den Ventilator gedreht als notwendig gewesen wäre. Denn vor mir war das dunkle Loch, in das vor wenigen Stunden der Fördermann gestürzt war, und um mich herum, bei einer spärlichen Rüböllampe, dunkle Nacht, und nirgends eine Menschenseele. So war denn das Rattern meines Ventilators die beste Ablenkung vor einem stillen Grauen. Mein Peter wird sagen: Da hat aber der Großvater Angst gehabt! Aber wie wird sich mein Peter in dieser Situation benommen haben? Nach einigen Wochen wurde ich schon in die eigentliche Förderkolonne eingeteilt. Das waren die Schlepper die mittels Förderwagen aus den verschiedenen Abbaustollen den Eisenstein holten und zum Hauptförderschacht brachten. Das waren alles junge kräftige Burschen von 17 – 19 Jahren. Auch wurden diese Schlepper damit beschäftigt aus dem Absinken zur nächsten tieferen Sohle das gewonnene Material mittels Handhaspel herauszuholen. Die letztere Arbeit, die in Gedingen ausgeführt wurde, habe ich um mehr Geld zu verdienen ein ganzes Jahr lang gemacht. Da mußten jede Schicht 20 Wagen a 4 Kübel gefüllt werden. das war eine sehr schwere, alle nur vorhandenen Kräfte beanspruchende Arbeit. Mit 19 Jahren nahm mich mein Vater mit ins Gedinge als Lehrhauer vor eine Feldortstrecke im Tiefbau. Hier lernte ich das Handbohren, gleichzeitig aber auch nochmals eine aus früheren Zeiten übernommene Karrenförderung. Da ja in der neuen Tiefbaufeldortstrecke noch keine Wagenförderung auf Schienengeleise bestand, mußte der mittels Sprengung gebrochene Eisenstein mit Karren zum Füllort gebracht werden. Hierzu dienten zwei Holzkarren, 2 Fülltröge und zwei Kratzen. Zwei Mann zerkleinerten die starken Brocken und füllten den Karren. Der Dritte, das war ich, war mit einer starken Ledergurte bewaffnet. Sobald der Karren befüllt war, nahm ich die Gurte über den gebückten Rücken, stülpte die beiden Gurtenden über die Karrenbäume, hob den Karren mit dem Kreuz hoch, stützte die Hände auf den Karren und fort gings, mit der Öllampe vorn am Karren, zum Füllort. Wenn ich mit dem leeren Karren zurückkam war der zweite Karren gefüllt. So ging es weiter solange wie noch Material vor Ort lag. Am ersten Tag merkte ich schon ein Stechen im Kreuze, ein Zeichen, daß durch den Druck des Riemens, der nicht richtig aufgelegen hat, und den Schweiß, die Haut weg war. Das war dann noch zu ertragen. Aber der Anfang der nächsten Schicht war schlimm. Schon beim ersten Karren rissen die Schorfe auf dem wunden Rücken wieder auf, und das war ein fürchterlicher Schmerz, bei dem so heimlich die Tränen die Wangen runter liefen. Trotzdem gab ich nicht zu, daß mich mein Vater ablöste. Zu Hause wurden die wunden Stellen mit den damaligen Allheilmitten Öl und Arnika behandelt. Nach ca.8 Tagen wurden die Stellen im Rücken hart und das Sattelfahren war gelernt, wenn auch immer noch kein Vergnügen. Diese und manch andere harte Arbeit war der einzige Sport meiner Jugend. So habe ich dann weiter bis zu meinem vollendeten 21.Lebensjahr alle im Erzbergbau vorkommenden Arbeiten als Lehrhauer kennen gelernt. Dann meldete ich mich zur Prüfung als Hauer. Diese Prüfung dauerte ca.8 Tage in denen man von einem Abteilungssteiger jeden Tag eine bestimmte Arbeit zugewiesen bekam, die dann auch von diesem kontrolliert und geprüft wurde. Diese Prüfungsmethode war das sogen. Steckenpferd des damaligen Leiters der staatlichen Bergwerke, des Oberbergrats Fuhrmann, späteren Geheimrats am Wirtschaftsministerium in Berlin, und wurde auf Privatgruben gar nicht geübt. Später fiel dieselbe auch auf den Staatsgruben fort, und heute wird der Bergmann nach einer bestimmten Zeit untertägiger Beschäftigung, einfach zum Hauer befördert. Ich bestand diese Prüfung gut und unternahm es von dieser Zeit ab gleich als Gedingungsträger aufzutreten. An jedem 1.eines Quartals wurden sämtliche Arbeiten zu einem von der Verwaltung festgesetzten Akkordsatz, öffentlich ausgeboten. Da konnte man oft noch die traurige Erscheinung beobachten, daß die von der Verwaltung ausgebotenen Gedingesätze, trotz der damals sehr geringen Löhne, von einigen Kumpels noch unterboten wurden. Inzwischen war ich, mit Vollendung des 20. Lebensjahres zum Militärdienst gemustert und ein Jahr zurückgestellt worden. Im nächsten Jahr wurde ich abermals zurückgestellt. Mein Bruder Wilhelm wurde gleich als tauglich zur Feldartillerie ausgemustert. Meine abermalige Zurückstellung war für mich ein so deprimierendes Gefühl, daß mir das Weinen nahe war. Denn wer damals nicht Soldat wurde war gesellschaftlich auch bei den jungen Mädchen unmöglich. Im dritten Jahr wurde ich dann doch zur Infanterie ausgemustert und kam nach Mainz zum Infanterieregiment No.88. Dort in Mainz diente bereits mein jüngerer Bruder als Artillerist.

In dem Sommer vorher lernte ich ein Mädchen kennen, mit dem ich mich von da ab in Gedanken viel beschäftigen mußte, und das in meinen Zukunftsträumen und Plänen immer eine gewichtige Rolle spielen sollte.

Der Militärdienst wurde mir nicht allzuschwer, wenn es auch oft recht hart herging. Ich war ja Strapazen gewöhnt und habe nie schlapp gemacht. Mein Korporalschaftsführer und der Kompanieleutnant hatten wohl unserem Kompanie-Chef die Meinung beigebracht, daß ich kapitulieren würde. Das hatte zur Folge, daß ich am Schlusse des zweiten Dienstjahres zu meinem großen Verdruß nicht zu denen gehörte die zur Disposition nach Hause entlassen wurden. Ich erklärte meinem Feldwebel, daß ich trotzdem nicht kapitulieren würde. Der Feldwebel hatte dies wohl dem Hauptmann mitgeteilt, der mich dann zu sich rufen ließ. Er gab mir viele gute Worte, um mich doch noch umzustimmen. Ich blieb fest und als er das sah, da sagte er, wenn sie dann absolut nicht wollen, dann haben sie freilich nicht verdient 3 Jahre zu dienen. Er gab mir die Hand und entließ mich mit guten Wünschen. In ganz kurzer Zeit hatte ich den Bescheid, daß ich am nächsten Tag entlassen würde. Mein Kamerad Baldus wurde auf der Abgangsliste wieder gestrichen und ich ging nach Hause. Unser Jahrgang war der Letzte der 3 Jahre dienen mußte. Von da an war die zweijährige Dienstzeit Gesetz geworden. Am 26.September kam ich wieder zu Hause an. Da lagen noch überall auf den Wiesen und Viehweiden der Hafer und Grummet zum Trocknen. Durch eine lange Regenperiode von Mitte Sommer ab, war fast die ganze Ernte des Jahres verdorben. Ich meldete mich sofort wieder als Bergmann und fuhr am 1. Oktober als Hauer auf Grube Königszug wieder an. Im nächsten Frühjahr schon heiratete mein Bruder Wilhelm und mein jüngster Bruder Heinrich mußte im Herbst auch zum Militär. Für mich begann neben meiner Schicht auf der Grube eine sehr harte Arbeit in unserer kleinen Landwirtschaft. Meine Mutter wurde ernstlich krank und konnte nicht einmal ihre Hausarbeit verrichten. Ich habe dann oft, wenn ich des Abends um 11 Uhr von der Grube kam, noch das Vieh füttern und die Kühe melken müssen. Als es meiner Mutter wieder besser ging und sie ihre Hausarbeiten wieder machen konnte, habe ich um Geld zu verdienen bei den Bauern, neben der Schicht und neben unserer eigenen Landwirtschaft, im Heumachen helfen Mähen und im Herbst geholfen die Dreschmaschine drehen usw.

Um 11 Uhr abends kam ich von der Schicht nach Hause und vor 7 Uhr des anderen Morgens stand ich bereits wieder an der Dreschmaschine bis 12 Uhr, und um 1 Uhr war ich wieder auf dem Wege zur Grube. Oder im Heumachen um 11 Uhr nach Hause gekommen, wurde ich um 2 Uhr schon wieder zum Mähen geweckt. Auch dieser Nebenverdienst war damals sehr gering. Aber ich konnte mir doch etwas sparen, was mir nachher sehr zu Gute kam, diese menschenunwürdige Schinderei ging so weiter, bis im Frühjahr 1897, bei mir und meinem Freund Heinrich Stoll, der ebenso schwer arbeiten mußte, fast plötzlich der Vorsatz durchbrach, dieses Leben  nicht mehr so weiter zu führen. Die Durchführung unseres Vorhabens war uns jedoch in Bezug auf die finanzielle Seite noch vollständig unklar. Ich ging am nächsten Tage zu dem damaligen Schullehrer in Eibach, und meldete mich und meinen Freund Heinrich zum Privatunterricht an. Mein Bruder Heinrich war ja inzwischen wieder vom Militär abgegangen, sodaß mir unsere Wirtschaft zu Hause noch weniger Sorge machte. Ich meldete mich sofort auch für die Zeichenschule in Dillenburg an, die ich von da an allsonntäglich besuchte. Der Vorsatz mein Leben anderst zu gestalten hatte auch mit darin seinen Grund, daß ich meiner Angebeteten, mit der ich all die Jahre die Verbindung aufrecht erhalten hatte, und die schon ein paar Jahre in Frankfurt war, nicht zumuten wollte eine einfache Bergmannsfrau zu werden. Ich meldete mich im Laufe des Sommers zur Aufnahme in die Hauptbergschule in Dillenburg. Meine Sorgen waren in pekuniärer Beziehung, keine geringen. Mein Vater billigte mein Vorhaben gar nicht, und war recht unzufrieden mit mir. Er konnte mir ja auch finanziell gar nicht helfen. Seine größte Sorge war aber, daß ich überhaupt die Fähigkeit hätte die Bergschule mit Erfolg zu besuchen. Er hatte mir ja während meiner Schulzeit nie geholfen, und auch nicht zu helfen brauchen. Ehe ich zur Bergschule ging hatte ich mich mit meiner Angebeteten fürs Leben versprochen. Im Laufe der letzten Jahre hatte ich mir mit den vorgeschilderten Nebenarbeiten 100.-Mk erspart und mein anderer Freund Heinrich Jung leihte mir noch 200.-Mk. Ich mußte ja für die Schule noch manches anschaffen. Eine Bergschüler Uniform, einen Mantel, -den ersten für mein Leben -, einige Bücher und manches Andere. Meine Aufnahmeprüfung im September bestand ich mit Leichtigkeit. Am 1.Oktober 1897 begann die Schule. Ich merkte bald, daß ich ganz gut mitkam. Wenn ich feststellte, daß mir etwas unklar blieb, dann habe ich mich abends zu Hause dabei gesetzt und gearbeitet, sehr oft bis 12 Uhr und noch länger bis mir die Sache geläufig wurde. Arbeiten mußte ich zu Hause bei einem ganz primitiven Petroleum-Stehlämpchen, denn damals gab es in Eibach noch kein elektrisches Licht. Wir hatten 4 mal auch nachmittags noch Unterricht, darunter 1 mal in Markscheidt und einmal in Probierkunst (Chemie). Auch manchmal arbeiteten wir mit dem Markscheider auf einer Grube außerhalb Dillenburgs. In diesen Tagen mußte auch irgendwo zu Mittag gegessen werden. Ich sah dann auch bald mein bißchen Geld ganz bedenklich schrumpfen. Wenn mir Herr Bergrat Fliegner, der damalige Leiter der Berginspektion zu dessen Elitetruppe ich auf den Schelder Gruben gehört hatte, nicht zu 15.- Mark Stipendium monatlich verholfen hätte, dann hätte ich schon geldlich gar nicht durchhalten können. Im Frühjahr 1898 mußten wir dann den vorgeschriebenen praktischen Kursus antreten. Jeder mußte während 6 Monaten mindestens auf zwei verschiedenen Gruben arbeiten, und standen unter Aufsicht des jeweiligen Bergrevierbeamten, bei dem man sich erst vorzustellen hatte, wenn man seine Arbeit antreten wollte. Ich wählte ein Blei und Blenderzbergwerk, die Grube Bliesenbach, mit einer größeren Aufbereitungsanlage für das 1. Vierteljahr, im Bergrevier Köln und für das 2. Vierteljahr die Kohlenzeche „Nordstern“ im Bergrevier Recklinghausen. Als Probearbeit bekam ich die Aufgabe die Aufbereitungsanlage der Grube Bliesenbach zu beschreiben und zu zeichnen. Das mußte neben der täglichen Arbeitsschicht unter Tage geschehen.

Am 1.April 1898 fuhr ich mit der Bahn über Siegburg-Ehreshofen bis Lope, einer Station vor Engeskirchen, und meldete mich noch an demselben Tage bei der Betriebsleitung der Grube Bliesenbach. Schon am nächsten Morgen stellte ich mich zur ersten Schicht. Hier erlebte ich gleich meine erste Enttäuschung, die mich sehr deprimierte und mich persönlich aufs tiefste erregte und kränkte, und ich will sie auch hier in meinen Erinnerungen nicht unerwähnt lassen. Als der Reviersteiger bei Schichtbeginn den Schalter zum Mannschaftsraum öffnete sprach einer aus der Belegschaft ein Gebet mit allen katholischen Zeremonien, denn dort war alles katholisch. Dann fing der Steiger an die Anwesenheit seiner Belegschaft durch namentlichen Aufruf festzustellen. Als er den Namen Franck aufrief sagte er, „Franck hier ist ein Bergschüler den nehmen Sie mit“. Da fing dieser Franck an, inmitten der ganzen Belegschaft, unter Gebrauch von allen erdenklichen Flüchen, zu schimpfen, und sagte, ich verdiene schon nichts bei meinem Gedinge, und nun soll ich auch noch einen Bergschüler durchschleppen. Ich sagte vorläufig nichts, und suchte mir als es zur Einfahrt ging meinen Franck auf und trippelte hinter ihm her in den Stollen hinein, wobei er immer noch knurrte und mich keines Wortes würdigte. Vor Ort angekommen legte er mit noch 1/2 Dutzend Kameraden, die nicht weit davon ihre Arbeitsplätze hatten, vor einem freien trockenen Raum die Brotbeutel und die Kaffeekanne ab, um hier auch noch kurze Minuten zusammen zu plaudern, da nahm ich mir den Mut bei der ganzen Gesellschaft Franck anzureden. Ich sagte: Kamerad Franck Sie müssen ja mit Bergschülern schon sehr schlechte Erfahrungen gemacht haben. Er meinte: Ich bringe ja hier in dem festen Gestein selbst kaum ein Bohrloch herunter. Da sagte ich im Beisein der anderen Kameraden: Kamerad Franck! Für jeden Zoll den Sie mehr bohren als ich, zahle ich Ihnen 3.-Mark. Das sagte ich, ohne daß ich damals auch nur über 1,-Mk verfügt hätte. Es gab unter den anderen Kumpels einige lächerliche Mienen. Aber schon während der ersten  Schicht wurde mein Franck ganz munter und gesprächig. Wir wurden ganz gute Kameraden. Aber nicht einmal hat er sich 3,-Mk verdienen können. Ich habe ihm sogar immer die schwersten Arbeiten abgenommen. Aber das Gedinge war tatsächlich gering, sodaß trotz allen Fleißes der Monatsverdienst ein knapper blieb. Der Verdienst blieb auch in den nächsten beiden Monaten gering, so daß mir nach Bezahlung für Kost und Logi nur soviel übrig blieb, daß ich die Kosten für meine Reise nach Westfalen am 1.Juli soeben decken konnte, Meine, von der Schule aufgegebene Probearbeit hatte ich neben der Schicht unter Tage fertiggestellt, und bekam später die Zensur „Die Arbeit ist gut“. Mein Tagebuch, das auch geführt werden mußte wurde von der Betriebsleitung bestätigt.

Am 1.Juli 1898 fuhr ich über Köln, Essen nach Horst-Emscher und meldete mich dort bei der Direktion der Zeche Nordstern zur praktischen Arbeit im Kohlen-Tiefbau. Meine erste Arbeit begann auf der 600 mtr Tiefbausohle in einem Bremsberg-Aufschauen(?) mit Wetterführung in 8 mtr. Breite. Das Kohlenflöz war dort nur 1 mtr. breit und hatte 30 Grad einfallen. Hier konnte man nur in gebückter Stellung, oder auf den Knien mit der Kohlenschaufel die losgebrochenen Kohlen an den Bremsberg befördern. Bei 25° Wärme nur mit einer Leinenhose bekleidet lief der Schweiß mit dem Kohlenstaub in Strömen am nackten Körper herunter. Auch hier wollte und habe ich meinen Mann gestanden, war aber bei Schichtschluß vollständig erledigt. Hier habe ich den Kumpel im Kohlenbütt, ob seiner Zähigkeit und Leistung bewundern und schätzen gelernt, und sah ein, daß sein Beruf gegenüber allen anderen Berufen, die höchsten Anforderungen an Arbeitskraft und Gesundheit stellt. Im Verlauf der 3 Monate lernte ich noch viele Arbeitsmethoden und Einrichtungen, wie sie im Steinkohlenbergbau vorkommen, kennen. Auch bin ich oft mit dem Wettersteiger gefahren an den verschiedenen Brennpunkten die Wetter zu messen. Mein Logi in Emscher war recht gut. Aber gemessen an meinem Verdienst war das Logi für mich zu teuer, was auch dann dazu führte, daß ich entgegen meinem Wollen und meiner Hoffnung  nur soviel gespart hatte, daß ich ohne Schulden wieder nach Hause kam.

In den ersten Tagen Oktober 1898 begann in Dillenburg wieder die Schule, und es galt nunmehr im letzten Halbjahr die Fächer der I.Klasse noch mit Erfolg zu bewältigen. Daß mir das noch voll gelungen war bewies mein Abgangszeugnis am 1.April 1899., in dem bescheinigt war: „A. Habicht wird als gut befähigt zu den Diensten eines Steigers oder Betriebsführers entlassen“. Ich war einer der wenigen denen gleich die Befähigung zum Betriebsführer zuerkannt wurde. Als ich dann zu Hause meinem Vater mein Zeugnis vorlegte, konnte ich in seinen Augen eine freudige Überraschung sehen.© Martin Storz